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Richtung Heimat

Chapter 12 by BestBoy

Zwei Stunden nach der Hölle auf dem Feldflugplatz schnitten die vier gewaltigen Turboprop-Triebwerke der A400M durch die einbrechende Dämmerung. Das riesige Frachtflugzeug lag im extremen Tiefflug dicht über den Wäldern des Donbas. Draußen drängte sich die Landschaft wie ein dunkler, verwischter Teppich vorbei. Karsten steuerte die Maschine mit millimetergenauer Präzision – nur ein paar Meter über den Baumwipfeln, um dem feindlichen Radar keine Angriffsfläche zu bieten.

Im Cockpit herrschte eine dichte, fast greifbare Atmosphäre. Die grüne Instrumentenbeleuchtung warf lange, unruhige Schatten auf die schweißnassen Gesichter der Besatzung.

Vivian Mauschwitz saß auf dem Notsitz direkt hinter den Piloten. Von ihrer eleganten, verführerischen Haltung bei der Landung war absolut nichts mehr übrig. Ihr perfektes Make-up war verlaufen, die Haare klebten wirr an ihren Schläfen, und die teure Bluse spannte zerknittert über ihrer üppigen Brust, die sich in rasenden, stoßweisen Zügen hob und senkte.

Plötzlich riss ein schriller, hochfrequenter Dauer-Piepton die Stille im Cockpit in Stücke.

PIEP-PIEP-PIEP-PIEP!

Eine feuerrote Warnleuchte auf dem Hauptpanel begann hektisch zu blinken: RADAR LOCK-ON.

„Scheiße! Scheiße, Scheiße!“, entfuhr es Sabine. Ihr Herz hämmerte wie eine Pressluftfeile gegen ihre Rippen. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie die Schalter auf der Mittelkonsole kaum noch greifen konnte. „Karsten! Wir haben ein Aufschalt-Signal! Suchradar hat uns... nein, verdammt, das ist ein Zielverfolgungsradar! Kampfflugzeug! Es ist irgendwo hinter uns!“

Karsten verzog keine Miene. Seine Knöchel traten weiß hervor, als er das Steuerhorn noch fester umklammerte, doch seine Stimme schnitt wie ein Eismeisel durch das Panikgeheul der Elektronik.

„Ruhig bleiben, Sabine. Atem holen“, sagte Karsten mit einer fast unheimlichen, stoischen Professionalität. Er drückte die Nase der Maschine noch ein Stück tiefer. Der Rumpf ächzte. „Wir sind im Radarschatten der Hügelkette. Er hat noch keine saubere Peilung.“

„Nein, nein, nein! Er holt auf uns auf! Karsten, wir was tun!“, schrie Sabine, deren Kontrollverlust mit jeder Sekunde wuchs. Sie war Pilotin, sie war ausgebildet, doch der Raketenangriff und jetzt die schiere Hilflosigkeit, in dieser fliegenden Zielscheibe zu sitzen und auf eine feindliche Rakete zu warten, zerriss ihre Nerven. Ihr Atem wurde zu einer flachen, klagenden Hyperventilation. Der Druck in ihrem Unterleib schwoll krampfhaft an; die nackte Todesangst drückte auf ihre Blase, und sie spürte mit absolutem Schrecken, wie die Kontrolle über ihren Schließmuskel nachzugeben drohte. Die Hitze breitete sich in ihrer engen Pilotenkombi aus. „Gott, mir passiert gleich was... Er schießt uns ab! Er verbrennt uns im Flug!“

Von hinten brach das pure, ungefilterte Grauen durch.

Vivian Tauschwitz riss die Hände vor das Gesicht, warf sich auf dem Notsitz nach vorne in die Gurte und begann jämmerlich zu heulen. Ein hohes, fast tierisches Jammern entwich ihrer Kehle.

„Nein! Ich will nicht sterben! Bitte, lieber Gott, ich will nicht sterben!“, kreischte Vivian völlig hysterisch. Sie packte von hinten Karstens Sitzlehne und schüttelte sie mit aller Kraft. „Karsten! Tun Sie was! Sie sind doch der Pilot! Bringen Sie mich hier raus! Ich gebe Ihnen alles... Geld, Beziehungen, mich... egal was! Bitte lassen Sie mich nicht verbrennen! Ich habe solche Angst! Ich will nach Hause!“

„Frau Mauschwitz, lassen Sie die Lehne los und schnallen Sie sich an, verdammt noch mal!“, donnerte Karsten ohne den Blick vom Display zu wenden. „Sabine! Flare-System auf Automatik schalten! Ausweichmanöver vorbereiten!“

„Ich... ich kann nicht! Meine Hände!“, stotterte Sabine völlig verstört. Ihr gesamter Körper bebte. Die Vorstellung, dass eine Infrarot-Rakete von hinten in die Triebwerke schlagen und ihr Fleisch in einer Tausend-Grad-Flamme zerschmelzen würde, raubte ihr jeglichen Verstand. Sie war gelähmt von der Vorstellung ihres eigenen, schrecklichen Endes. „Karsten, er ist zu nah! Wir schaffen das nicht!“

„Sabine, schalt die Flares ein!“, schrie Karsten nun doch, während er die A400M mit einer brutalen Querneigung nach links warf. Die Fliehkräfte drückten sie alle mit mörderischem Gewicht in die Sitze.

„Aaaaaaaah! Wir stürzen ab! Wir stürzen ab! Ich will hier raus!“, gellte Vivians schrilles Betteln durch das dröhnende Cockpit, während sie sich wimmernd im Sitz zusammenkrampfte, die Knie anzog und ihren Kopf dazwischen versteckte, vollkommen gebrochen von der Aussicht auf ihren nackten Tod. Dass sie sich gerade nass machte, merkte die Politikerin nicht einmal.

Draußen in der Dunkelheit suchte das feindliche Kampfflugzeug nach der Lücke um seine Raketen zum Abschuss freizugeben, während im Cockpit der A400M der Kampf zwischen eisernem Überlebenswillen und absoluter Todespanik seinen Höhepunkt erreichte.

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