What's next?
Harte Tatsachen
Die siebte Stunde zog sich wie zäher Teer.
Ich saß in der vorletzten Reihe des stickigen Klassenraums, den Blick starr auf die Tafel gerichtet, an der Herr Lindner irgendwelche Formeln für den Physik-Grundkurs notierte. Kein einziges Wort drang wirklich zu mir durch. Die Müdigkeit nach der schlaflosen Nacht brannte mir wie Sand in den Augen, und mein Kopf dröhnte. Doch viel schlimmer war diese verdammte, ununterbrochene Unruhe in meinem Unterleib. Jedes Mal, wenn ich mich auf dem harten Holzstuhl minimal bewegte, rieb der feste Steg des Harzkäfigs gegen meine Haut. Die Dauererregung der letzten Tage pulsierte in kurzen, dumpfen Wellen durch mein Becken – ein ständiges, heißes Ziehen, das mich gleichzeitig erschöpfte und quälend wach hielt. Immer wieder kreisten meine Gedanken um Loonas Versprechen für das Wochenende. Es war Freitag. Wenn ich heute alles richtig machte, wenn ich spurte…
Das schrille Schellen der Schulglocke riss mich mit einem Schlag aus dem Trancezustand. Stühle scharrten über den Boden, Stimmen schwollen an, das erlösende Wochenende begann für alle – nur nicht für mich.
Ich packte meine Tasche, verstaute die Mappe mit Emmas fertigem Geschichts-Aufsatz ganz oben und schlurfte über den Flur zum Ausgang.
„Hey, John!“, rief jemand hinter mir.
Ich drehte mich um. Es war Julian, der mit seiner Sporttasche über der Schulter aus dem Nachbarkurs zu mir aufschloss und mir grinsend gegen den Oberarm boxte.
„Na, du Leiche, lebst du noch? Du sahst in Physik aus, als wärst du kurz davor, mit der Stirn auf die Tischplatte zu knallen. Wir wollten gleich rüber zum Skaterpark und danach zu Max 'ne Runde zocken. Kommst du mit? Hast dir das Wochenende ja wohl verdient.“
„Ich… ich weiß nicht, Julian“, setzte ich an und versuchte, mir ein Lächeln abzuringen, während mir der kalte Schweiß im Nacken stand. „Bin echt durch. Wahrscheinlich leg ich mich einfach nur—"
Mitten im Satz vibrierte mein Handy in der Hosentasche. Zweimal kurz, hart und unnachgiebig.
Ich zog es heraus, warf einen Blick auf das Display und spürte, wie sich mein Magen augenblicklich verkrampfte:
*Großer Kunstraum. Jetzt.*
„Alles klar bei dir?“, fragte Julian, der meine plötzliche Blässe bemerkte und die Stirn runzelte. „Wer schreibt denn so dringend?“
„Niemand… also, nur zu Hause“, log ich hastig, steckte das Smartphone weg und wich einen Schritt zurück. „Ich… ich muss direkt los, Julian. Meine Stiefmutter will, dass ich noch Besorgungen mache, bevor es spät wird. Sorry, zocken klappt heute nicht.“
„Mann, du lässt dich in letzter Zeit ganz schön einspannen“, seufzte er kopfschüttelnd, klopfte mir noch einmal auf die Schulter und wandte sich ab. „Na ja, schönes Wochenende trotzdem. Meld dich, falls du doch noch rauskommst!“
„Mach ich. Bis Montag“, brachte ich mühsam heraus.
Kaum war Julian im Strom der Mitschüler Richtung Ausgang verschwunden, drehte ich mich um und schlug den Weg zum Treppenhaus ein.
Meine Beine fühlten sich an wie Blei, als ich die Stufen in den Keller hinabstieg. Durch die milchigen Lichtschachtfenster drang nur mattes, graues Licht. Das Risiko, hier erwischt zu werden, war real; Lehrer oder der Hausmeister konnten jederzeit auftauchen. Doch genau dieser Funke Öffentlichkeit war mein einziger, trügerischer Rettungsanker – hier drinnen würde sie die Grenzen nicht völlig überschreiten können. Glaubte ich zumindest.
Als ich die schwere Holztür aufdrückte, lehnte Emma bereits mit verschränkten Armen an einem der massiven Werktische mitten im großen Kunstraum. Die Luft roch nach Terpentin, feuchtem Ton, altem Papier und ihrem penetranten Rosenduft.
„Pünktlich“, stellte sie fest, ohne ein Lächeln. „Hast du es?“
Wortlos zog ich den Schnellhefter aus der Tasche und reichte ihn ihr. Sechs makellos formatierte Seiten, sauber ausgedruckt. Emma blätterte langsam durch den Text, überflog die Fußnoten und die Literaturliste. Ein herablassender Zug umspielte ihre Mundwinkel.
„Gar nicht schlecht, John“, murmelte sie und klappte die Mappe mit einem satten Knall zu. Sie legte sie hinter sich auf die Arbeitsplatte, trat einen Schritt auf mich zu und musterte mein Gesicht. „Du siehst furchtbar aus. Dunkle Ringe unter den Augen. Hast wohl wirklich die ganze Nacht dran gesessen.“
„Ich habe geliefert“, presste ich heiser hervor, die Augen starr auf den Linoleumboden gerichtet. „Wir sind quitt für diese Woche. Ich muss los.“
„Quitt?“ Ein spöttisches Schnauben. Sie trat noch näher, so dicht, dass ich die Wärme ihres Körpers spürte. „Du gehst, wenn ich sage, dass du gehen darfst.“
Bevor ich zurückweichen konnte, fuhr ihre Hand herab. Sie wollte mich wieder dort packen, wo ich am verwundbarsten war – dieselbe beiläufige, herablassende Demütigung wie auf der Bank, um meine totale Hilflosigkeit zu spüren und mich daran zu erinnern, wer hier über wen bestimmte.
Ihre Finger schlossen sich fest um meinen Schritt.
Doch statt nachgiebigem Stoff und weichem Fleisch traf sie auf harten, unerbittlichen Widerstand.
Emmas Hand erstarrte augenblicklich. Ihre Augen weiteten sich irritiert, die Brauen zogen sich zusammen. Sie drückte noch einmal zu, tastete ungläubig die starre, glatte Kontur ab, strich über den bauchigen Zylinder und den breiten Ring an der Basis, der keinen Millimeter nachgab.
„Was zur Hölle…“, murmelte sie fassungslos.
Panik schoss wie flüssiges Eis durch meine Adern. „Emma, lass das!“, keuchte ich und riss mich mit einem Satz nach hinten los, prallte gegen eine schwere Holzstaffelei. Das Poltern hallte unbarmherzig durch den Raum.
Emma sah nicht erschrocken aus. Aus der anfänglichen Verwirrung wurde innerhalb eines Wimpernschlags eine finstere, bösartige Neugier. Sie starrte auf meine Hände, mit denen ich reflexartig meinen Schritt abschirmte, dann wieder in mein schweißnasses Gesicht.
„Das war kein Knochen“, sagte sie langsam, und ihre Mundwinkel zuckten verräterisch. „Das ist Plastik. Hartplastik. John… was hast du da unten drunter?“
„Geht dich nichts an! Gar nichts!“, stammelte ich, außer Atem, das Herz hämmerte mir bis zum Hals. Jeder Instinkt schrie nach Flucht.
„Mach die Hose auf“, befahl sie, ihre Stimme mit einem Schlag schneidend und unerbittlich. Sie trat wieder auf mich zu. „Mach sie auf, oder das Video geht noch in dieser Sekunde an die Stufengruppe. Ich schwöre es dir.“
Das Zittern meiner Hände verriet mich vollends. Ich war gefangen. Jeder Schritt ein Verrat an Loona, doch die Aussicht auf die totale Zerstörung vor der gesamten Schule trieb mich in die Knie. Mit tauben Fingern öffnete ich den Knopf meiner Jeans und zog den Reißverschluss ein paar Zentimeter nach unten, gerade weit genug, dass der Bund der Boxershorts nachgab.
Emma beugte sich vor. Ihr Blick drang durch die Öffnung, fixierte das schwarze, glänzende Harzgehäuse, die schmalen Schlitze und das massive Schloss, das schwer an der Seite saß.
Für einen Moment herrschte absolute Stille. Nur mein keuchender Atem zerriss die Luft.
Emma starrte wie gebannt auf das Schloss und die feste Schale. Ein schiefes, fast fassungsloses Grinsen schlich sich langsam auf ihre Lippen, während sie begriff, worauf die Form hinauslief.
„Du läufst mit so einem… Spielzeug herum?“, stieß sie leise hervor, halb angewidert, halb ungläubig amüsiert, ehe ihr Blick auf das Schloss fiel. „Warte mal… das ist ein Käfig, oder? Du bist da unten tatsächlich eingeschlossen?!“
„Emma, bitte… mach die Augen zu… halt den Mund…“, flehte ich mit brüchiger Stimme, während mir die Tränen der Erniedrigung in den Augen brannten. Ich zerrte den Reißverschluss krampfhaft wieder nach oben und schloss die Jeans mit fahrigen Fingern.
Sie trat einen halben Schritt zurück, griff nach ihrer Umhängetasche und klemmte sich die Geschichtsmappe unter den Arm. Sie kannte die Details noch nicht, aber der Anblick des Schlosses hatte ihr gereicht – sie wusste instinktiv, dass sie gerade über etwas gestolpert war, das tausendmal wertvoller war als ein verwackeltes Katzenvideo.
„Gott, John… du bist wirklich noch kränker, als ich dachte“, flüsterte sie, und ein eisiges, berechnendes Funkeln trat in ihre Augen. „Da muss ich mich heute Nachmittag wohl erst mal schlaumachen, wie so ein Ding funktioniert.“
Sie musterte mich ein letztes Mal von oben bis unten, vollkommen siegessicher.
„Verschwinde jetzt. Ich melde mich bei dir.“
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ den Raum. Die schwere Holztür fiel mit einem dumpfen Schlag ins Schloss. Ich blieb allein zwischen den staubigen Zeichentischen zurück, zitternd, mit hämmerndem Puls.
Sie wusste es. Und sobald sie begriff, wer bei so einem Spiel die Fäden in der Hand hielt und was dieser Schlüssel bedeutete, würde sie kommen.
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