What's next?
Zwischen den Zeilen
Zwei Wochen waren vergangen, in denen sich die Schlinge um meinen Alltag mit chirurgischer Präzision zugezogen hatte. Das tägliche Lauftraining, getrackt über den leuchtenden Ring meiner Apple Watch, das penibel abgewogene Essen und der permanente Druck des Harzkäfigs gehörten mittlerweile zu einem festen, zermürbenden Rhythmus. Jeder Schritt auf dem Asphalt erinnerte mich daran, dass mein Körper nicht mehr mir gehörte.
Es war ein Donnerstagnachmittag. Loona war noch für eine halbe Stunde in der Stadt verabredet, und ich kniete im Flur vor dem Schuhregal, ordnete die Absätze nach Farben und polierte das Leder.
Ein schrilles Klingeln an der Wohnungstür riss mich aus der Bewegung.
Ich erstarrte kurz, rappelte mich dann auf. Der harte Basisring rieb bei der schnellen Bewegung an meinen Oberschenkeln. Durch den Spion sah ich eine junge Frau, die mir völlig fremd war. Ich öffnete die Tür einen vorsichtigen Spalt.
„Hi! Du musst John sein.“
Vor mir stand ein Mädchen mit welligen, kastanienbraunen Haaren, die ihr locker über die Schultern fielen. Ihre rehbraunen Augen musterten mich mit einer Wärme, die im ersten Moment entwaffnend wirkte. Sie trug eine eng anliegende Lederjacke über einem schlichten weißen Shirt, Jeans, die ihre Figur betonten, und verströmte einen dezenten, pudrigen Vanilleduft.
„Äh… ja. Hi“, brachte ich heraus. „Loona ist noch nicht da. Sie meinte, sie braucht noch etwa zwanzig Minuten.“
„Weiß ich doch, hat sie mir geschrieben“, erwiderte sie mit einem unbeschwerten Lächeln, schob sich geschmeidig an mir vorbei in den Flur und streifte beiläufig ihre Sneaker ab. „Ich bin Nadja. Wir lernen zusammen an der Uni. Und bevor ich draußen in der Kälte warte, leistest du mir doch sicher ein bisschen Gesellschaft, oder?“
Ich schloss die Tür, das Herz schlug mir bis zum Hals. Nadja. Der Name war in den letzten Wochen immer wieder gefallen – die Bar-Nächte, die Club-Eskapaden.
„Klar. Möchtest du… willst du was trinken? Wasser? Kaffee?“
„Ein Wasser wäre super, danke“, sagte sie und schlenderte mit ruhigen, federnden Schritten ins Wohnzimmer.
Als ich kurz darauf mit dem Glas in der Hand den Raum betrat, saß Nadja bereits mitten auf der Couch. Sie hatte ein Bein untergeschlagen, das andere locker über die Kante hängen lassen. Ihr Blick glitt aufmerksam über die Regale, den makellos gewischten Glastisch und blieb schließlich an mir hängen. Ein feines, amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Ich stellte das Glas vor ihr ab und trat unwillkürlich einen Schritt zurück, die Hände vor dem Körper verschränkt, um den Schritt meiner dunklen Jogginghose instinktiv zu verdecken.
„Danke dir.“ Sie nippte an dem Glas, stellte es ab und stützte das Kinn auf ihre Handfläche. Ihre rehbraunen Augen fixierten mich unverwandt, fast sezierend. „Hältst du hier eigentlich alles so blitzblank? Man könnte glatt vom Boden essen.“
„Wir… wir haben eine Putzkraft“, wich ich aus und spürte, wie mir die Hitze in die Wangen kroch. Es war nur die halbe Wahrheit: Die Haushaltshilfe kümmerte sich fast ausschließlich um den Trakt meiner Eltern, während {reader:Loonas} Zimmer, der Flur und mein eigener Bereich längst meiner täglichen, peniblen Handarbeit unterlagen.
„Ach, eine Putzkraft also“, sagte Nadja gedehnt. Ihre Stimme klang vollkommen unschuldig, doch der Tonfall trug eine hauchdünne Schärfe in sich. „Wie praktisch. Aber du siehst gar nicht nach fauler Couchpotato aus, John. Ein richtiger Vorzeigejunge. Diszipliniert, sportlich gebaut…“
Ihr Blick glitt betont langsam von meinen Schultern über meine Brust hinab zu meiner Taille und blieb einen spürbaren Wimpernschlag auf meinen Hüften liegen.
„Du wirkst allerdings ein bisschen… angespannt, John.“
Ich schluckte trocken. „Der Prüfungsstress. Die Schule verlangt gerade ziemlich viel.“
„Ach, die Schule?“ Sie lachte leise auf – ein helles, warmes Geräusch, das in scharfem Kontrast zu der Kälte stand, die plötzlich in meinem Nacken kribbelte. „Kann schon anstrengend sein, wenn jeder meint, Erwartungen an einen stellen zu müssen. Aber vielleicht liegt es ja gar nicht nur an den Büchern. Manche Dinge sitzen einem einfach… zu eng, nicht wahr? Wenn man keine Möglichkeit hat, mal richtig Dampf abzulassen.“
Mein Atem stockte für einen Sekundenbruchteil. Der Satz war so formuliert, dass man ihn völlig harmlos über schulischen Leistungsdruck und mangelnden Ausgleich verstehen konnte. Doch die Art, wie sie dabei den Kopf schief legte und ihre Wimpern senkte, jagte mir eine Welle purer Panik durch die Adern. Wusste sie etwas? Hatte Loona ihr Details anvertraut, von denen ich nichts ahnte?
Unter der Jogginghose meldete sich mein Körper auf die bloße Bedrohung hin mit einem unwillkürlichen Schwellen.
Klick.
Das Fleisch drückte gegen das unnachgiebige Gehäuse. Ein scharfer Schmerz schoss mir in die Leiste, und ich musste mein Gewicht unmerklich verlagern, um nicht zusammenzuzucken.
Nadja entging die winzige Bewegung nicht. Ihr Lächeln vertiefte sich um einen Millimeter, harmlos und grausam zugleich.
„Setz dich doch, John“, sagte sie sanft und klopfte mit der flachen Hand auf das Polster neben sich. „Du musst doch nicht wie ein Diener in der Ecke herumstehen, bis die Hausherrin wieder da ist.“
Bevor ich eine Ausrede stammeln konnte, klickte im Flur der Schlüssel im Schloss.
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