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ersten Arbeitstage
Er zeigte mir den kleinen Raum hinter der Theke, in dem ich mich umziehen konnte. Die Tür fiel leise hinter mir ins Schloss, und für einen Augenblick war nur das gedämpfte Wummern der Musik zu hören. Auf einem Stuhl lagen zwei schlichte schwarze Kleidungsstücke bereit. Ich zog sie an; beides passte, war aber enger geschnitten, als ich erwartet hatte. Vor dem schmalen Spiegel blieb ich kurz stehen. Die Person, die mir entgegenblickte, sah vertraut aus und zugleich fremd. Ich atmete tief durch und sagte mir, dass es nur ein Job war.
Als ich wieder hinaustrat, wartete der Chef bereits. Ohne meine Unsicherheit weiter zu beachten, führte er mich durch den Laden, zeigte mir die Theke, die Vorräte, den Weg zur Kasse und die Bereiche, für die ich zuständig sein sollte. Seine Erklärungen kamen schnell, fast beiläufig, als sei all das selbstverständlich. Ich nickte, versuchte mir jedes Detail zu merken und spürte gleichzeitig, wie die Nervosität in mir aufstieg. Gegen 18 Uhr kamen noch eine junge Frau und ein junger Mann dazu. Sie begrüßten mich kurz, verschwanden ebenfalls zum Umziehen und standen wenige Minuten später in derselben schwarzen Arbeitskleidung neben mir. In diesem Moment verschob sich etwas: Ich war nicht mehr nur Bewerberin. Für diesen Abend gehörte ich dazu.
Kaum hatte ich mich an diesen Gedanken gewöhnt, öffnete der Laden richtig. Zuerst kamen nur einzelne Gäste, dann kleine Gruppen, schließlich war der Raum voller Stimmen, Musik und Bewegung. Gläser klirrten, jemand lachte laut, Bestellungen wurden über die Theke gerufen, und ich hatte kaum Zeit, nachzudenken. Meine Hände arbeiteten schneller, als mein Kopf folgen konnte: Flaschen öffnen, Gläser füllen, kassieren, lächeln, weiter. Mit jeder Stunde ließ die erste Unsicherheit ein wenig nach. Nicht ganz, aber genug, um weiterzumachen. Als der Abend schließlich endete, war ich erschöpft, doch in mir breitete sich auch ein stiller Stolz aus. Der Chef war zufrieden, sagte, ich könne wiederkommen, und drückte mir 100 Euro in die Hand. Zusammen mit dem Trinkgeld waren es etwa 150 Euro. Für mich fühlte sich das an wie ein kleines Vermögen. Noch während ich das Geld einsteckte, sagte er mir, dass ich am nächsten Tag wiederkommen sollte.
Am Samstag stand ich deshalb wieder vor dem Eingang. Es war kurz vor 18 Uhr, und diesmal wusste ich schon, wohin ich musste. Trotzdem schlug mein Herz schneller, als ich den Laden betrat. Ich zog mich um, bereitete meinen Bereich vor und versuchte, ruhiger zu wirken, als ich mich fühlte. Lange blieb es nicht ruhig. Je später es wurde, desto dichter drängten sich die Gäste an der Theke. Mitten in diesem Gedränge kam eine Junggesellengruppe herein. Die Männer waren laut, aufgekratzt und voller Sprüche, die sie offensichtlich für witzig hielten. Cora, die andere junge Frau im Team, bewegte sich sicher zwischen ihnen hindurch, als könne sie jede Situation schon im Voraus einschätzen. Während sie Bestellungen aufnahm, erklärte sie mir nebenbei, dass ein lockeres Auftreten beim Trinkgeld helfen könne. Also versuchte ich, offener zu wirken, obwohl ich innerlich noch nach dem richtigen Abstand suchte.
Je länger der Abend dauerte, desto deutlicher veränderte sich die Stimmung. Aus Gelächter wurde Lärm, aus lockeren Bemerkungen wurden Sätze, bei denen ich nicht immer wusste, ob ich darüber hinweggehen oder sofort eine Grenze ziehen sollte. Cora blieb gelassen. Ein Blick von ihr genügte manchmal, und ein Gast wich zurück oder lachte verlegen. Ich beobachtete sie genau und versuchte zu begreifen, wie sie diese Sicherheit ausstrahlte. Vielleicht, dachte ich, musste man in dieser Stadt erst lernen, seine Unsicherheit nicht zu zeigen. Ich war noch nicht so weit. Aber allmählich begriff ich, dass dieser Job mehr von mir verlangte als schnelle Hände und ein freundliches Lächeln.
Diese Erkenntnis begleitete mich noch, als die letzten Gäste gegangen waren und der Boden unter meinen Schuhen klebte. Beim Aufräumen zählte ich mein Trinkgeld: hundert Euro. Ich starrte auf die Scheine, als könnten sie mir eine Antwort geben. Es war viel Geld für einen Abend, mehr, als ich erwartet hatte. Und doch blieb neben der Erleichterung ein anderes Gefühl zurück: die leise Ahnung, dass Berlin mich schneller verändern würde, als mir bewusst war.
Mit dieser Ahnung im Hinterkopf vergingen die nächsten Wochenenden. Anfangs zählte ich noch jeden Fehler, jedes falsche Wort, jeden Moment, in dem ich mich fehl am Platz fühlte. Doch mit jedem Dienst wurden die Wege kürzer, die Bewegungen sicherer und die Nächte vertrauter. Zwischen Vorlesungen, U-Bahn-Fahrten und langen Schichten fand ich langsam meinen eigenen Rhythmus. Ich war in Berlin angekommen – zumindest redete ich mir das ein. Denn manchmal beginnt eine Geschichte genau dort, wo man glaubt, alles im Griff zu haben.
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