What's next?
Weiße Lilie und Puder
Die Rückfahrt über die Tauentzienstraße zog sich wie ein zäher Albtraum.
Jede Bremsung des Wagens trieb den Neuköllner Chirurgenstahlring tiefer gegen die frisch verödeten Haarwurzeln meiner Dammnaht, während der feine Samt an meiner Kehle mit jedem Schlucken an den Kehlkopf drückte. Ich saß stumm auf dem Beifahrersitz, die Hände mit den unübersehbar glänzenden Nägeln fest in den Taschen meiner Jacke vergraben. Auf dem Rücksitz raschelten die weißen Luxustüten aus dem KaDeWe – bezahlt mit den letzten Resten von Richards Leistungsprämie.
Kaum hatten wir die Wohnungstür der Neuköllner WG hinter uns zugezogen, fiel mein letzter Halt in sich zusammen. Der schwere, süßliche Lilien- und Vanilleduft erfüllte den Flur.
„Schuhe aus, John“, befahl Loona mit beiläufiger Strenge, streifte ihren Mantel ab und schritt zielstrebig in die Küche. „Und bring mir sofort dein Telefon. Auf den Küchentisch.“
Ich schälte mich aus meinen Schuhen. Jeder Schritt auf den Dielen schmerzte; die Innenseiten meiner Beine brannten wie rohes Fleisch. Mit zittrigen Fingern fischte ich mein Smartphone aus der Tasche und trat an den Küchentisch. Loona hatte bereits auf ihrem eigenen Gerät die Administrator-Konsole von *Kidslox* geöffnet.
„Hinsetzen“, wies sie mich an und deutete auf den Holzstuhl ihr gegenüber. Sie nahm mein Telefon, entsperrte es mit ihrem Gesicht und tippte mit ihren rot lackierten Fingernägeln mehrere Befehle ein.
„Wir etablieren ab heute neue Gewohnheiten, mein Kleiner“, begann sie sanft, ohne den Blick vom Display zu heben. Ihre Stimme trug jenen gefährlichen Tonfall mütterlicher Fürsorge, der keinen Widerspruch duldete. „Du hast vorhin bewiesen, dass du unter fremden Augen spuren kannst. Aber der Alltag an der Charité verleitet dich Loser ja viel zu leicht zu Nachlässigkeiten. Deshalb führen wir ab heute dein persönliches Keuschheits-Tagebuch ein.“
Sie drehte das Display zu mir. Auf dem Bildschirm war eine einzelne, neu freigegebene Notiz-App geöffnet. Sämtliche anderen Kommunikationswege blieben durch das rote *Kidslox*-Banner fest verriegelt.
„Jeden Morgen um punkt sieben Uhr, bevor du das Haus verlässt, und jeden Abend um zweiundzwanzig Uhr erwarte ich einen Eintrag“, erklärte Loona mit ruhiger Präzision. „Ein scharfes Kontrollfoto des geschlossenen Schlosses an deinem Schambein. Dazu der standardisierte Statusbericht: *‚Ring intakt, kein Reiben, Gehorsam geleistet.‘* Ich will sehen, dass die gelaserte Haut um den Stahl sauber gepflegt ist und mein kleiner Loser nicht auf dumme Gedanken kommt.“
Sie sah mir fest in die Augen. Ihre smaragdgrünen Iriden fixierten mich unbarmherzig.
„Und damit du es erst gar nicht versuchst: Ich habe in *Kidslox* einen strengen Timer hinterlegt. Weicht die Meldung auch nur um fünf Minuten vom Zeitfenster ab, verriegelt die App dein Telefon in den absoluten Notfallmodus. Kein Campus-Portal, kein Vorlesungsskript, gar nichts. Die Sperre hebe ich erst wieder auf, wenn du physisch vor mir auf den Knien liegst und um Freigabe bittest. Hast du das verstanden?“
„Ja, Loona“, flüsterte ich mit belegter Stimme. Der Gedanke, morgens im Bad mit zittrigen Händen meine eigene Versiegelung zu fotografieren und vor ihr Rechenschaft abzulegen, schnürte mir die Kehle zu.
„Brav, mein Kleiner“, hauchte sie, beugte sich über den Tisch und strich mir mit kühlen Fingern über das eng anliegende Samtband an meiner Kehle. „Und jetzt: Ran an die Lehrbücher. Du musst den Stoff der Pharmakologie-Vorlesung nachholen, die du meinetwegen sausen lassen musstest. Morgen Früh hast du praktischen Unterricht am Krankenbett mit Mira. Und ich erwarte von meinem Loser, dass die Noten makellos bleiben.“
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Am nächsten Vormittag auf Station 14 der Charité fühlte sich die Welt vollkommen surreal an.
Mein erstes Kontrollfoto hatte ich pünktlich um 06:58 Uhr übermittelt. Nun stand ich im Aufenthaltsraum der Chirurgie und zog mir den weißen Klinikkittel über. Die grobe, gestärkte Baumwolle des Kittels rieb bei jeder Bewegung schneidend über meine feuerrot verödete, haarlose Brust. Unter dem hochgeschlossenen Kragen saß der schwarze Samt-Choker wie eine glühende Fessel; das winzige Vorhängeschloss bohrte sich bei jeder Kopfbewegung in meine Kehle. Zwischen den Schenkeln pressten die fünfunddreißig Millimeter Chirurgenstahl mein Fleisch flach zusammen.
„Mensch, John! Da bist du ja endlich!“, erklang Miras energische Stimme hinter mir.
Ich zuckte unwillkürlich zusammen und drehte mich hastig um. Mira trat heran, das Stethoskop lässig um den Nacken gehängt, eine Klemmmappe unter dem Arm. Sie musterte mich mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Was war gestern bitte los? Ich hab dir den Platz in Pharma freigehalten und dir dreimal auf WhatsApp geschrieben. Du hast nicht mal geantwortet!“
„Mein… mein Akku war hinüber“, stammelte ich, die Hände tief in den Kitteltaschen vergraben, um die glänzenden Nägel vor ihrem Blick zu verbergen. „Und mir ging es kreislaufmäßig nicht gut. Ich musste mich den ganzen Tag hinlegen.“
Mira trat einen halben Schritt näher heran, legte den Kopf schief und schnupperte plötzlich irritiert an der Luft.
„Sag mal… was riecht hier eigentlich so intensiv süß?“, fragte sie verwirrt und blickte sich um, ehe ihr Blick wieder auf mir hängen blieb. „Riechst du das auch? Das ist doch… weiße Lilie und Puder. Trägst du etwa Damenparfüm auf Station?“
Mir schoss die Hitze bis in die Haarspitzen. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen. Der süße Duft aus dem Charlottenburger Salon dampfte durch die Körperwärme unbarmherzig durch meinen Hemdkragen ab.
„Nein! Also… das ist eine medizinische Salbe“, log ich mit versagender Stimme und zog den Kragen meines Kittels unwillkürlich höher, um das Samtband zu verdecken. „Ein dermatologisches Spezialpräparat. Wegen einer… allergischen Kontaktreaktion am Hals.“
„Aha…“, murmelte Mira skeptisch und musterte mich eingehend. „Klingt eher nach Nobelparfümerie als nach Rezeptur aus der Krankenhausapotheke. Und warum versteckst du deine Hände so krampfhaft? Nimm mal die Kurve von Zimmer 12, wir müssen zur Visite.“
Sie streckte mir die Mappe entgegen. Ich hatte keine Wahl: Ich musste meine rechte Hand aus der Tasche ziehen, um die Akte entgegenzunehmen.
Unter den kalten Neonröhren des Flurs fingen meine Fingernägel das Licht ein. Sie glänzten wie frisch poliertes Glas – rundgefeilt, makellos und mit einer feinen Schicht Klarlack überzogen.
Miras Augen wanderten blitzschnell von der Mappe zu meinen Fingerspitzen. Sie hielt mitten in der Bewegung inne und starrte meine Hand an.
„John…“, sagte sie langsam, und ein ungläubiges Lächeln begann um ihre Mundwinkel zu zucken. „Hast du… glänzen deine Nägel etwa? Hast du dir Klarlack aufgetragen?“
„Das ist ein antimykotischer Schutzlack!“, presste ich verzweifelt hervor, während mein Gesicht brannte wie die Sonne. „Zur Vorbeugung… wegen der ständigen Desinfektionsmittel…“
Mira lachte leise und amüsiert auf, musterte mich von Kopf bis Fuß und schüttelte kopfschüttelnd die Mappe. „Du wirst mir echt immer suspekter, Herr Kollege. Damenparfüm am Hals, perfekt manikürte Hände und dazu ein Kragen, den du bis unters Kinn zuknöpfst wie ein Klosterschüler. Sag mal, hast du heimlich eine neue Freundin, die dich nach Feierabend zu ihren privaten Beauty-Behandlungen mitschleppt? Das sieht ja aus wie frisch aus dem Nagelstudio am Kurfürstendamm.“
Ihre ahnungslose, spöttische Treffsicherheit fuhr mir wie ein Stromstoß durch die Glieder. In meiner Kitteltasche vibrierte mein Smartphone stumm: Eine über Kidslox lautlos durchgestellte Bestätigung, dass mein morgendliches Keuschheitsfoto von Loona als „akzeptiert“ quittiert worden war.
„Mach dich nicht lustig, Mira“, wich ich hastig aus, zog die Hand zurück und wandte mich mit brennenden Ohren ab. Jeder Schritt den Linoleumboden hinab war eine Qual: Die verödete Haut meiner Oberschenkel rieb am Hosenstoff, während der schwere Chirurgenstahlring bei jedem Schritt gegen mein Schambein hämmerte. „Komm jetzt. Der Oberarzt wartet in Zimmer 12.“
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