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Der Vermieter
Silke merkte direkt. Der Streifen zwischen den Häusern war immer ein Abkürzung gewesen: Schotter, Unkraut, der kurze Weg zur Bushaltestelle, zur Havel, zum nächsten Kiosk. Leute gingen ihn, ohne hinzusehen. Jetzt blieben sie stehen. Zuerst nur ein Herzschlag zu lang. Dann zwei. Dann so lange, dass selbst ein Hund unruhig wurde.
Silke hatte dafür gesorgt. Nicht mit einem Plakat. Mit Sätzen, die wie Luft klangen. Beim Einkaufen: Die Neue, die mit den großen Fenstern, die soll ganz ohne Vorhänge wohnen. Beim Bäcker: die zeigt einfach alles.
Am Briefkasten, halb zu einer Frau: Man sieht sie manchmal. Nicht unanständig. Nur… ungeschützt. Als wüsste sie nicht, wie Glas funktioniert.
Keiner musste den Namen kennen. Es reichte das Haus. Es reichte der Winkel. Es reichte, dass Silke lächelte, wenn sie es sagte, und die Schultern hob, als ginge es sie nichts an. Der Pfad füllte sich.
Ein Mann mit Hund kam jeden Morgen. Grauer anorak, Leine zu kurz, der Hund eine Mischung, die an allem schnüffelte. Abends dieselbe Runde, nur langsamer. Der Mann blieb an der Hecke stehen, als müsse der Hund genau dort. Sein Blick ging nicht zum Gras. Er ging nach oben, ins Wohnzimmer, ins Schlafzimmer, dorthin, wo das Licht die Folie zur Scheibe machte.
Wanderer mit Stöcken. Jugendliche, die „Abkürzung“ sagten und dann nicht weitergingen. Eine Frau mit Einkaufstasche, die plötzlich den Inhalt prüfte, genau unter Sandras Fenster. Zwei Jungs mit Handys, die so taten, als fotografierten sie die Linden.
Silke stand oft im Garten, Gießkanne in der Hand, und zählte nicht die Menschen. Sie zählte die Sekunden, die sie blieben.
Gegenüber lebte Sandra, wie in einem Aquarium, das nur in eine Richtung zeigt.
Morgens nackt in die Küche, Tasse in der Hand, welliges Haar noch feucht. Brüste die sich mit jeder Bewegung hoben. Die Vorhöfe standen auf. Die Nippel wurden hart, sobald der Fliesenboden und der Luftzug sie fanden. Tagsüber das Tanktop, durch das alles stach. Abends Licht. Folie, die nicht hielt.
Sie tanzte manchmal. Nicht für jemand. Für sich. Musik aus dem Lautsprecher, ein Schritt zwischen Karton und Sofa, Hüfte, Schulter, das Lächeln einer Frau, die glaubte, allein zu sein. Oft nur im String. Der feste Apfel-Po frei. Das Tribal tief am Rücken, wenn sie sich drehte. Die Brüste weich und schwer, die Nippel steif, als hätte der Song sie berührt.
Der Mann mit dem Hund sah das eines Abends und vergaß, die Leine zu lockern. Silke sah es auch. Und sie fand es richtig. Die anderen sollten sie so sehen. Sie hatte sich sogar einen Spaß erlaubt. Sie hat fünf Bücher aussortierte und Sandra vorbei gebracht. Das unterste war NacktYoga. Seit dem war das hier eine Duchfahrtsstraße. Sie saß abends direkt vor dem Fenster auf der Yogamatte. Nackt.





Sandra bewegte sich durch die Küche. Musik, die Silke nicht hörte, nur am Schwung der Hüften ablas. Der Apfel-Po. Die dicken Möpse. Ein Dreher, ein Lachen gegen sich selbst, die Hände kurz im Haar, und sichtbark keine Unterwäsche.
Peter wurde rot. Silke sah es vom Garten aus. Das Blut in seinem Gesicht und zwischen seinen Beinen. Die steife Haltung. Der Blick, der nicht sofort wegging, obwohl er weggehen wollte.
In ihr zuckte es scharf. Eifersucht. Die anderen durften das sehen. Der Mann mit dem Hund. Die Jugendlichen. Die Wanderer, die Silke selbst auf diesen Streifen geschickt hatte.
Nicht er. „Mist“, dachte Silke, und meinte nicht Sandra. Peter ging nicht weiter den Pfad hinunter. Er ging ums Haus. Zur Haustür. Er klingelte.
Die Musik erstarrte nicht sofort. Sandra blieb stehen, noch im Kleid, noch im Licht, noch überzeugt, die Folie halte. Dann begriff sie: Klingel. Tür. Jemand steht vor der Tür. Das Kleid eigentlich durchsichtig. Kein Sting, kein BH. Keine Zeit.
Sie ging zur Tür. Peter stand vor der Tür, immer noch zu rot für einen Vermieter. Sandra öffnete. Das Lächeln offen, unsicher, freundlich. Grünbraune Augen. Das wellige Haar unordentlich vom Tanzen. Die Kleid lag glatt über der Brust und verdeckte nichts, was ein Blick finden wollte.
Peter schaute einen Moment zu lange.
Nicht auf ihr Gesicht. Auf die Stelle, an der der Stoff die Vorhöfe nicht halten konnte. Auf die Nippel, die durchdrückten, steif, empfindlich, als hätte die kühle Luft im Flur sie noch einmal geweckt. Dann sein Blick zwischen die Beine. Da war deutlich eine Landbahn. Und sie war nicht deutlich weil sie so dick war sondern weil das Kleid nichts verdeckte. Sandra merkte es nicht.
Sie dachte, er sähe sie. Die Mieterin. Die Frau, die gerade eingezogen war.
„Peter. Hallo. Alles in Ordnung?“
Er räusperte sich. Der Blick sprang hoch, zu spät. „Ich… wollte nur kurz.“ Die Stimme knackte kaum, aber sie knackte. „Ich hab gesehen, dass Sie sich gegen Vorhänge entschieden haben.“ Sandra lachte leise, erleichtert, als wäre das das ganze Thema.
„Ja. Ich mag die alten Staubfänger nicht. Und so geht es auch. Jetzt ist nichts zwischen der Natur und mir. Alles ist glasklar, und das Haus kommt erst so richtig zur Geltung.“
Sie sagte es ohne Ironie. Mit Stolz sogar. Die Folie. Das Licht. Die Weite.
Peter blieb verdutzt stehen. Er hatte sie im Kleid gesehen. Er sah sie jetzt, praktisch nackt. Er hätte sagen können: Abends sieht man alles. Die Folie kehrt sich um. Der Pfad ist voll jeder guckt dir zu. Stattdessen hörte er ihren Satz und nickte, als hätte jemand eine technische Frage beantwortet.
„Okay. Wenn du meinst.“ Sandra strahlte fast.
Ein netter Vermieter. Einer, der vorbeikam, um sie auf die Folie anzusprechen. Der sich kümmerte. Der das Haus verstand. Sie schaute ihm noch nach und dann winkte sie Silke die um die Ecke stand. Alle so freundlich hier.
Silke sah das alles und hörte nichts. Nur Bilder.
Die Türöffnung. Sandra im Türrahmen, das Kleid, die Nippel zu deutlich, der Po im Schatten des Flurs noch ohne Stoff. Peter zu nah. Peter zu rot. Peter, der zu lange auf eine Stelle sah, die Silke selbst schon auswendig kannte.
Er ging.
Den Weg zurück, am Garten vorbei, den Blick diesmal fest auf den Schotter. Er grüßte Silke nicht. Oder nur so knapp, dass es keiner war. Silke blieb stehen, die Gießkanne schwer in der Hand. Die anderen sollten Sandra so sehen. Nicht er.
Ab da wurde das Beobachten ein kleiner Volksport.
Niemand nannte es so. Man sagte: Abkürzung. Man sagte: Der Hund muss. Man sagte: Schönes Licht heute.
Sandra lebte weiter in dem Glauben alles ist okay. Sie kochte. Sie arbeitete im Callcenter am Headset, oft nur im Shirt, die Nippel unter dem Stoff unruhig, sobald sie lachte oder sich bückte. Sie duschte und trat danach vor die Scheibe, weil die Luft besser war als jede Haube. Sie tanzte wieder, manchmal mit Bluse, manchmal ohne, manchmal nur im String, weil niemand sie sah.
Sie machte jetzt regelmäßig Yoga. Ihr was das am Anfang so peinlich vor der Scheibe. Aber ihr gefiel es inzwischen. Sie probierte viele Posen aus dem Buch. Sie kontrollieret sich immer über die spiegelnden großen Scheiben. Sie wusste es nicht aber jeder sah sie.
Silke am klarsten.
Sie stand im Garten und plante schon den nächsten Satz. Sie wollte es schlimmer machen.
Und Silke goss Wasser neben die Geranien, als ginge es immer noch um die Blumen.
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