Chapter 46
by
kleinehexe
What's next?
Wie wird man eigentlich eine Domina?
Sie lehnte sich leicht zurück und betrachtete Caroline aufmerksam. Nicht unfreundlich, eher abwägend und einschätzend, mit wem sie es zu tun hatte. Caroline spürte diesen Blick deutlich und schlug ihren Notizblock auf.
„Vielleicht beginnen wir ganz einfach“, sagte sie und **** sich zu einem professionellen Ton. „Wie lange machen Sie das hier schon?“
Ein deutliches Lächeln huschte über das Gesicht ihrer Gastgeberin. „Diese Frage stellen Journalisten immer zuerst.“ Sie überlegte kurz und fuhr fort. „Dieses Haus habe ich vor etwa sieben Jahren gekauft. Das Studio selbst gibt es allerdings schon länger. Ich habe es von meiner Vorgängerin übernommen.“
„Betreiben Sie dieses Studio ganz allein?“
„Nein“, antwortete sie mit einem leichten Kopfschütteln. „Neben mir arbeiten hier noch Mistress Irina und Lady Diana. Beide sind aber selbstständig und haben einen eigenen Kundenkreis. Sie mieten sich hier nur für ihre Sitzungen ein. Und natürlich ist da noch mein Mann. Er kümmert sich um alles, was drumherum noch anfällt.“
„Und die Kunden … kommen die hauptsächlich aus der Region?“
„Einige ja, aber manche reisen auch von weiter her an.“ Sie sagte dies vollkommen ruhig, als würde sie über irgendeine gewöhnliche Dienstleistung sprechen, während Caroline sich Notizen machte.
„Und wie ... wie wird man eigentlich eine Domina? Ich meine, wie war ihr persönlicher Werdegang?“
„Das hat sich über die Jahre entwickelt. Dominanzspiele in sanfter Form waren auch davor schon teilweise Bestandteil meiner Beziehungen. Irgendwann habe ich auf einer Mottoparty eine Domina kennengelernt. Über sie bin ich dann immer tiefer in die Materie eingetaucht und habe auch meine dominante Seite entdeckt. Sie hat mir über die Zeit alles beigebracht, bis ich angefangen habe, selbst in ihrem Studio zu arbeiten.“
„Sie hat Sie sozusagen ausgebildet?“
„Wenn Sie so wollen, ja. Wobei es dafür aber keine richtige Ausbildung gibt. Also zumindest nicht im Sinne der IHK.“ flunkerte sie zurück.
Caroline nickte langsam und war innerlich froh, wie gut das Gespräch begonnen hatte. Sie ließ ihren Blick kurz durch den Raum wandern. Jetzt, wo sie etwas genauer hinsah, erkannte sie immer mehr Details. Die Möbel waren stabiler gebaut als gewöhnliche. Einige mit Leder bezogen, andere aus dunklem Holz. An einer Wand hing eine Auswahl von Dingen, deren schmerzhafte Wirkung sie erschaudern ließ.
„Neugierig?“
Caroline erwischte sich dabei, wie sie etwas verlegen lächelte. „Ein bisschen schon.“
„Das ist völlig normal.“ Sie stand auf und wie selbstverständlich ging sie langsam zu einer der Wandhalterungen. Erst als sie eines der Geräte abnahm, richtete sich Caroline etwas auf. In ihrer Hand hielt sie eine schmale Gerte und drehte sie locker und fast beiläufig zwischen ihren Fingern, um sie schließlich wieder zurückzulegen. „Viele Menschen haben Vorurteile und stellen sich diese Welt viel dramatischer vor, als sie tatsächlich ist“, sagte sie.
Caroline hob leicht eine Augenbraue. „Und wie ist sie wirklich?“
Sie sah von der Wand zu ihr herüber. „Strukturiert!“ Lächelnd kam sie zum Tisch zurück und setzte sich.
„Alles basiert auf Regeln, Absprachen und Vertrauen. Ohne diese Dinge würde das Spiel nicht funktionieren.“
„Das heißt, es geht weniger um … ****?“, hakte sie nach, während sie in Stichworten mitschrieb.
„In erster Linie geht es um Kontrolle. Und darum, sie freiwillig abzugeben.“ Dieser Satz blieb für einen Moment zwischen ihnen im Raum stehen. Caroline spürte, wie ihr Stift auf dem Papier stockte.
„Das klingt … fast schon etwas psychologisch?“
„Ist es auch. Die meisten meiner Kunden sind Männer und tragen im Alltag sehr viel Verantwortung. Führungskräfte, Unternehmer, Menschen mit großem Druck.“ Sie machte dabei eine kleine Pause. „Hier können sie diesen Druck oder ihre Verantwortung für eine Weile ablegen. Sie können in einem Spiel in eine Rolle schlüpfen, die ihnen im normalen Leben verwehrt ist. Und sie können sich hier führen lassen.“
Caroline nickte langsam und überlegte. Das alles passte nicht ganz zu den Bildern, die sie sich zuvor im Kopf gemacht hatte. „Und Frauen?“, fragte sie.
„Auch. Aber deutlich seltener.“
Caroline bemerkte plötzlich, dass sie sich inzwischen deutlich entspannter fühlte als noch vor wenigen Minuten. Die Atmosphäre im Raum war ruhig und sachlich, als würden sie sich über das Normalste der Welt unterhalten. Und doch war etwas anders als sonst. Eine Art Spannung, die sie nicht genau benennen konnte. Vielleicht lag es daran, wie sicher ihr Gegenüber auf sie wirkte.
„Sie wirken überrascht.“
Caroline musste leicht lachen. „Ja, ein bisschen.“
„Ihre Vorstellungen waren vermutlich dunkler und derber?“ fragte sie amüsiert nach.
Caroline hielt kurz inne und legte den Stift aus der Hand. „Sagen wir mal so: Ich habe mich schon etwas darauf vorbereitet.“
„Das tun die meisten. Oder versuchen es zumindest“, gab sie ihr lachend zurück. „Aber Sie stellen zumindest schon mal die richtigen Fragen.“ Sie lehnte sich wieder etwas zurück und musterte Caroline abwartend.
Dann lächelte sie wieder. „Also … Frau Feldmann“, und deutete auf den Notizblock. „Was möchten Sie denn noch gern wissen?“
Caroline griff nach ihrem Stift, ließ ihn jedoch einen Moment über dem Papier schweben, ohne etwas zu schreiben. Es war nur ein kurzer Augenblick und dennoch spürte sie, dass sich etwas verändert hatte. Das Gespräch lief gut, die Fragen kamen von ihr, die Antworten von Bianca Winter. Und trotzdem hatte sie zunehmend das Gefühl, nicht mehr allein die Richtung dabei vorzugeben.
Caroline hob den Blick und sah sie direkt an. Sie saß ihr unverändert ruhig gegenüber, die Hände locker ineinandergelegt. Ihr Gesichtsausdruck war kaum zu deuten. Es wirkte, als würde sie ihr nicht einfach nur zuhören, um ihre Fragen zu beantworten, sondern gleichzeitig auch jedes ihrer Worte analysieren.
Sie richtete sich unwillkürlich ein wenig auf. „Ich stelle die Fragen hier“, ging es ihr durch den Kopf, und dennoch fühlte sich dies gerade nicht mehr ganz so eindeutig an.
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über Bianca Winters Gesicht. Es war nur ein Hauch, aber genug, um zu erahnen, dass sie mehr sah, als sie zeigte. Caroline senkte kurz den Blick auf ihren Notizblock, als müsste sie sich neu sortieren. Dann setzte sie den Stift an.
„Also…“, begann sie, und diesmal klang ihre Stimme einen Hauch vorsichtiger als zuvor.
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