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Nachhilfe

Chapter 25 by Levantin Levantin

Das Klingeln riss die Stunde entzwei, und Emma klappte ihr Heft zu, als wäre der Rest des Tages bereits beschlossen.

„Komm, lass uns einen Kaffee trinken gehen“, sagte Emma.

Ich stutzte. Hatte sie mich gerade auf ein Date eingeladen, rasten meine Gedanken. Naja, jedenfalls so gut, wie sie es dank des akuten Blutmangels in meinem Hirn konnten. Ich schaute ihr hinterher wie ein Auto.

Emma hielt an der Tür inne und drehte sich zu mir um. "Kommst du?"

Ich stopfte die Bücher in die Tasche und stand vorsichtig auf. Der Stoff zwischen den Beinen war immer noch unbequem, warm, zu eng, und ich hoffte nur, dass es niemand sah. Emma wartete an der Tür, den Rucksack über einer Schulter, ihre Haare saßen perfekt, als hätte der Tag sie kaum berührt.

Auf dem Flur war Lärm. Schließfächer, Lachen, irgendwer rief ihren Namen. Sie hob die Hand, blieb aber neben mir. Der Duft nach Rosen und Frühling schob sich durch den Gang, jedes Mal, wenn sie einen Schritt näher kam. Ich atmete durch die Nase und bereute es sofort.

Vor der Schule bog sie nicht Richtung Bus, sondern in die kleine Seitenstraße. Das Café lag fast am Schulgebäude, mit schmalen Fenstern, einer Kreidetafel draußen und dem Geruch von Kaffee und warmem Milchschaum drinnen. Die Sonne hatte ihren Zenit schon lange hinter sich und wanderte langsam gegen Westen.

„Hinten“, sagte Emma, als uns eine Glocke über der Tür empfing. „Da ist Platz.“

Die Bedienung hinter der Theke sah hoch und grinste sofort. Eine aus Emmas Kreis, vielleicht sogar aus unserem Jahrgang, Schürze über dem T-Shirt, den Stift schon in der Hand.

„Hey Emma, das Übliche?“, rief sie rüber.

Emma lachte nur und winkte. „Zwei Tische hinten, ja?“

„Ist frei. Du kennst den Weg.“

Hinten war es ruhiger. Die Musik blieb an der Theke hängen, und die großen Fensterplätze vorn waren teils besetzt, hinten war jedoch fast niemand. Emma schob zwei Tische zusammen, als gehörte das Café ihr, und breitete Hefte, Stifte und das Physikbuch aus. Der Anblick des Physikbuches dämpfte meine ursprüngliche Euphorie etwas, aber was hatte ich mir auch dabei gedacht, dass Emma, ausgerechnet Emma, mich nach einem Café-Date fragen würde?

Ich setzte mich ihr schräg gegenüber, nah genug, dass unsere Knie sich unter der Platte finden konnten, und versuchte, den Rucksack so auf den Schoß zu ziehen, dass er verdeckte, was der Stoff nicht verdeckte.

Da kam auch schon die Bedienung hinterm Tresen hervor und brachte Emma einen Eiskaffee in einem Cocktailglas mit Strohhalm. Sie sah mich an. Ich war mir sicher, dass sie aus dem Jahrgang unter uns war, aber ich kannte ihren Namen nicht. "Was kann ich dir bringen?" Ihre Augen funkelten belustigt, als sie beobachtete, wie ich mit meinem Rucksack kämpfte.

"Einfach nur ein Wasser, danke", kommt sofort.

Sie grinste und verschwand wieder. Ich stellte den Rucksack nun doch neben meinen Stuhl und sah rüber zu Emma.

„Analysis“, sagte sie und schob mir das Blatt hin, während sie schon den Strohhalm zwischen die Lippen nahm. „Die hier. Und bitte nicht in diesem Tempo von vorhin. Ich will das verstehen. Nicht nur abschreiben.“

„Gut.“

Meine Stimme klang normaler, als ich mich fühlte. Ich schob das Heft zurecht und fing bei den Grundlagen an, so als könnten Kettenregel und Ableitung mich retten. Eine Zeit lang klappte das sogar. Ich erklärte, sie hörte zu, die Stirn leicht gerunzelt, ganz bei der Sache. Manchmal nickte sie, biss innen gegen die Lippe und schrieb den Schritt ab. Wenn sie nicht weiterkam, tippte sie mit dem Stift gegen meine Hand und ließ die Berührung eine Sekunde länger liegen, als nötig gewesen wäre.

Zwischendurch zog sie an dem Strohhalm. Nicht hastig. Langsam. Ihre Zunge schob sich gegen das Plastik, kreiste einmal, ließ den Halm ein Stück aus dem Mund gleiten und nahm ihn wieder auf, als dächte sie über die Aufgabe nach. Ich hätte wegschauen sollen. Ich tat es nicht rechtzeitig.

„Nochmal“, sagte sie bei der dritten Aufgabe und tippte mir gegen den Handrücken. „Aber sieh mich an, während du’s sagst.“

Ich sah sie an.

Das war ein Fehler.

Ihre Augen waren hell und aufmerksam, zu nah für ein Café voller Leute. Ein paar Sommersprossen über der Nase. Der Strohhalm glänzte nass zwischen ihren Lippen. Ich wiederholte die Formel und hörte mich selbst stolpern. Emma lächelte ganz kurz, nur ein Mundwinkel, und in demselben Moment schob sie ihr Knie gegen meins, so beiläufig, dass man es für Platzmangel hätte halten können.

„Siehst du. Geht doch.“ Sie beugte sich über das Papier und fuhr mit dem Stift die Zeile entlang, wobei ihre Finger meine fast streiften. „Du kannst das. Du tust nur immer so, als wärst du woanders.“

„Bin ich nicht.“

„Mhm.“

Wir rechneten weiter. Draußen wanderte die Sonne weiter nach Westen. Vorn lachte jemand, den ich aus dem Kurs kannte. Unter dem Tisch blieb Emmas Knie. Gelegentlich streifte sie meinen Unterarm, wenn sie das Heft rückte. Oder sie ließ ihre Fußspitze mein Bein berühren, während sie an dem Strohhalm zog und so tat, als gehöre ihre ganze Aufmerksamkeit der nächsten Aufgabe. Der Kontakt war jedes Mal so wenig, dass man ihn hätte wegerklären können. In mir reichte er trotzdem. Mein Schwanz war so voll, so schwer, dass Denken sich anfühlte wie durch Watte. Ich erklärte dieselbe Grundlage zweimal und merkte es erst, als Emma leise kicherte.

Nach einer Stunde atmete sie aus, als hätte sie etwas Schweres abgestellt, und klappte das Heft zu, aber nicht ganz. Ein Finger blieb zwischen den Seiten.

„Das sitzt. Zumindest für heute.“ Sie sah mich an, ruhig, fast ernst. „ John, das war gut, Trinken geht auf mich. Was hältst du davon, wenn wir das wiederholen und eine Art regelmäßige Nachhilfe machen? Ich weiß, ich bin nicht komplett unfähig, aber ich will Medizin studieren und wie du weißt, braucht man dafür einen Einser-Schnitt. Den habe ich in Mathe und Physik bisher nicht, du schon. Was hältst du davon, zweimal die Woche?

Ich drehte den Stift zwischen den Fingern und versuchte, einen klaren Satz zu finden. Irgendwo in mir schob sich bereits die Liste nach vorn. Haushalt. Training. Die Dinge, die Loona von mir erwartete, plus Essen, Aufräumen, Funktionieren. Dazwischen zwei Mal die Woche Emma, dieses Knie, dieser Strohhalm, dieser Duft nach Rosen.

„Das ist… viel.“

„Für dich nicht.“ Ihr Blick blieb fest, und darunter lag dieses gewohnte Selbstverständliche, mit dem Emma Dinge bekam, ohne sie sich hart erkämpfen zu müssen. „Du kannst das im Schlaf. Ich nicht und ich frag nicht irgendwen. Ich frag dich.“

Mein Schwanz pochte so schwer gegen den Stoff, dass ich für einen Moment nur das hörte. Die Bedienung rief irgendetwas zur Theke. Emmas Strohhalm klackte leise gegen das Glas.

„J-ja“, stotterte ich. „Geht. Zwei Mal. Geht.“

Emmas Augen leuchteten auf, sie strahlte förmlich von innen heraus.

„Gut.“ Sie stieß mir spielerisch gegen den Arm und ließ die Hand einen Moment länger dort. „Dann trägst du das ein. Als Termin. Nicht als Gefallen, den du vergessen darfst.“

„Als Termin.“

„Genau.“ Sie zog noch einmal an dem Strohhalm, ihre Zunge strich über das Plastik. „Danke. Wirklich.“

Die Umarmung kam danach, kurz, von der Seite, zwischen zwei zusammengeschobenen Tischen und dem Geruch nach Kaffee. Rosen. Wärme. Ihr Kinn an meiner Schulter. Ich hielt sie locker, weil fester falsch gewesen wäre, und merkte trotzdem, wie sich alles in mir noch einmal anzog.

Dann ließ sie los, winkte der Bedienung und ließ mich mit den Heften und einem Ja zurück, das sich nur schwer in meinen ohnehin schon vollen Terminkalender einplanen ließ. Zwei Mal die Woche, je ca. 1 Stunde. Na gut, das würde ich schon schaffen. Ob ich das allerdings hinbekommen würde, ohne mir einen runterzuholen, war eine andere Frage.

Die Bedienung kam nach hinten und schaute nach dem Rechten. „Kann ich dir helfen? Möchtest du noch was? Fragte sie mich. Ihr Blick glitt dabei an mir runter und blieb an der mittlerweile gut sichtbaren Beule in meiner Hose hängen. Das Blut schoss mir in die Ohren und mein Gesicht wurde merklich wärmer.

„Nein, danke. Mir geht es soweit gut, danke.“ Ich stopfte schnell meine Sachen in die Tasche und verließ den Laden.

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