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Hochmut kommt vor dem Fall

Chapter 61 by Levantin Levantin

Die Tage bis zum Samstag vergingen wie unter einer dicken Schicht Eis. In der Schule tat ich genau das, was von mir verlangt wurde: Ich hielt den Kopf gesenkt, ging Emma aus dem Weg und ertrug ihre herablassenden Blicke auf den Fluren. Wenn sie mich ansah, schwang in ihren Augen eine maßlose Selbstsicherheit mit. Sie wähnte sich am Ziel – ihr Notenschnitt war gerettet, und in ihren Augen war ich zu einer völlig willenlosen Marionette geschrumpft.

Am Samstagabend stand ich vor dem Spiegel in meinem Zimmer. Die Kleidung, die Loona mir aufs Bett gelegt hatte, ließ keinen Zweifel an meiner Rolle für den Abend: eine schlichte, schwarze Stoffhose und ein weißes, langärmeliges Hemd aus feiner Baumwolle. Es war makellos gebügelt, aber bewusst neutral – die Uniform eines stummen Bediensteten. Das Harz im Schritt saß unerbittlich fest, eine ständige, ziehende Mahnung an mein Scharnier zwischen Unterwerfung und Gehorsam.

Als ich in den Flur trat, wartete Loona bereits an der Wohnungstür. Sie trug ein elegantes, dunkelgrünes Seidenkleid, darüber einen schmalen Wollmantel, die Haare kunstvoll hochgesteckt. Sie musterte mich mit einem einzigen, schneidenden Blick von Kopf bis Fuß.

„Knöpf die Manschetten zu“, sagte sie tonlos. „Und merk dir eins: Egal, was Leon oder die anderen sagen, du widersprichst nicht. Du nimmst die Mäntel an, du bringst die Getränke und du bleibst unsichtbar, bis Emma dich ruft. Du wirst ihr heute die perfekte Illusion ihrer eigenen Macht geben.“

„Verstanden“, murmelte ich.

Die Villa von Emmas Eltern im Grunewald erstrahlte in warmem Flutlicht, als das Taxi vor der Auffahrt hielt. Basslastige Beats drangen bereits durch die geschlossenen Fenster des Erdgeschosses nach draußen. Junge Leute aus dem Abschlussjahrgang standen in kleinen Gruppen auf der Veranda, rauchten, tranken Prosecco aus dünnen Gläsern und lachten laut.

Als wir die Eingangshalle betraten, schnitt die warme, parfümgeschwängerte Luft mir den Atem ab. Emma stand mitten im Raum. Sie trug ein kurzes, funkelndes Minikleid, ihre Lippen glänzten feucht im Licht der Designleuchten, und in einer Hand hielt sie ein Champagnerglas. Leon lehnte an der breiten Freitreppe hinter ihr, ein Glas Gin Tonic in der Faust, die Blicke arrogant über die eintreffenden Gäste schweifend.

Loona!“, rief Emma mit jenem theatralischen Überschwang, den sie für ihre gesellschaftlichen Auftritte reserviert hatte. Sie kam mit klackenden Absätzen auf uns zu und umarmte meine Stiefschwester kurz, ein Wangenkuss links, einer rechts. „So schön, dass du da bist! Die Party fängt gerade erst richtig an.“

Dann glitt ihr Blick an Loona vorbei und blieb an mir hängen. Ein spöttisches, grausames Glänzen trat in ihre Züge, als sie mein Kellneroutfit musterte.

„Und du hast deinen kleinen Schatten mitgebracht“, schnurrte sie, drehte sich halb zu ihren Freundinnen um und deutete mit dem Glas auf mich. „Sehr aufmerksam. In der Garderobe stapeln sich schon die Mäntel, John. Häng alles ordentlich auf die Holzbügel, und danach stellst du frische Crémant-Flaschen auf die Bar. Leon und die Jungs brauchen drüben am Billardtisch außerdem neues Eis.“

„Ich kümmere mich darum“, erwiderte ich mit heiserer Stimme, vermied es, den Umstehenden in die Augen zu sehen, und nahm ihr das leere Glas aus den lackierten Fingern.

„Brav“, flüsterte sie dicht an meinem Gesicht vorbei, sodass ihr süßlicher Atem meine Wange streifte. „Wenn du heute keine Fehler machst, vergesse ich vielleicht, wie lange du für den Physik-Ordner gebraucht hast.“

Sie wandte sich wieder lachend Loona zu und zog sie in Richtung Wohnzimmer, um ihr die neue Kunstsammlung ihrer Eltern zu zeigen.

Die folgenden zwei Stunden waren eine Abfolge gezielter Demütigungen. Ich schleppte schwere Eiskübel durch das Gedränge, räumte halbleere Gläser von Tischen, an denen betrunkene Mitschüler Witze rissen, und sammelte leere Dosen auf der Terrasse ein. Leon nutzte jede Gelegenheit, mich im Vorbeigehen anzurempeln oder mir mit einem schnippischen Fingerschnipsen zu befehlen, ihm ein neues Bier zu holen. Ich war der stumme Geist auf ihrer Feier – geduldet nur, um ihnen das Gefühl von Überlegenheit zu geben.

Gegen Mitternacht lichtete sich der Flur im ersten Stock. Die Musik dröhnte dumpf durch die Decke nach oben, wo die Schlafzimmer lagen.

Ich brachte ein Tablett mit frischen Gläsern nach oben, als sich die Tür zum elterlichen Arbeitszimmer leise öffnete. Eine schmale Hand schoss hervor, packte mich am Kragen meines Hemdes und zog mich ruckartig in das abgedunkelte Zimmer.

Ich stolperte hinein, das Tablett schepperte leise auf einer Kommode.

Im Raum stand Loona. Das einzige Licht stammte vom Display eines silbernen Laptops, der auf dem schweren Mahagonischreibtisch aufgeklappt war. In ihrer anderen Hand hielt sie ein kleines, weißes Smartphone mit einer Glitzerhülle.

„Tür zu“, flüsterte sie schneidend.

Ich drückte die schwere Holztür lautlos ins Schloss, das Herz hämmerte mir bis zum Hals. „Ist das… Emmas?“

„Ihr Zweithandy“, flüsterte Loona, und auf ihren Lippen lag jenes eiskalte, triumphale Lächeln, das ich so gut kannte. „Sie hat es in ihrer Handtasche im Gästezimmer gelassen. Sie glaubt wirklich, niemand kennt ihren Code. Aber sie benutzt für alles denselben Geburtstag.“

Sie steckte ein kurzes Kabel in den Laptop, und ein leises Tonsignal bestätigte die Verbindung.

„Sieh dir das an, John“, hauchte sie und deutete mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm.

Ich trat näher an den Tisch heran. Auf dem Monitor lief ein Synchronisationsbalken durch, darunter öffneten sich geordnete Ordnerstrukturen. Zwischen den Chatverläufen blitzten Dokumente und Bilder auf: Screenshots von Überweisungen, vertrauliche Nachrichten mit Leons Freunden über Drogenbestellungen für das kommende Sommerfest und mehrere Sprachnotizen, in denen Emma sich bösartig über Mitschülerinnen und Lehrer ausließ – bis hin zu detaillierten Geständnissen, wie sie die Schulleitung getäuscht hatte.

„Das ist mehr, als ich gehofft hatte“, murmelte Loona, während ihre Finger mit rasender Geschwindigkeit Daten auf einen verschlüsselten Stick zogen. Ihre Augen leuchteten im fahlen Licht. „Wir haben nicht nur den Physik-Betrug schwarz auf weiß. Wir haben ihr gesamtes Doppelleben. Wenn dieses Material an die richtigen Stellen gelangt, ist nicht nur ihr Abitur Geschichte. Ihre Familie, ihr Ruf, ihre Clique – alles, worauf sie ihre Arroganz aufbaut, bricht an einem einzigen Tag in sich zusammen.“

Sie trennte die Verbindung, zog den Stick ab und steckte das weiße Telefon ruhig zurück in ihre Handtasche. Dann wandte sie sich langsam zu mir um.

Sie kam so nah an mich heran, dass ich ihren Atem auf meiner Wange spürte. Ihre kühlen Finger strichen über meine Wange, hinab zu meinem Hals, wo mein Puls wie wild schlug.

„Geh wieder runter, John“, befahl sie leise, und ihre Stimme troff vor unerbittlicher Macht. „Bring Emma noch ein Glas Champagner. Sieh ihr tief in die Augen und lächle, wenn sie dich das nächste Mal erniedrigt. Genieß jede Sekunde ihrer Überheblichkeit. Denn ab morgen gehört Emma mir – mit Haut und Haaren.“

Der Sonntagmorgen legte sich wie eine bleierne Glocke über die Wohnung. Draußen regnete es in gleichmäßigen, grauen Fäden gegen die meterhohen Fensterfronten des Penthouses. Ich saß auf der Bettkante in meinem Zimmer, die Oberschenkel brannten noch vom gestrigen Dienstbotenlauf durch Emmas Villa, und die Kälte des Harzkäfigs hielt meine Mitte in stummer, unerbittlicher Starre gefangen. Doch die Erschöpfung trat völlig in den Hintergrund gegenüber der nervösen Anspannung, die jede Faser meines Körpers vibrieren ließ: Der schwarze Stick lag in {reader:Loonas} Zimmer.

Gegen elf Uhr klopfte es nicht einmal, als sich meine Tür öffnete.

Loona trat herein. Sie trug eine schlichte, graue Seidenhose und einen Rollkragenpullover, ihr Gesicht vollkommen ungeschminkt, aber mit einer messerscharfen Wachheit. In der Hand hielt sie ihr Tablet.

„Komm mit ins Arbeitszimmer“, sagte sie leise. Kein Gruß, kein Zögern.

Ich erhob mich sofort, strich mein T-Shirt glatt und folgte ihr barfuß über das glatte Parkett. Vanessa war noch nicht zu sehen; sonntags schlief sie nach ihren Yoga-Einheiten meist bis zum Mittag. Die Wohnung gehörte in diesen Stunden ganz Loona.

Auf dem massiven Schreibtisch im Arbeitszimmer stand ihr Laptop, daneben eine frisch aufgebrühte Tasse schwarzer Kaffee. Loona setzte sich auf den Lederstuhl, schlug die Beine übereinander und tippte mit dem Finger auf die Tastatur. Der Bildschirm erwachte zum Leben.

„Ich habe mir die Mühe gemacht, die Nacht durchzuarbeiten“, begann sie mit jener ruhigen, beinahe wissenschaftlichen Präzision, die mir jedes Mal das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Emmas Daten sind ein einziges offenes Buch. Wir haben drei getrennte Hebel, John. Und jeder einzelne reicht aus, um sie gesellschaftlich und schulisch auszulöschen.“

Sie drehte den Bildschirm ein Stück in meine Richtung.

„Erstens: Der Physik-Ordner. Die Originaldateien von deinem Rechner, die Metadaten mit deinen Benutzerprofilen, dazu die Chat-Nachrichten auf ihrem Zweithandy, in denen sie Leon damit aufzieht, wie leicht du als Ghostwriter zu missbrauchen warst. Ihre Unterschrift unter der Eigenständigkeitserklärung ist die Vollendung des Betrugs. Null Punkte, Ausschluss von der Qualifikationsphase, Verlust des Abiturs.“

Sie klickte weiter. Ein Ordner mit Bilddateien und Screenshots von Messenger-Verläufen öffnete sich.

„Zweitens: Ihre heimlichen Chats mit Leons bestem Freund. Screenshots, Sprachnachrichten über Leons angebliche Unfähigkeit im Bett und sehr eindeutige, explizite Bilder, die sie ihm geschickt hat, während sie noch Leons Kette um den Hals trug. Wenn Leon das sieht, bricht ihre heile Welt an der Schule innerhalb von zwei Minuten zusammen.“

Sie lehnte sich zurück, nahm einen winzigen Schluck Kaffee und fixierte mich mit dunklen, funkelnden Augen.

„Und drittens: Die Drogenbestellungen für die anstehende Abi-Party. Ihr Name, ihre Überweisungsbelege über Krypto-Wallets, die Lieferabsprachen. Wenn das an die Schulleitung oder an ihren Vater geht – den angesehenen Notar, der jedes Jahr Spenden für den Schulförderverein sammelt –, ist ihr Ruf nicht nur beschädigt, er ist pulverisiert.“

Ich stand starr vor dem Schreibtisch, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Mein Puls hämmerte in den Schläfen. „Was… was hast du vor, Loona? Zeigst du sie an?“

Ein leises, spöttisches Schnauben entwich ihrer Kehle. Sie schüttelte langsam den Kopf, als hätte ein kleines Kind eine besonders naive Frage gestellt.

„Anzeigen? Wie banal, John. Warum sollte ich die Schule oder die Polizei einschalten, wenn ich viel mehr davon habe, Emma zu besitzen?“

Sie stand auf, umrundete langsam den Schreibtisch und blieb dicht vor mir stehen. Ihr kühler Blick glitt an meinem Oberkörper herab, verweilte kurz auf den definierten Linien meiner Bauchmuskeln und kehrte dann zu meinen Augen zurück.

„Emma liebt Macht. Sie liebt es, andere herumzukommandieren, dich wie Dreck zu behandeln und sich für unantastbar zu halten. Sie glaubt, sie steht über allen Regeln. Und genau deshalb werde ich sie nicht zerstören – ich werde sie brechen. Schritt für Schritt. Sie wird genau dieselbe Lektion lernen wie du.“

„Wie willst du das anstellen?“, flüsterte ich heiser.

„Heute Nachmittag“, flüsterte Loona, und ein grausames, triumphales Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich habe sie zu uns eingeladen. Auf einen Kaffee. Sie glaubt, wir wollen über die Party gestern quatschen und planen, wie wir dich nächste Woche in der Schule noch besser einspannen können. Sie kommt völlig ahnungslos hierher.“

Sie hob ihre Hand, legte ihre kühlen Fingerspitzen an meine Wange und drückte sanft zu.

„Du wirst die Tür öffnen, John. Du wirst ihr den Mantel abnehmen, ihr Wasser einschenken und dich dann still in den Hintergrund stellen. Und wenn ich das Signal gebe, wirst du zusehen, wie das Lächeln aus ihrem hübschen, arroganten Gesicht gewischt wird. Für immer.“

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