Wohin geht es für mich?
Weiter in Sidney
Ich wache mit einem dröhnenden Kopf auf. Die Sonne scheint grell durch die hohen Fenster der Werkstatt und sticht mir in die Augen. Mein Mund ist trocken, die Zunge fühlt sich pelzig an, und in meinem Magen dreht sich alles. Der Kater ist brutal – Übelkeit, Schwindel und ein bleiernes Gefühl in den Gliedern. Ich liege immer noch auf der alten Couch, das kurze schwarze Kleid vom gestrigen Abend zerknittert unter mir. Die High Heels liegen irgendwo auf dem Boden.
Die Erinnerungen kommen in Wellen zurück. Das luxuriöse Hotelzimmer. Die Champagnergläser. Matts und Jamals Stimmen. Der Geruch. Das Würgen. Die Tränen. Der Kuss mit Liz und dem vermischten Geschmack. Das warme, klebrige Gefühl auf meinem Gesicht. Die Fotos und Videos, die Jamal gemacht hat.
Scham überrollt mich so heftig, dass mir kurz schlecht wird. Ich rolle mich auf die Seite und starre auf den knallpinken Van, der jetzt fertig in der Ecke steht. Mein Van. Mein Werk. Und doch fühle ich mich, als hätte ich ihn irgendwie verdreckt. Was habe ich gestern getan? Die kleine, unschuldige Jette aus dem Dorf, die Fußball gespielt und sich für ihr Sixpack und ihre zu kleinen Brüste geschämt hat – die hat gestern auf den Knien in einem 5-Sterne-Hotel einem fremden Mann den Schwanz gelutscht, bis sie gewürgt hat, und sich dabei filmen lassen.
Ich setze mich langsam auf. Der Brazilian-Wax macht meine Haut noch empfindlicher, und die bloße Erinnerung daran, dass ich den ganzen Abend nichts unter dem Kleid getragen habe, lässt meine Wangen brennen. Ich schleiche ins kleine Bad, wasche mir das Gesicht und schaue in den Spiegel. Die Smokey Eyes sind verschmiert, die roten Lippen verwischt. Meine Haare sind noch glatt, aber unordentlich. Ich sehe aus wie jemand, der eine wilde Nacht hinter sich hat – und die hatte ich ja offensichtlich auch.
Nachdem ich mich so gut es geht frisch gemacht habe, ziehe ich einen der grellen Tangas an (heute neonpink), die kurzen Sportshorts und ein Crop-Top. Der Van ruft. Heute ziehe ich endgültig ein.
Mick und Liz sind gekommen als ich im Bad war. Mick trinkt Kaffee und mustert mich kurz, als ich aus dem Bad komme. „Harte Nacht?“, fragt er nur, mit einem leichten Grinsen. Liz zwinkert mir zu. „Du hast dich gestern gut geschlagen, Kleine.“ Ich werde wieder rot und murmele etwas Undeutliches. Die Scham sitzt tief. Ich weiß nicht, wie viel Liz Mick erzählt hat – und ich will es auch nicht wissen.
Den Vormittag verbringe ich damit, meine wenigen Sachen in den Van zu räumen. Das Bett ist fertig, die Küchenzeile funktioniert, die Lichter gehen an. Es riecht noch nach Lack und neuem Holz. Ich sitze auf der neuen Matratze und schaue mich um. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft habe ich ein eigenes Zuhause. Der Stolz kämpft mit der Scham.
Liz kommt rein und setzt sich neben mich. „Na? Wie fühlt es sich an?“ Ich zucke mit den Schultern. „Gut… und irgendwie unwirklich. Gestern… ich weiß nicht, ob ich das bereue.“ Sie legt mir eine Hand auf den Oberschenkel. „Bereuen musst du nichts. Du warst mutig. Und ehrlich? Du hast gut ausgesehen, wie du da gekniet hast.“ Ihre Worte machen es nicht besser. Das Kribbeln kommt zurück, vermischt mit dem Gefühl, mich selbst nicht mehr zu erkennen.
Gegen Mittag schreibe ich in die Chats. Ich formuliere vorsichtig.
Gruppenchat „Mädels forever ❤“
Jette: Van ist fertig! Knallpink, sieht irgendwie verrückt aus. Gestern waren wir feiern. Lange Nacht. Kater heute…
Lena: Pink?! Das habe ich jetzt nicht erwartet Erzähl alles vom Club! Fotos?
Mia: Endlich! Und? Hast du jemanden kennengelernt? Die kleine Jette wird wild…
Sophie: Wir wollen Details! Und pass auf dich auf, ja?
Ich antworte vage, schicke ein Foto vom Van (von außen, ohne mich) und lasse die Nacht weg. Bei den Eltern schreibe ich noch zurückhaltender: Van fertig, alles gut, danke für die Unterstützung.
Was mache ich jetzt? Bleibe ich noch in Sydney? Der Van ist fahrbereit. Ich könnte Richtung Coast fahren, oder nach Norden, oder einfach hierbleiben und erstmal einen Job suchen. Die Ersparnisse schmelzen, und ich brauche Geld für Sprit, Essen und eventuelle Reparaturen. Ich könnte natürlich auch das Geld meiner Eltern nehmen, aber ich möchte es eigentlich allein schaffen.
Mick hilft mir am Nachmittag noch, die letzten Kleinigkeiten zu erledigen. Als wir fertig sind, stehe ich vor ihm und fühle mich plötzlich ungeschickt. „Mick… danke. Wirklich. Ohne dich und Liz hätte ich das nie so schnell geschafft. Ich… weiß nicht, wie ich mich bedanken kann.“ Er kratzt sich am Nacken und grinst. „Schon gut, Kleine. Du hast hart gearbeitet. Wenn du noch ein paar Tage bleibst, kannst du mir in der Werkstatt helfen. Oder…“ Er zögert kurz. „Falls du Geld brauchst, kenn ich Leute, die Aushilfen suchen. Bars, Cafés am Beach. Die nehmen gerne hübsche Mädchen.“ Sein Blick huscht kurz über mein Crop-Top und die Shorts. Ich nicke nur, unsicher und weiß nicht was ich antworten soll.
Liz schlägt vor, dass wir abends nochmal rausgehen – „nur entspannt, kein Club“. Ich lehne ab. Ich brauche Ruhe. Stattdessen sitze ich abends allein im Van. Die Matratze ist bequem, die Lichter sind warm. Ich öffne die Fotos und das Video, die Jamal mir geschickt hat. Ich weiß, dass ich es nicht tun sollte, aber ich tue es trotzdem. Mein eigenes Gesicht mit Tränen, Sabber und seinem Schwanz im Mund. Die Scham brennt, aber darunter pocht etwas anderes – eine seltsame, verbotene Erregung. Ich lösche die Dateien nicht. Ich weiß nicht warum.
Gegen 22 Uhr piept mein Handy. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Jamal: Hey kleine Deutsche. Schön dich gestern kennengelernt zu haben. Die Videos sind heiß. Hab was für dich.
Ein Link folgt. Ich klicke – zögernd, mit klopfendem Herzen. Es ist ein Post auf einer bekannten Porno-Plattform. Der Titel ist „Hot German tourists first BBC blowjob“, die anderen Personen sind unkenntlich gemacht oder nur von hinten/seitlich zu sehen. Aber ich bin klar zu erkennen: mein Gesicht, die Tränen, das Würgen, der Cumshot. Der Post hat schon ein paar Views und Kommentare.
Mein Magen dreht sich um. Die Scham ist so heftig und jetzt mischt sich auch noch Angst dazu, dass mir schwindelig wird. Gleichzeitig pocht etwas anderes – eine panische, verbotene Erregung. Er hat es hochgeladen. Anonym für ihn, Liz und Matt, aber nicht für mich. Die Porno-Plattform kennt jeder. Was wenn jemand aus meinem Dorf oder meiner Schule das Video sieht und mich erkennt?! Ich habe wirklich Angst und zittere. Tränen schießen mir in die Augen. Warum macht Jamal das? Was hat er vor?
Eine zweite Nachricht kommt:
Jamal: Sieht heiß aus, oder? Falls du willst, dass ich’s lösche… oder mehr willst – meld dich. Kein Stress.
Kein direkter Druck, aber die Kontrolle liegt bei ihm. Ich starre auf den Bildschirm, lösche die Nachrichten nicht, schließe die Seite aber schnell. Ich antworte Jamal nicht.
Die Nacht im Van ist die erste richtige. Ich liege wach und denke nach. Wohin gehe ich? Bleibe ich noch ein paar Tage bei Mick und Liz, um mich zu bedanken und vielleicht einen Job zu finden? Oder fahre ich einfach los und lasse Sydney hinter mir? Die Scham über die letzte Nacht sitzt tief, aber sie vermischt sich mit Neugier. Was, wenn ich das nochmal mache? Was, wenn ich es dieses Mal bewusster tue? Dann kommen die weiteren Fragen: Was soll ich Jamal antworten? Würde er das Video wirklich löschen wenn ich ihn darum bitte? Will ich das Risiko eingehen das Video auf der Website zu lassen?
Am nächsten Morgen stehe ich früh auf, dusche im Van (das Wasser ist noch begrenzt) und ziehe wieder einen der grellen Tangas und knappe Sachen an. Liz hat recht gehabt – ich gewöhne mich daran. Der Körper fühlt sich anders an. Glatter, empfindlicher, beobachteter.
Ich gehe zu Mick in die Werkstatt. „Ich bleibe noch ein paar Tage“, sage ich. „Und ich brauche einen Job. Kannst du mir helfen?“ Er nickt. „Klar. Ich ruf jemanden an. Und… wenn du dich bedanken willst, koch uns einfach mal was Gutes oder hilf hier. Mehr brauch ich nicht.“ Sein Blick ist warm, aber auch prüfend. Ich frage mich, ob er mehr weiß, als er sagt.
Liz kommt dazu und schlägt vor, dass wir zusammen zu einer Bar am Bondi fahren, wo eine Freundin von ihr arbeitet. „Die suchen eine Aushilfe. Die Uniform ist… nun ja, knapper als das, was du gewohnt bist. Aber das Trinkgeld ist gut.“ Ich schlucke und stimme zu.
Ich öffne die Nachricht von Jamal noch einmal.
Ich tippe: „Hey. Danke für das Video. Die Nacht war intensiv.“
Lösche es.
Tippe etwas anderes.
Lösche es wieder.
Stattdessen schreibe ich in den Mädchen-Chat: „Mädels, ich glaub, ich bleib noch ein bisschen in Sydney. Job suchen. Van ist der Wahnsinn. Vermiss euch.“
Die Antworten kommen schnell und aufmunternd. Niemand ahnt, was wirklich passiert ist.
Ich lege mich hin um mich auszuruhen, mein Kopf dröhnt und ich starre an die Decke des Vans. Die Scham und Angst ist immer noch da. Aber darunter wächst etwas Neues. Eine Unruhe. Eine Neugier. Und die leise Frage: Was passiert als Nächstes?
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