What's next?
Die Audienz
Das Klingeln an der Haustür am Freitagnachmittag klang anders als gestern bei Nadja – zögerlicher, fast nervös.
Loona, die bereits mit übergeschlagenen Beinen und einem Eiskaffee auf dem Sofa saß, sah nicht einmal von ihrem Tablet auf. „Mach auf, John. Und denk an deine Haltung.“
Ich strich meine Hose glatt, spürte das vertraute, dumpfe Drücken des Harzkäfigs und ging zur Tür. Ein kleiner Spionblick genügte, und mein Magen verkrampfte sich. Draußen stand Emma.
Früher, vor {reader:Loonas} Ankunft, war Emma das unangefochtene Maß aller Dinge für mich gewesen – die Schulschönheit mit dem unnahbaren Blick, der ich monatelang hinterhergeschmachtet hatte, während sie mich mit herablassender Ignoranz strafte. Doch diese kindische Schwärmerei war längst wie weggewischt, seit Loona in mein Leben getreten war und jeden Zentimeter meiner Gedankenwelt eingenommen hatte.
Ich öffnete die Tür. Emma trug eine eng sitzende Jeans, ein lockeres Seidentop und eine elegante kleine Designer-Handtasche. Ihre Wangen waren leicht gerötet, und statt Schulheften hielt sie eine edel verpackte Schachtel feiner Pralinen und einen Coffee-Shop-Becher in der Hand – eine fast schon unterwürfige Gastgeschenk-Geste. Als sie mich erblickte, flackerte für einen winzigen Moment ihr altes, hochnäsiges Schulhof-Lächeln auf, verblasste aber sofort wieder zu einer unsicheren Miene.
„Hi, John…“, setzte sie leise an.
„Komm rein, Emma“, ertönte {reader:Loonas} Stimme aus dem Wohnzimmer. Nicht laut, nicht gebrüllt, sondern mit einer beiläufigen, selbstverständlichen Dominanz, die keinen Widerspruch duldete.
Emma schluckte trocken, streifte ihre Stiefeletten im Flur ab und folgte mir ins Wohnzimmer. Loona saß da wie eine Richterin, die über eine Bittstellerin zu entscheiden hatte.
„Für dich… als kleines Dankeschön fürs Treffen“, brachte Emma heraus und stellte die Pralinen vorsichtig auf den Glastisch, fast so, als hätte sie Angst, die Oberfläche zu zerkratzen.
Loona musterte das Geschenk mit einem amüsierten Seitenblick, würdigte es aber keines weiteren Kommentars. Stattdessen glitt ihr Blick zu mir.
„John, lass uns mal kurz allein. Geh in die Küche, bereite ein kleines Snack-Tablett mit Früchten und Nüssen vor und koch uns frischen Espresso. Wenn wir dich rufen, kommst du wieder.“
„Ja, Loona“, nickte ich gehorsam und zog mich zurück.
In der Küche begann mein Gehirn sofort zu rasen. Was genau trieb Emma hierher? Wieso brachte sie Loona Geschenke mit? Das passte überhaupt nicht zu der arroganten Anführerin unserer Stufe, die jeden Jungen mit einem Fingerschnippen abblitzen ließ. Dass sie nach {reader:Loonas} eiskalter Intervention damals klein beigeben musste, wusste ich – aber das hier glich eher einer Audienz.
Während die Kaffeemaschine summte und ich Weintrauben und Käse auf einem Holzbrett anrichtete, spitzte ich die Ohren. Durch den Flur drangen gedämpfte Stimmen, einzelne Fetzen, die mich innerlich erbeben ließen:
„…hast hoffentlich begriffen, wie schnell sowas nach hinten losgeht…“, klang {reader:Loonas} kühle, souveräne Stimme durch die Stille.
„…ja, natürlich. Es war dumm… ich wollte mich wirklich…“, stammelte Emma mit einer Demut, die ich bei ihr noch nie gehört hatte.
„…mich interessiert deine Reue nicht, Emma. Mich interessiert Disziplin… wer loyal ist, profitiert… die Zügel in der Hand halten… auch an deiner Schule…“
„…ich kann das machen. Ich zeige dir, dass du dich auf mich verlassen kannst…“
Ein leises Kichern von Loona schnitt durch den Raum: „…gut. Aber er gehört mir, vergiss das nicht. Du darfst ihn benutzen, damit er lernt, wo sein Platz ist…“
Mein Herz hämmerte wie wild gegen meine Rippen. Die Zügel? Benutzen? Vor lauter Anspannung zuckte mein Fleisch unwillkürlich nach vorne und stieß schneidend hart gegen die Wände des Harzkäfigs. Ein dumpfer Schmerz schoss mir durch den Unterleib.
„John! Wir sind soweit!“, rief Loona schließlich mit melodischer Stimme.
Ich nahm das vorbereitete Tablett mit beiden Händen, atmete tief durch und trat mit gesenktem Blick zurück ins Wohnzimmer.
Die Stimmung im Raum hatte sich radikal gewandelt. Emma saß nun auf der Couch, nicht mehr wie ein Häufchen Elend, sondern aufrecht, die Beine übereinandergeschlagen. Doch ihre Blicke galten nicht mehr der Verunsicherung – sie strahlte die giftige, wiedererlangte Arroganz aus.
„Na endlich“, schnappte Emma herablassend, als ich mich mit dem Tablett näherte. Sie musterte mich von oben bis unten, und ein grausames Lächeln zuckte über ihre Lippen. „Wurde auch Zeit, John. Man könnte fast meinen, du hast absichtlich getrödelt.“
Ich hielt das Tablett vor mich und wollte es auf dem Tisch abstellen, doch Emma hob gebieterisch die Hand.
„Halt, nicht so faul. Stell das nicht einfach ab“, sagte sie mit scharfem, forderndem Ton und blickte kurz zu Loona, fast wie ein Musterschüler, der vor der Lehrerin glänzen will. „Auf die Knie mit dir. Wenn du uns bedienst, machst du das anständig.“
Mein Blick zuckte hilfesuchend zu Loona. Doch meine Stiefschwester lehnte sich nur entspannt zurück, nippte genüsslich an ihrem Eiskaffee und erwiderte meinen Blick mit einem warmen, tief amüsierten Schmunzeln. Ihr leichtes, kaum merkliches Nicken traf mich wie ein Urteil: Spur.
Der Harzkäfig drückte unbarmherzig in mein Fleisch, als ich mich langsam vor den beiden Mädchen auf den Teppich absenkte und das Tablett kniend vor ihren Füßen platzierte.
Ausgerechnet Emma – das Mädchen, für das ich vor wenigen Monaten noch alles getan hätte – sah nun mit unverhohlener Häme auf mich hinab, legitimiert und angeleitet von der Frau, die mich mit Haut und Haaren besaß.
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