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Chapter 6

What's next?

Viele Fragen

Eva kehrte in die Schlafkammer zurück, zog sich bis aufs Hemd aus und wusch sich. Dann fiel sie müde und erschöpft von der anstrengenden Wanderung wie ein Stein ins Bett. Trotz der harten Strohmatratze verbrachte sie die erste Nacht in ihrem neuen Zuhause in einem tiefen, vermeintlich traumlosen Schlaf.

Nur einmal glaubte sie Donner zu hören. Sie blinzelte aus bleischweren Augen und entdeckte das relativ helle Viereck des Fensters in der ansonsten pechschwarzen Wand. Es folgte aber kein weiterer Donnerschlag und auch von einem Wetterleuchten gab es keine Spur. In der Annahme, dass ihr die Nerven einen Streich gespielt hatten, drehte sie sich um und schlief sofort wieder ein.

Am nächsten Morgen wachte sie fröstelnd, aber erfrischt und erholt auf. Nur ihre Beine fühlten sich noch immer schwer an. Auch konnte sie das unangenehme Gefühl nicht abschütteln, dass irgendetwas Schlimmes in der Nacht geschehen war. Möglicherweise hatte sie einen bösen Traum gehabt, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte. Sie setzte sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

Der Helle draußen nach zu urteilen war die Sonne schon aufgegangen. Ein Blick durch die Kammer zeigte Eva, dass Lenis Bett an der anderen Wand zwar benutzt war, aber leer stand. Sie vermutete, dass die Landbewohner früh aufstehen mussten, um ihr Tagewerk zu vollbringen. Um nicht als unnützer Faulpelz zu gelten, der im Bett herumlümmelte und den anderen zur Last fiel, schälte sie sich aus den warmen Decken. Bibbernd zog sie sich rasch an und eilte die Treppe hinab in die Küche.

Als sie den niedrigen Raum betrat, saßen Adrian und Lisi am Tisch und nippten heißen Tee aus dampfenden Tassen. Die beiden sahen auf und nickten dem Neuankömmling zu. Grete war schon wieder am Herd beschäftigt, der eine willkommene Wärme abstrahlte, und rührte etwas in einem großen Topf um. Der Jungbauer erhob das Wort.

„Guten Morgen, Eva, hast du gut geschlafen?“

Die Angesprochene zögerte einen Augenblick, unsicher wie sie antworten sollte. War es eine Anspielung darauf, dass sie länger als nötig im Bett geblieben war?

„Ja, danke. Sehr gut“, antwortete sie schließlich, wohl wissend, dass es nicht die ganze Wahrheit war. Sie spürte einen Knoten im Magen, der nicht nur von ihrem Hunger herrührte. „Wo sind Julius und Leni?“

„Mein Vater ist schon draußen. Er muss etwas erledigen“, war Adrians vage Auskunft. „Leni ist im Stall und kümmert sich um die Kühe.“

„Kann ich irgendetwas helfen?“, bot Eva an im Bemühen, sich nützlich zu machen.

Grete trat von hinten an sie heran und drückte sie auf einen Stuhl. „Esse erst einmal etwas.“ Sie legte einen Holzlöffel neben Eva auf die Tischplatte und wies auf die Schüssel, die in der Mitte stand. Eva stellte fest, dass es die aufgewärmten Reste des Abendessens waren. Sie verstand, dass Lebensmittel in dieser rauen Umgebung knapp und hart erarbeitet waren, so dass man es sich nicht leisten konnte, etwas davon zu verschwenden.

Lisi schenkte Tee in eine Tasse, die sie Eva zuschob. „Vorsicht, heiß.“

Es waren die ersten Worte, die die Jungbäuerin in Evas Gegenwart gesprochen hatte. Wie auch Leni wirkte sie sehr schüchtern und zurückhaltend. Eva konnte sich noch immer keinen rechten Reim darauf machen, dass Adrians Ehefrau seinen Schwestern so sehr ähnelte. Sie überlegte, ob sie es wagen durfte, ein paar Fragen zu stellen. So lange sie höflich und unverfänglich blieb, sollte es keine Schwierigkeiten geben, entschied sie.

„Woher stammst du?“, wandte sie sich schließlich zwischen zwei Bissen an Julius‘ Schwiegertochter. Lisi warf einen Seitenblick auf ihren Ehemann, der zustimmend nickte.

„Vom Nachbarhof“, gab die Bäuerin Auskunft, „Johann ist mein Vater.“

„Dann kennen Adrian und du euch vermutlich schon lange?“, hakte Eva nach.

„Ja, unser ganzes Leben.“ Lisi legte eine Hand auf den Arm ihres Mannes und der strich ihr in einer überraschend zärtlichen Geste über die Wange. Eva konnte sich kaum vorstellen, wie es sein musste, von der Geburt an vermutlich bis zum **** in dieser kleinen Gemeinschaft zu leben, immer mit den gleichen Menschen zusammen zu sein. Ihr wurde bewusst, wie eingeschränkt die Auswahl möglicher Ehepartner sein musste, wenn nicht hin und wieder frisches Blut in die Gemeinde kam. Doch dies wäre kein Thema, um es am Frühstückstisch zu vertiefen.

Eva erinnerte sich, dass Leni Julius als ihren Großvater bezeichnet hatte. Es war also falsch, dass sie in Gedanken das Mädchen als die kleine Schwester der anderen einsortiert hatte. Adrian und Lisi schienen ihr deutlich zu ****, um Lenis Eltern zu sein, dann musste sie wohl Gretes Tochter sein. Eva drehte sich zur Ältesten.

„Das Essen schmeckt sehr gut, danke dafür“, begann sie. Grete wirkte erfreut über das Lob. Eva schob nach: „Wo ist denn Lenis Vater?“

Die Minen der Anwesenden gefroren zu Eis. Es war klar, dass Eva an etwas gerührt hatte, über das in dieser **** nicht offen gesprochen wurde. Sofort tat es ihr leid, aber sie konnte die Worte nicht unausgesprochen machen.

Grete wirkte versteinert und aus ihrem Gesicht war alle Farbe gewichen. Aus den Augenwinkeln nahm Eva wahr, wie Adrian seiner Schwester mit einer heimlichen Geste ein Zeichen gab, sich zurückzuhalten. Gretes Kiefer malten, als sie knapp verkündete: „Leni hat ihren Vater nie kennengelernt.“

„Oh. Tut mir leid.“ Eva war mehr als peinlich berührt. Die Aussage könnte bedeuten, dass der Vater vor Lenis Geburt gestorben war oder dass er Grete hatte sitzen lassen. Der Verschlossenheit der **** nach zu folgern, vermutete Eva, dass die zweite Erklärung zutreffen könnte. Ganz eindeutig war es ein Tabu, über das man nicht sprechen wollte. Vermutlich betrachteten die Dorfbewohner es als eine Schande und man versuchte, es ungeschehen zu machen, indem man darüber schwieg.

Eva schluckte die vielen Fragen, die ihr auf der Zunge lagen, herunter, und enthielt sich auch jeglicher weiteren Kommentare um die ganze Situation nicht noch unangenehmer für alle zu machen. Stumm schlürfte sie ihren Tee. Adrian und Lisi entschwanden mit einem spärlichen Gruß. Als sie mit Essen und **** fertig war, bot Eva noch einmal Grete an, ihr zur Hand zu gehen.

„Danke, aber ich komme alleine zurecht“, wurde sie beschieden, „aber du kannst schauen, ob Leni im Stall etwas für dich zu tun hat.“

Eva fand Leni beim Melken und schlug vor, ihr dabei zu helfen. Aber obwohl das Mädchen es ihr mehrfach zeigte und sie sich alle Mühe gab, war der Erfolg mehr als bescheiden. Als dann auch noch eine Kuh den Eimer umtrat und die wenige Milch, die Eva gemolken hatte, verschüttete, gab sie auf. Leni drückte ihr einen mit Heu ausgepolsterten Korb in die Hand und zeigte ihr, wo die frei um den Hof laufenden Hühner normalerweise ihre Eier legten. Eva sammelte Eier aus flachen grasigen Mulden und unter Büschen, die die Vögel zum geschützten Legen aufsuchten. Sie vermutete, dass sie deutlich länger für die Aufgabe benötigte, als wenn die Dörfler sie selbst erledigten. Trotzdem war sie froh und erleichtert, etwas für die Hausgemeinschaft besorgen und zum Unterhalt beitragen zu können.

Als sie das Haus umrundete und der Dorfplatz vor ihr lag, entdeckte sie Julius, wie er mit vier anderen alten Männern zusammenstand und redete. Alle waren weißbärtig und ähnelten sich in der Kleidung und von ihrer Haltung her. Keiner der anderen hatte aber die Ausstrahlung und natürliche Autorität, die ihren Gastgeber umgab.

Die fünf standen eng in einem Kreis zusammen und hatten die Köpfe einander zugeneigt. Die Neugier zwackte Eva. Zu gerne hätte sie erfahren, welche wichtigen und vertraulichen Dinge die Männer zu bereden hatten. Aber sie hatte an diesem Vormittag schon einen peinlichen Moment provoziert. Einen zweiten wollte sie nicht riskieren.

Sie beeilte sich, die gesammelten Eier sicher ins Haus zu bringen, nicht dass noch ein Ungeschick passierte und sie welche davon zerbrach.

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