What's next?
das neue Kleid
Ich hatte nur den Wein getrunken und nichts gegessen, als ich nach Hause fuhr. In meiner Wohnung schloss ich die Tür zweimal ab und legte zusätzlich die Kette vor. Erst danach blieb ich mitten im Flur stehen. Die Stille war so dicht, dass ich mein eigenes Atmen hörte. Lange lag ich später wach im Bett, starrte an die Decke und versuchte zu verstehen, was an diesem Abend eigentlich geschehen war. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger fand ich eine Antwort.
Am nächsten Morgen ging ich müde zur Universität. Das Lernen fiel mir schwer, aber es lenkte mich zumindest für ein paar Stunden ab. Ich zwang mich, in der Vorlesung mitzuschreiben, obwohl meine Gedanken immer wieder zu Johannes zurückwanderten. Als ich mittags nach Hause kam, stand ein Paket vor meiner Wohnungstür. Für einen Moment blieb ich stehen und sah es nur an. Dann schloss ich auf, nahm es mit hinein und stellte es auf den Küchentisch.
Ich öffnete das Paket vorsichtig. Obenauf lag eine Karte. In sauberer, fast altmodischer Schrift stand darauf: „Eine kleine Entschuldigung. Wenn Ihnen ein Halsband nicht gefällt, dann vielleicht dieses Kleid.“ Darunter lag tatsächlich ein Kleid, sorgfältig in Seidenpapier eingeschlagen. Es war elegant, dunkel und schlicht, nicht zu kurz und nicht zu lang, eng geschnitten, aber nicht aufdringlich. An manchen Stellen ließen feine Einsätze die Haut nur andeutungsweise durchscheinen, ohne billig zu wirken.
Neben dem Kleid fand ich eine Opernkarte, ein kleines Kästchen mit einem feinen Kettchen, ein Paar passende Schuhe und weitere sorgfältig ausgewählte Dinge, die offenbar zu dem Abend gehören sollten. Ganz unten lag ein zweiter Zettel: „Tragen Sie genau das zu Ihrem Operntermin. Keine Angst, ich werde nicht dort sein. Genießen Sie einfach den Abend.“
Ich las die Nachricht zweimal. Der Ton war höflich, beinahe fürsorglich, und gerade das machte sie unheimlich. Alles war durchdacht: die Größe, der Stil, die Karte, sogar die Schuhe. Es war, als hätte jemand nicht nur meinen Geschmack erraten, sondern bereits entschieden, welche Rolle ich an diesem Abend spielen sollte. Ich berührte den Stoff mit den Fingerspitzen. Er fühlte sich weich und schwer an, viel zu schön für die Angst, die er in mir auslöste.
Lange stand ich vor dem Tisch und wusste nicht, was ich tun sollte. Ein Teil von mir wollte alles wieder einpacken, das Paket vor die Tür stellen und so tun, als hätte ich es nie geöffnet. Ein anderer Teil dachte an das Restaurant, an seine Worte, an die Kündigung und an die vielen Dinge, die plötzlich miteinander verbunden zu sein schienen. Schließlich klappte ich den Deckel des Kästchens zu und legte die Opernkarte daneben. Noch hatte ich keine Entscheidung getroffen. Aber ich spürte, dass der Abend längst begonnen hatte, bevor ich überhaupt wusste, ob ich hingehen würde.
Das kleine Kettchen entpuppte sich als Fußkettchen. Auch das war elegant und sicherlich nicht billig. Zögernd nahm ich es aus dem Kästchen und legte es probeweise an. Das feine Metall schmiegte sich kühl um meinen Knöchel, kaum spürbar und doch merkwürdig präsent. Ich hätte es sofort wieder abnehmen können. Stattdessen blieb ich einen Moment vor dem Spiegel stehen und betrachtete mich. Es sah schön aus. Viel zu schön für etwas, das mir eigentlich Unbehagen bereiten sollte. Schließlich zog ich auch das Kleid, die Schuhe und die anderen Dinge an. Im Spiegel wirkte ich verändert: elegant, erwachsener, als hätte ich für kurze Zeit eine Rolle angenommen, die nicht ganz meine eigene war. Dieser Gedanke beunruhigte mich, und trotzdem konnte ich nicht leugnen, dass mir gefiel, was ich sah. Nach einer Weile legte ich alles wieder sorgfältig ab. Die Oper war erst am Wochenende, also blieben mir noch ein paar Tage, um meine Entscheidung zu überdenken. Doch je öfter mein Blick zur Karte auf dem Küchentisch wanderte, desto sicherer wurde ich, dass ich hingehen würde. Die folgenden Tage an der Universität verliefen äußerlich ruhig und ohne besondere Zwischenfälle. Ich besuchte meine Vorlesungen, machte Notizen und sprach mit Kommilitonen, als wäre nichts geschehen. Nur innerlich blieb ich unruhig. Immer wieder dachte ich an das Kleid, an das Fußkettchen und an die seltsame Gewissheit, dass dieser Abend mehr bedeuten würde als nur einen Opernbesuch.
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