What's next?
Vor sechs Monaten
Ein paar von ihnen hatten bei Chantal zu Hause gefeiert, aber irgendwann waren die meisten gegangen – betrunken, müde, oder einfach gelangweilt. Betty war geblieben, weil sie sich mit Lukas unterhalten hatte, stundenlang, über alles und nichts. Sie hatten im Garten gesessen, Decken über den Beinen, und über Sterne geredet, über Musik, über das Gefühl, manchmal einfach unsichtbar zu sein.
Und dann hatte er sie geküsst. Es war sanft gewesen, fast zögerlich, aber Betty hatte es erwidert. Sie hatte es nicht geplant, aber es hatte sich richtig angefühlt. Sie waren zu ihm nach Hause gegangen, in sein Zimmer, hatten sich auf sein Bett gelegt, immer noch in ihren Klamotten, aber die Küsse waren intensiver geworden, die Hände neugieriger.
Betty erinnerte sich an jedes Detail: wie seine Finger an ihrem Bauch zitterten, wie er ihr Shirt hochschob, wie sein Atem gegen ihre Haut strich. Sie erinnerte sich an das Gefühl seiner schmalen Hüften zwischen ihren Beinen, wie er sich über sie beugte, wie sein Gesicht im Mondlicht so weich und zerbrechlich wirkte.
Und dann, als ihre Hände zu seinem Gürtel wanderten, als sie den Reißverschluss öffnete und hineingriff – da war nichts.
Nichts, was sie erwartet hatte.
Betty hatte innegehalten, verwirrt. Lukas war über ihr erstarrt, hatte den Atem angehalten, und in seinen Augen stand pure Panik.
"Lukas?", hatte sie geflüstert.
Er hatte sich von ihr gerollt, war aufgesprungen, hatte sich in die Ecke des Zimmers gedrückt, die Hände vor das Gesicht geschlagen. "Es tut mir leid", hatte er geschluchzt. "Es tut mir so leid. Ich hätte es dir sagen sollen. Ich wollte es dir sagen, aber ich hatte Angst. Ich hab so Angst, Betty."
Sie hatte sich aufgesetzt, hatte ihn angesehen – diesen Jungen, der in der Schule immer der lauteste war, der schrillste, der mit dem aufgedrehten Lachen, das alle für kindisch hielten. Und dort, in der Ecke seines Zimmers, hatte sie ihn zum ersten Mal wirklich gesehen: nicht als den Klassenclown, nicht als den lauten Rotkopf, sondern als jemanden, der so viel Angst hatte, dass er jedes Geräusch, jede Bewegung, jedes Lachen nutzte, um sich zu verstecken.
"Lukas", hatte sie gesagt, und ihre Stimme war ruhig gewesen, viel ruhiger, als sie sich gefühlt hatte. "Komm her. Bitte."
Er war zögernd gekommen, hatte sich neben sie gesetzt, aber sie nicht angesehen. Sie hatte seine Hand genommen, seine kalten, zitternden Finger in ihre gelegt.
"Du kannst es mir sagen", hatte sie geflüstert. "Was auch immer es ist. Ich bin nicht böse."
Und dann hatte er es ihr erzählt: Er war genetisch ein Mann, aber sein Körper hatte sich nie so entwickelt – das Swyer-Syndrom, hatten die Ärzte erklärt. Ein seltener Fall. Er hatte keine Hoden entwickelt, keinen Penis, stattdessen eine Vagina, die nie richtig ausgebildet war, die er hasste, die er jeden Tag versteckte. Er war kein Mann, nicht wirklich. Aber er war auch keine Frau. Er war irgendetwas dazwischen, und die Welt hatte keinen Platz für ihn.
Betty hatte ihn einfach in den Arm genommen.
Sie hatten sich wieder geküsst, sanfter diesmal. Und sie hatten weitergemacht. Sie hatte ihn berührt, er sie, und sie hatte gelernt, dass Zärtlichkeit nicht an Geschlechtsteile gebunden war. Sie hatten viel gestreichelt, gefummelt, geküsst – stundenlang, bis die Morgendämmerung durchs Fenster schien.
Es war nicht bei dem einen Mal geblieben.
In den Monaten danach hatten sie sich immer wieder getroffen, manchmal bei ihm, manchmal bei ihr. Es war nie Liebe gewesen, nicht im romantischen Sinne. Sie waren keine Freunde mit Küssen auf die Stirn und Händchenhalten in der Schule. Aber sie waren mehr als Freunde, und weniger als ein Paar. Freundschaft Plus – so hatte Chantal so etwas einmal genannt, ohne etwas von Betty und Lukas zu wissen.
Die Erinnerung verblasste, und Betty fand sich wieder auf ihrem Bett in der Jugendherberge wieder, die Beine immer noch angewinkelt, der lose Faden der Decke längst vergessen. Ihre Wangen waren warm, und sie spürte ein flaues Gefühl in der Magengegend – das, was sie immer spürte, wenn sie an Lukas dachte. An seine Hände, seine Augen, seine Stimme, die immer ein bisschen zitterte, wenn er verletzlich war.
Sie stand auf und ging zum Fenster. Draußen war die Nacht schwarz und still, nur ein paar Lichter blinkten im Tal. Sie dachte an Chantals Worte, an ihre scharfe, stechende Stimme: "Weißt du, was das ist, Betty? Das ist ein Machtspiel."
Chantal hatte recht. Das wusste Betty tief in ihrem Inneren. Aber es gab noch etwas anderes in ihr, etwas, das Chantal nicht verstehen konnte: die Erinnerung an Lukas' verängstigte grüne Augen, an seine zitternden Hände auf der Holzbank. Er würde spielen, würde so tun, als wäre er einer von ihnen. Und wenn wirklich ein Mädchen käme, wenn er zugeteilt würde, dann...
Betty biss sich auf die Lippe. Sie konnte ihn nicht im Stich lassen. Nicht nach allem, was sie wusste. Nicht nach allem, was sie geteilt hatten.
Aber wenn sie hinging, bedeutete das, sich auszuziehen. Nackt zu sein. Sich von den Jungs anstarren zu lassen, als wäre sie ein Stück Fleisch, so wie Chantal es gesagt hatte. Wie würde Lukas dann regieren?
Betty drehte sich vom Fenster weg und setzte sich wieder auf ihr Bett. Ihr Herz klopfte schnell, und ihre Hände waren feucht. Sie hatte Angst – nicht vor den Jungs, nicht vor der Demütigung, nicht vor dem, was die anderen Mädchen denken würden.
"Was soll ich nur tun?", flüsterte sie in die leere Stille des Zimmers.
Die Antwort kam nicht außen. Es gab niemanden, der ihr sagen konnte, was richtig war. Chantal war in der Dusche, die anderen Mädchen waren vielleicht schon auf dem Weg zum Jungszimmer, und Lukas...
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