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Chapter 10 by rallebonn

Am Samstag zog ich die Sachen an. Zuerst stand ich lange vor dem Spiegel und betrachtete mich, als müsste ich mich an dieses Bild erst gewöhnen. Das Kleid saß perfekt, die Schuhe veränderten meine Haltung, und das feine Fußkettchen blitzte bei jeder Bewegung kaum sichtbar auf. Schließlich nahm ich die Opernkarte vom Küchentisch, steckte sie in meine Tasche und machte mich auf den Weg. In der S-Bahn fühlte ich mich fehl am Platz und zugleich merkwürdig erwartungsvoll. Niemand sah mich länger an als sonst, und doch hatte ich das Gefühl, als trüge ich etwas mit mir, das mich verraten könnte. Vor der Oper angekommen, wurde ich von einem Mitarbeiter freundlich begrüßt und zu der Loge geführt, die zu meiner Karte gehörte. Sie war groß, viel zu groß für eine einzelne Person. Mindestens zehn Menschen hätten dort Platz gehabt. Doch außer mir war niemand da. Man reichte mir ein Glas Champagner, kleine Häppchen standen bereit, und unter mir füllte sich der Saal langsam mit Stimmen, Rascheln und gedämpftem Lachen. Ich nippte am Champagner, sah mich um und wartete. Selbst als es zum dritten Mal klingelte, blieb ich allein.

Dann begann das Stück. Es war meine erste Oper, und schon nach wenigen Minuten vergaß ich fast, warum ich hier war. Die Musik füllte den Raum, hob sich über das Orchester, über die Bühne, über alles hinweg. Die Darsteller bewegten sich mit einer Anmut, die mich staunen ließ. Jede Geste wirkte genau gesetzt, jedes Wort getragen von einer Kraft, die ich nicht erwartet hatte. Als die Pause kam, blieb ich noch einen Moment sitzen, als müsse ich erst wieder in die Wirklichkeit zurückfinden. Wieder wurde mir Champagner gebracht. Kurz darauf trat eine junge Frau in die Loge. Sie sagte kein Wort, sondern überreichte mir nur einen Umschlag und ein kleines Päckchen. Mein Herz schlug schneller, noch bevor ich den Umschlag öffnete. Die Nachricht war kurz: „Ich hoffe, du hast Spaß an der Oper. Wie versprochen bin ich nicht da. Aber wenn du nach der Vorstellung möchtest, sitze ich im gleichen Restaurant wie beim letzten Mal. Und vielleicht gefällt dir das aus der Schachtel am Hals ja besser.“

Ich starrte auf die Zeilen. Eine Mischung aus Neugier und Unbehagen stieg in mir auf. Dann öffnete ich das Päckchen. Darin lag ein Halsreif aus fein geschliffenem Edelstahl, schlicht, kühl und auffallend elegant. Kein Schmuckstück, das laut wirkte, eher eines, das gerade durch seine Zurückhaltung Aufmerksamkeit verlangte. Zögernd nahm ich ihn heraus. Das Metall fühlte sich schwerer an, als es aussah. Ich legte ihn probeweise um meinen Hals, ohne ihn zu schließen, und machte ein Foto von mir. Auf dem Bildschirm sah ich mich an und erschrak fast darüber, wie gut er passte. Er veränderte nichts an mir und doch alles. Langsam nahm ich ihn wieder ab und drehte ihn in den Händen. Sollte ich ihn wirklich anlegen? Ich suchte nach dem Verschluss, fand aber keinen gewöhnlichen Haken. Vielleicht musste man die Enden nur ineinanderstecken, dachte ich. Vielleicht war es ganz einfach.

Noch immer zögerte ich. Dann erklang das Zeichen zum Ende der Pause, und die Zuschauer kehrten auf ihre Plätze zurück. Das Stück ging weiter, doch ein Teil meiner Aufmerksamkeit blieb bei dem Halsreif in meinen Händen. Während die Musik erneut anschwoll, strich ich mit den Fingern über das glatte Metall. Ich redete mir ein, dass es nur ein Schmuckstück war. Nichts weiter. Schließlich hob ich ihn an, legte ihn um meinen Hals und drückte die Enden vorsichtig zusammen. Ein leises Klicken war zu hören. Für einen Moment hielt ich den Atem an. Der Reif lag passgenau an, kühl und fest, aber nicht unangenehm. Ich betrachtete mein Spiegelbild in der dunklen Scheibe der Loge und spürte ein merkwürdiges Ziehen im Magen. Dann wollte ich ihn wieder öffnen. Doch der Verschluss bewegte sich nicht. Ich tastete nach einer kleinen Kerbe, nach einem Druckpunkt, nach irgendeinem Mechanismus. Nichts. Ich versuchte es erneut, erst vorsichtig, dann mit wachsender Unruhe. Der Halsreif blieb geschlossen. Je länger ich daran zog, desto schneller schlug mein Herz. Plötzlich war die Musik weit weg, der Applaus bedeutungslos, und nur ein Gedanke blieb: Ich bekam ihn nicht mehr ab.

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