Sommer

Sommer

„Gott verdammt noch einmal sprich mit mir.“, schrie Tanja Martini. Doch noch bevor sie diesen Satz ganz zu Ende ausgesprochen hatte, schlug die Tür vor ihr ins Schloss. Diese gehörte zum Zimmer ihrer Tochter.

Verzweifelt reißt Tanja die Zimmertür wieder auf, ihre Tochter kaut, mit dem Rücken an die Wand gelehnt auf ihrem Bett. Sie hatte die Beine angezogen und den Kopf auf den Knien unter ihren Armen vergraben.

„Lisa.“, bat ihre Mutter. „Rede mit mir. So geht das doch nicht weiter. Ich bin doch deine Mutter.“

„Meine Mutter ist tot.“ schrei das Mädchen ohne ihren Kopf zu heben. „Hau ab. Lass mich in Ruhe.“

„Bitte.“, versuchte es Tanja noch einmal.

Aber die einzige Antwort war ein schriller ohrenbetäubender Schrei ihrer Tochter. „Lass mich einfach in Ruhe!“

Traurig Schloss ihre Mutter die Tür von Linas Zimmer ,Tanja wusste, dass sie heute an Lisa nicht mehr herankam. Es war nicht das erste Mal, dass sich ihre Tochter so benahm. Seit einem Viertel Jahr geschah das jetzt immer wieder mal und das betrübte natürlich Tanja.

Diese Situationen mit ihrer Tochter begannen immer recht harmlos, und eskalierten dann meist heftig. Je mehr Tanja versuchte, Lisa zu beruhigen, desto mehr steigerte sich ihre Tochter hinein.

Und wenn Lina, dann noch das Thema Mutterfrage ins Spiel brachte, gab es kein Halten mehr, dann blieb Tanja nicht weiter als Lisa in Ruhe zu lassen.

Sicher Tanja war nicht Lisas leibliche Mutter, die war an Krebs gestorben als das Mädchen fünf Jahre alt war. Aber schon drei Jahre später heiratete ihr Vater Tanja.

Stefan Martini war damals 34 und bereits ein erfolgreicher selbstständiger Ingenieur. Tanja machte damals mit 28 gerade ihre ersten Schritte als Anwältin. Natürlich wusste Tanja, dass sie nie die leibliche Mutter der kleinen Lisa werden konnte, aber sie liebte das Mädchen seit dem ersten Augenblick als ob es ihre eigene Tochter wäre.

Deshalb hatten Stefan und Tanja bewusst auf ein gemeinsames Kind verzichtet. Für Tanja gab es nur Lisa, und das Mädchen brauchte eine Mutter.

Das Verhältnis zwischen Lisa und ihr war vom ersten Tag an richtig gut und harmonisch. Tanja sah, dass das Mädchen heranwuchs und als Lisa in die Pubertät kam, wusste Tanja, dass sie endgültig in Lisas Leben angekommen war. Sie half dem Mädchen durch den ersten Liebeskummer, freute sich mit ihr über den ersten Kuss und nahm in Lisas Leben wirklich den Platz einer Mutter ein.

Das Mädchen hatte nie mit einem Wort oder einer Geste erkennen lassen, dass ihr Tanja's Rolle als Mutter missfiel.

Erst als Lisa vor etwas über drei Monaten 18 Jahre alt wurde, begann das Drama und jeder Streit schien eine Steigerung zu werden.

Ein Glück war, dass die Grundstücke hier in der Gegend recht groß waren, in einer Etagenwohnung wäre sonst die Polizei wegen Ruhestörung schon mal dagewesen.

Warum bis du nicht da, Stefan?, fragte sich Tanja immer wieder. Ausgerechnet jetzt musste ihr Mann für sechs Monate nach Australien gehen. Aber mit dieser Entwicklung zu Hause hatte niemand rechnen können.

Bis jetzt hatte Tanja versucht, Stefan nichts von den Problemen mit Lisa zu erzählen, weil Stefan alle seine Kraft, als einer der führenden Spezialisten für erneuerbare Energien brauchte.

Und da Tanja noch keine besorgten Anrufe vom Stefan aus Australien erhalten hatte, war es ein gutes Zeichen, das Lisa auch ihrem Vater mit keiner Silbe über diese Streitereien informiert hatte.

Der nervöse ständige Streit mit Lisa schlauchte die Ehefrau, Mutter und Anwältin gewaltig, auch weil ihr Job als Anwältin sehr anstrengend und hart war, denn ihre Mandanten erwarteten natürlich Leistung von ihr.

Deshalb war ein intaktes Familienleben sehr wichtig und eigentlich Gold. Noch hat der ständige Streit mit Lisa keinen Einfluss auf Tanjas Arbeit. Sie konnte die Belastung mit ihrer Tochter Lisa gut wegstecken, aber wie lange noch? Es war nur noch eine Frage auf Zeit, ist Tanja es nicht mehr geschafft.

Von der Figur her war die Ehefrau, Mutter und Anwältin eine fast perfekte 38-jährige Frau, ihre Proportionen ihres Körpers konnten sich durchaus sehen lassen.

Regelmäßiges Joggen vertrieb die Pfunde, bevor sie sich festsetzen konnten und straffte die Beine und Po. Leichtes Krafttraining hielt den Busen an seinem Platz und glättete den Bauch.

Das lange kastanienbraune Haar behielt dank einer Spülung seine Originalfarbe und die stets einen Hauch zu energisch blickenden grünen Augen bildeten einen interessanten Kontrast zu dem beinahe mädchenhaften und von zwei niedlichen Grübchen geprägten Gesicht.

Das Urteil der Männer mit denen Tanja zu tun hatte, fiel im Großen und Ganzen immer gleich aus. Eine hübsche Endreißigerin, die auf sich acht gab und einen Seitenblick lohnte.

Es war mittlerweile spät geworden, Tanja hatte morgen einen anstrengenden Tag vor Gericht, aber so einfach jetzt ins Bett gehen war nach dem Streit nicht möglich. Dies würde wieder bedeuten, nur stundenlanges Wachliegen und Grübeln über die Ursachen dieser Streitereien mit ihrer Tochter.

Eine Tasse Tee und eine halbe Stunde Fernsehen würden den Schlaf schneller herbeizaubern. „Wie spät ist es überhaupt!“ fragte sich Tanja, während sie den Tee langsam aufbrühte.

Die Uhr in der Küche zeigte kurz nach eins, beim Streit mit Lisa war es gerade noch acht gewesen.

Die Fernbedienung des SAT-Receivers jagte durch das Programm. Diese digitale Satellitentechnik holte zwar Unmengen an Kanälen vom Himmel, brachte aber nicht mehr Qualität im Programm. Die öffentlich-rechtlich wiederholten Nächte ihres Filmfundus und die Privaten ihr Nachmittagsprogramm. Auch Teleshopping oder Sportsender gehörten nicht gerade zu Tanjas Favoriten.

Die Nischensender auf die Tanja zu dieser Zeit ihre Hoffnung auf ein halbwegs interessantes Programm setzt Lagen eingekeilt zwischen Pay-TV und geistlosen Erotik-Sendern im oberen Drittel der Kanäle.

Willkürlich drückte Tanjas Finger eine dreistellige Zahl, war man erst einmal in diesem Bereich konnte man sich durch die Program weiterschalten.

Pech gehabt, dachte Tanja, als auf dem Bildschirm ein junges Ding erschien, das sich mit Handschellen vor einer Mauer aus Felssteinen wand. Unwillkürlich drückte sie eine höhere Kombination. Doch gerade als das Bild erlosch schreckte Tanja auf. Das war doch nicht? Nein, das durfte nicht wahr sein! Verzweifelt suchten ihre Finger die Zurück-Taste. Tanjas Augen starrten auf den Bildschirm. Das sich dort windende Wesen war Lisa.

Ohne einen Blick von dem Bildschirm zu lassen drückte Tanja die Aufnahme-Taste des Festplatten-Receivers. Zwar wurde das kurze blonde Haar ihrer Tochter von einer pechschwarzen Perücke verborgen und über den Augen lag eine Maske. Aber es war Lisa.

Sie waren nackt, ihre Beine stecken in schwarzen Overknees und die Hände in Handschuhen, die bis zu den Ellenbogen reichten. Die Händelagen mit Handschellen über den Kopf zusammengehalten in einem Ring, der diese Stahlfesseln mit der Wand verband.

Lisas in Stiefeln steckenden Beine waren mit Ringen in weitem Abstand direkt an der Mauer befestigt. Dadurch wurde sie gezwungen, ihren Körper nach vorn durchzubiegen. Die intimsten Stellen ihrer Tochter streckten sich dem Bildschirm förmlich entgegen.

Dass ein schwarzer Ball als Knebel den Mund des Mädchens verschloss, war nach diesem Anblick kaum noch erwähnenswert. Das sich windende Mädchen verschwand und Werbung für Sexhotlines füllte den Bildschirm.

Tanja beendete die Aufnahme und stand auf. Aus ihrem Arbeitszimmer holte sie einen USB-Stick. Die Bilder ihrer Tochter hatten sie berührt, aber nicht erschüttert. Sie hatte Lisas Problem gefunden und sie würde es lösen. Die Aufnahme wanderte auf den Stick. Wer immer hinter diesem mysteriösen Sender steckte würde dies bald bedauern.

Aus Lisas Zimmer drang Licht, ihre Tochter saß an der Wand gelehnt auf ihrem Bett. Ihr Kopf ragte an die Wand, aus den Kopfhörern über den Ohren tönte laute Musik.

Obwohl sich das Mädchen wegdrehte, als Tanja das Zimmer betrat, waren die Tränen in ihren Augen nicht zu übersehen. Lisa hatte geweint.

Tanja legte den USB-Stick auf den modernen Schreibtisch. „ICH KLÄRE DAS PROBLEM LISA! schrieb Tanja auf einen gelben Klebezettel und verliess wortlos das Zimmer.

Tanja ging in die Küche, holte sich ein Glas Tee und ging ins Schlafzimmer. Zu Tanjas Erstaunen saß Lisa im Schneidersitz auf dem Ehebett. Ihre Tochter hatte sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt. Ihr Blick schwankte zwischen Hoffnung und Verzweifelung.

„Was hast du vor, Mutti?“, fragte ihre Tochter. „Willst du ihn anzeigen oder verklagen?“

„Wieso nicht.“, erwiderte Tanja.

„Weil es nichts bringt.“, hatte Lisa widerlegt. „Ich hab ihm das auch angedroht. Aber er hat nur gelacht. Das alles wäre legal. Ich sollte mal meinen Vertrag lesen.“

„Du hast einen Vertrag?“ In Tanjas Stimme lag ein sachlicher Klang. Es gab einen Vertrag. Damit konnte man möglicherweise etwas anfangen. Wozu war sie sonst Anwältin.

Lisas Handgriff unter die Bettdecke und einige geheftete Seiten hervorgezogen. Botmann-Marketing stand auf dem Briefkopf, Inhaber war ein Robert Botmann. „Du kommst an den Kerl nicht ran.“, unterstrich das Mädchen noch einmal ihre Meinung. „Er hat mir ins Gesicht gegrinst und gesagt, sogar die Staatsanwaltschaft wäre mit eingezogenem Schwanz wieder abgehauen.“

Tanja schüttelte leicht mit dem Kopf. „Das wollen wir doch mal sehen!“ Sprach die Stimme einer Anwältin aus Tanja. Wie bist du nur an diesen Typ von Botmann gekommen, Lisa mein Mädchen?

Lisa kommen die Tränen und erzählt. „Dieser Botmann, hat mich im Einkaufszentrum angesprochen. Er suchte für Bademoden hübsche junge Modelle, ich war so naiv, dass ich mir erklärte, bereit Probeaufnahmen machen zu lassen. Und ich bekam 300.- Euro dafür und einen Vertrag.“

Tanja konnte es nicht glauben, dass Lisa so dumm und naiv gewesen ist und gesagt hat. „Erzähle Mir alles, was du über diese Typen weißt, Lisa?“, hatte Tanja ihre Tochter erklärt und Lisa hatte berichtet.

Bei dem Bericht ihrer Tochter sträubten sich Tanjas Nackenhaare mit jedem Satz ein klein wenig mehr.

„Fünfhundert Euro.“, sagte das Mädchen tonlos und schlug die Augen nieder. Deine Stimme klang traurig. „Diese Aufnahmen verfolgen mich doch mein ganzes Leben.“ Dann sah Lisa auf. „Haben wir eine Chance, Mutti? Ich meine, der Kerl kann viel erzählen. Aber du bist doch Anwältin.“

Tanja nahm ihre Tochter in den Arm, dass Mädchen tiefer in die Umarmung ihrer Mutter hinein kroch.

Tanja tat das gut. Lisa hatte ein Problem, doch Tanja hatte auch ihre Tochter wieder und diese sinnlosen Streitereien gehörten nun endlich der Vergangenheit an. „Wir schaffen das Schatz.“, hatte Tanja gesagt und für sich im Stillen dachte sie. „Du brauchst aber keine Anwältin, sondern eine Mutter.“

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