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Chapter 12 by Reyhani Reyhani

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Erkenntnis

Der Leistungskurs verlässt murrend den Klassenraum, um ins Wochenende zu gehen. Sie haben recht, sich zu beschweren. Ich habe ihnen einen Berg Hausaufgaben aufgebrummt. Aber keiner hat mehr die Energie, laut zu protestieren. Bis auf eine: Johanna.

Sie wartet mit entschlossener Miene vor dem Lehrerpult, bis ich meine Sachen zusammengepackt habe. Das ist ungewöhnlich. Sonst bemüht sie sich, nicht aufzufallen. Heute hat sie um alle Erwartungen einen Haken geschlagen: Unter ihrer weit geöffneten Stickjacke trägt sie ein weißes Herrenhemd und darüber um ihre Taille eine kurzes, schwarzes Mieder. Das Mieder. Meine Hände beginnen zu schwitzen. Will sie mir eine Falle stellen? Mich verunsichern, damit ich mich in Bezug auf gestern verplappere? Ich merke, wie ich angestrengt mit den Zähnen knirsche.

„Herr Fischer, ich kann die Hausaufgaben nicht bis Montag machen. Sie werden bis Mittwoch warten müssen. Ich habe am Wochenende etwas Wichtigeres vor.“

Das trägt sie ruhig und sachlich vor. Es hört sich nicht so an, als wolle sie mich um einen Aufschub bitten, mehr als stelle sie eine Tatsache fest. Ich bin so erleichtert. Es geht um Schule, nicht um ihre Brüste. Erst als ich am Ende meines lang gezogenen „So?“ angekommen bin, wird mir die Absurdität bewusst: Was sollte es für Johanna Wichtigeres als den Stoff des Leistungskurses geben?! Vielleicht ist das doch Coco, die da vor mir steht?

„Ich möchte da eigentlich keine Ausnahme machen. Das wäre nicht fair gegenüber den anderen“, versuche ich, Zeit zu gewinnen.

Dann beschließe ich, zum Gegenangriff überzugehen. Vielleicht kann ich Johanna ja überzeugen, sich mir zu öffnen.

„Was nimmt Sie denn so in Anspruch, dass Sie darüber ihre Pflichten vernachlässigen? Ist alles in Ordnung? Kann ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen?“

Aber mein Schuss geht daneben. Erst guckt das Mädchen verständnislos durch ihre runden Brillengläser. Die hat sie zum Glück noch nicht abgelegt. Dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht.

„Wissen Sie, meine Tante ist zu Besuch. Sie ist eine bewundernswerte Frau, ein echtes Vorbild für mich. Ich möchte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Da muss Schule ausnahmsweise mal hinten anstehen. Ich hoffe, Sie verstehen das.“

Damit dreht sie sich um und geht. Ihre Strickjacke ist auch kürzer als sonst. Ich habe eine schöne Aussicht auf ihren Hintern, der in einer engen, weißen Jeans steckt. Den bringt sie neuerdings also auch mit zur Schule.

Ich bleibe noch eine ganze Weile sitzen und denke nach. Ich habe jetzt auch frei und wollte eigentlich mit einem Bekannten, der Steuerberater ist, telefonieren. Das war so eine Idee, die ich gestern Nacht noch hatte. Klar, dass ich nicht einfach zur Polizei gehen und behaupten kann, dass Madeleine Johanna missbraucht. Die Auswirkungen einer offiziellen Untersuchung auf Johannas Leben will ich nicht verantworten. Und wenn dann auch noch meine eigene Rolle ins Visier der Ermittlungen geriete?!

Aber ich könnte die Sache vielleicht indirekt stoppen, hatte ich mir überlegt. Sicher ist die Aushilfe Coco nicht offiziell angemeldet. Mit einem anonymen Tipp beim Finanzamt oder bei der Gewerbeaufsicht könnte man vielleicht etwas erreichen.

Doch jetzt hat Johannas Auftritt alle meine Pläne erschüttert. Sie möchte gar nicht gerettet werden. Das ist mir klar geworden. Sie ist nicht wie ein von der Inquisition gebrochenes Opfer aufgetreten. Eher wie jemand, der es genossen hat, dass er der Mittelpunkt einer exklusiven Party war. Das Selbstbewusstsein und wie sie ihre eigenen Prioritäten setzt, das steht ihr ausgesprochen gut. Von dem neuen Look ganz zu schweigen.

Aber richtig loslassen kann ich nicht. Ich wäge alle möglichen Bedenken ab, während ich auf dem Weg nach Hause bin. Wer kann mir garantieren, dass nicht später doch etwas passiert? Wer passt auf Johanna auf, wenn ich die Verantwortung abgebe?

Immer wieder kehren meine Gedanken zur ans Andrraskreuz gefesselten Coco zurück. Muss ich mich für meine Erregung schämen? Dass ich der Faszination, die von diesen Titten ausgegangen ist, erlegen bin? Wer kann mir dafür Absolution erteilen?

Da gibt es eigentlich nur eine.

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