What's next?
Unter Freunden
Der Weg zur Schule fühlte sich an wie der Gang zum Schafott. Bei jedem Schritt drückte der Harzkäfig unbarmherzig gegen mein Fleisch, und die Apple Watch brannte an meinem Handgelenk wie ein stummer, pulsierender Sensor direkt in {reader:Loonas} Hand. Ich hatte mich gefügt. Die Schmach vor Arisa am Morgen saß mir noch tief in den Knochen, doch die wahre Prüfung stand mir erst bevor.
Als der Gong zur ersten großen Pause durch die Gänge hallte, verließ ich mit feuchten Händen das Klassenzimmer. Ich brauchte nicht lange zu suchen. Auf den Stufen vor dem Hauptportal, genau dort, wo die beliebtesten Leute des Jahrgangs standen, lehnte Emma.
Nach außen hin war Emma das Mädchen, das jeder mochte: offen, strahlend, mit einem entwaffnend herzlichen Lächeln, dem man kaum etwas abschlagen konnte. Neben ihr stand Leon, die Arme locker verschränkt. Als Emmas Blick mich erfasste, hellte sich ihre Miene sofort auf. Sie winkte mir sogar kurz und freundlich zu – doch in ihren Augen blitzte für einen Sekundenbruchteil genau jene berechnende Kälte auf, die sie nach Belieben an- und ausschalten konnte.
Mein Magen krampfte sich zusammen. Mit hängenden Schultern trottete ich die Stufen hinab, spürte das Scheuern des Plastiks bei jeder Stufe und blieb einen Schritt vor den beiden stehen.
„Hey John! Super, dass du kommst“, sagte Emma mit einer Melodie in der Stimme, die für jeden Umstehenden wie reine Schulfreundschaft klang. Sie neigte leicht den Kopf und lächelte mich gewinnend an. „Du bist doch so ein Schatz und wolltest sowieso rüber zum Bistro an der Ecke, oder? Bringst du uns zwei große Frappuccinos mit Karamell und zwei Bagels mit? Frisch getoastet wäre perfekt.“
Ich schluckte trocken, griff reflexartig in meine Jackentasche und spürte mein Smartphone. „Klar… soll ich… hast du mir…“
Emma trat mit einem leisen Lachen einen halben Schritt näher, legte mir scheinbar kumpelhaft eine Hand auf den Unterarm und neigte sich leicht zu mir. Für Leon sah es aus wie ein vertrautes Tuscheln, doch ihre Stimme verlor mit einem Schlag jede Wärme und wurde messerscharf: „Du weißt ganz genau, wer das bezahlt, John. Oder soll ich Loona kurz schreiben, dass du dich morgens schon querstellst?“
Die bloße Erwähnung ihres Namens ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Gleichzeitig wandte sich Emma wieder strahlend zu Leon um. „John meinte vorhin, er schuldet mir sowieso noch was, weil ich ihm letzte Woche mit den Unterlagen geholfen habe.“
Leon grinste entspannt. „Na dann, danke dir, Bro. Sehr korrekt von dir.“
„Ganz genau“, säuselte Emma und schenkte mir wieder dieses zuckersüße, unschuldige Lächeln, hinter dem die Drohung glasklar funkelte. „Lauf schnell, John, sonst wird die Pause zu kurz.“
Ich drehte mich wortlos um und lief los. Die fünfhundert Meter zum Bistro legte ich im halben Dauerlauf zurück, wobei der Käfig bei jedem Schritt wie ein spitzer Keil gegen mein Becken rammte. An der Kasse zückte ich mein Handy, hielt es an das Terminal und sah mit brennenden Augen zu, wie fast achtzehn Euro von meinem Taschengeldkonto abgebucht wurden. Für Emma. Für Leon. Für mein eigenes, erbärmliches Überleben.
Außer Atem und mit zwei Pappbechern sowie einer Papiertüte in den Händen kehrte ich auf den Schulhof zurück.
„Oh, perfekt, du bist der Beste!“, rief Emma mit gespielter Begeisterung, nahm die Becher entgegen und reichte einen an Leon weiter. Dann griff sie in ihre Tasche, zog eine schmale Klarsichtfolie mit vier handschriftlich bekritzelten Blättern heraus und reichte sie mir mit einem entwaffnend freundlichen Lächeln.
„Hier, du wolltest dir doch meine Notizen für das Geografie-Referat am Mittwoch ansehen“, sagte sie laut genug für Leon, während ihre Finger die Blätter fest in meine Hand drückten.
Als Leon einen Schluck aus seinem Becher nahm, beugte sich Emma ein Stück zu mir vor. Ihr süßer Duft nach Rosen und Frühling stieg mir in die Nase, doch der Tonfall, mit dem sie leise weitersprach, duldete keinen Widerspruch.
„Das sind nur vier Seiten, aber ein ziemliches Chaos. Tipp mir das ordentlich als PDF ab, bring Struktur in die Stichpunkte und leg es mir morgen früh vor der ersten Stunde auf den Tisch. Loona meinte, du hättest heute sowieso Zeit. Also enttäusch sie nicht.“
Sie trat zurück, schenkte mir noch ein warmes, makelloses Lächeln für die Galerie und hakte sich bei Leon ein. „Komm, Leon, lass uns reingehen.“
Der Druck des Harzkäfigs im Schritt, die Abbuchung auf meinem Konto und die Blätter in meiner zitternden Hand schnürten mir die Kehle zu. Die Schlinge zog sich nun auch hier, vor aller Augen und hinter der Fassade eines harmlosen Gefallens, unerbittlich zu.
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