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Date mit Mira

Der Samstagabend begann mit einer beklemmenden Ruhe. In der Steglitzer Wohnung half Loona mir mit wortkarger Präzision in den dunkelblauen Maßanzug. Der Steg des Kragens saß exakt so, dass das Lederband an meiner Kehle unsichtbar blieb, während der feine Wollstoff der Hose bei jedem Schritt an den abklingenden Striemen rieb. Die Micro-Hülse saß unerbittlich, kalt und unverrückbar zwischen meinen Schenkeln – ein stummer Anker, über den kein Wort mehr verloren wurde. Loona strich mir nur einmal glatt über das Revers, nickte knapp und schickte mich pünktlich um halb sieben zur U-Bahn.

Als ich das Borchardt in der Französischen Straße betrat, schlug mir das warme, geschäftige Gemurmel des Berliner Lokals entgegen: das Klirren schwerer Silberbestecke, der Duft von geröstetem Fleisch und teurem Wein, die gedämpften Stimmen an den weiß gedeckten Tischen unter den hohen Decken.

Mira wartete bereits an der Garderobe.

Der Anblick raubte mir für einen Moment den Atem. Sie trug ein schlichtes, fließendes schwarzes Samtkleid mit langen Ärmeln, das ihre Figur perfekt zur Geltung brachte, dazu dezenten Silberschmuck und die Haare offen, in sanften Wellen über die Schultern gelegt. Ihre randlose Brille ließ ihre Züge wie gewohnt scharf und wach wirken, doch ihr Lächeln, als sie mich sah, war vollkommen offen und herzlich. Keine Spur von der Domina des Vorabends, kein Anflug von Distanz.

„Pünktlich auf die Minute, John“, sagte sie leise und trat auf mich zu. Sie reichte mir nicht die Hand, sondern hauchte mir zur Begrüßung einen leichten Kuss auf die Wange – warm, duftend nach Feige und Zeder. „Du siehst fantastisch aus.“

„Danke… du übertriffst das um Längen“, brachte ich hervor. Mein Herz pochte hektisch, doch ihre entspannte Art nahm mir sofort die lähmende Verkrampfung aus den Schultern.

Der Kellner führte uns zu einem Zweiertisch an der Seite, etwas abseits des großen Durchgangs. Ich zog ihr den schweren Holzstuhl zurück; Mira bedankte sich mit einem vielsagenden, sanften Blick, ehe ich mich ihr gegenüber setzte. Das Polster fing mein Gewicht sanft ab, doch der Winkel der Oberschenkel presste das kühle Metall der Hülse sofort spürbar gegen mein Schambein. Ich schluckte trocken, legte die Stoffserviette auf meinen Schoß und zwang mich, aufrecht und ruhig zu atmen.

Mira schlug die Speisekarte auf, musterte das Angebot und sah mich dann über den oberen Rand hinweg an.

„Ich habe die ganze Woche von einem anständigen Wiener Schnitzel geträumt“, begann sie völlig unbeschwert. „Nach den Mensa-Tortellini von Donnerstag grenzt das hier an Lebensrettung.“

Ein echtes, befreites Lachen entwich meiner Kehle. „Absolut. Wenn Dr. Weber noch einmal in der Pause über Osmolarität doziert, während ich versuche, lauwarme Nudeln zu schlucken, wechsle ich ins Labor.“

Die anfängliche Anspannung verflog mit verblüffender Geschwindigkeit. Wir bestellten Schnitzel mit warmem Kartoffel-Gurken-Salat und eine Flasche Grauburgunder. Und dann geschah genau das, woran ich die letzten Tage kaum zu hoffen gewagt hatte: Es wurde ein normales, ungezwungenes Date zweier junger Menschen, die sich einfach unglaublich gern hatten.

Mira sprach kein einziges Wort über den Vorabend. Sie erwähnte weder Loona, noch das Studio, noch die Hülse, die stumm unter meinem feinen Tuch pochte. Es gab keine zynischen Anspielungen, kein herablassendes Lächeln. Stattdessen strömte aus ihr jene lebendige Neugier, die ich an der Charité so oft bewundert hatte.

„Sag mal, was lief da eigentlich neulich auf deinen Kopfhörern, als du vor der Pathologie auf mich gewartet hast?“, fragte sie, während der Kellner die Gläser füllte. „Du hast so vertieft dreingeschaut, als würdest du eine Not-OP planen.“

Ich nahm einen Schluck vom Wein, die kühle Säure schärfte meine Sinne. „Fontaines D.C. Das neue Album. Ich brauche diesen rauen, treibenden Post-Punk, um nach den Seminaren den Kopf frei zu kriegen. Diese irische Melancholie hat einfach etwas Verlässliches.“

Miras Augen leuchteten auf. „Ernsthaft? Fontaines D.C.? Ich hätte dich eher in die britische Schiene gesteckt.“

„Nun ja, die Wurzeln liegen bei Oasis“, gab ich schmunzelnd zu. „*Definitely Maybe* läuft bei mir im Auto rauf und runter. Diese unverschämte, ungefilterte Arroganz der Gallagher-Brüder ist für mich das perfekte Gegengift zur sterilen Charité-Welt.“

„Gott, Oasis“, lachte Mira und stützte ihr Kinn auf die Handfläche, den Blick warm und unverwandt auf mich gerichtet. „Das erklärt die Lederjacke, die du montags immer im Spind hängen hast. Ich bin da ein bisschen anders gepolt, aber ich verstehe den Reiz. Wenn du den ganzen Tag mit Leitlinien und evidenzbasierter Medizin zugeschüttet wirst, willst du abends einfach nur Musik, die nicht perfekt abgemischt ist.“

Wir aßen, und während die Teller geleert wurden, glitt das Gespräch von Musik zu Büchern. Sie erzählte mir mit funkelnden Augen von ihrer Schwäche für historische Romane und Donna Tartt, während ich ihr gestand, wie oft ich abends lieber zu klassischer Reiseliteratur oder Haruki Murakami griff, um der Fachliteratur zu entkommen.

Ihre Haltung war offen, fast intim. Sie lehnte sich über den Tisch, hörte mir aufmerksam zu, widersprach mir charmant bei einer These über moderne Lyrik und lachte über meine Anekdoten aus den ersten Semestern.

Die stumme Präsenz des Chirurgenstahls zwischen meinen Beinen verschwand nicht. Bei jeder kleinen Gewichtsverlagerung, bei jedem Anstoßen mit den Gläsern sandte die Hülse ein klares Signal durch meine Nervenbahnen. Doch es war keine Qual. Es war vielmehr eine bizarre, berauschende Grundierung: Ich saß im feinen Zwirn vor einer wunderschönen, hochintelligenten Frau, die mich als gleichwertigen Partner wahrnahm – und gleichzeitig wussten wir beide, ohne es auch nur anzudeuten, was für eine totale, unausweichliche Wahrheit unter dieser bürgerlichen Fassade verborgen lag.

„Du solltest öfter so lachen, John“, sagte Mira unvermittelt, als der Kellner den Tisch abräumte und uns zwei Espresso brachte. Ihre Stimme war leiser geworden, weicher. „Du wirkst heute Abend… frei. Gelöst.“

Ich blickte in ihre dunklen Augen, sah das flackernde Kerzenlicht darin tanzen und spürte, wie mir die Wärme in die Brust stieg.

„Ich habe mich lange nicht mehr so gut unterhalten, Mira“, erwiderte ich vollkommen ehrlich. „Danke dafür.“

Sie lächelte – jenes warme, ehrliche Lächeln aus der Bibliothek – und legte für einen kurzen, unaufgeregten Moment ihre Hand auf meinen Unterarm.

„Gleichfalls, Herr Kollege“, sagte sie leise. „Komm, wir zahlen. Lass uns noch ein Stück laufen. Der Novemberwind tut gut.“

„Gleichfalls, John“, sagte sie leise. „Komm, wir zahlen. Lass uns noch ein Stück laufen. Der Novemberwind tut gut.“

Ich beglich die Rechnung mit einer unaufgeregten Geste, während Mira bereits aufstand. An der Garderobe half ich ihr in den langen Wollmantel. Für einen flüchtigen Moment berührten meine Finger den weichen Stoff an ihren Schultern, und als sie sich umdrehte, strich ihr Blick über meine Züge – vollkommen entspannt, ohne jede künstliche Distanz.

Draußen empfing uns die klare, beißende Kälte der Berliner Nacht. Der Nieselregen hatte aufgehört, die nassen Pflastersteine der Französischen Straße spiegelten die gelben Laternen und die roten Rücklichter der vereinzelten Taxis.

Mira hakte sich ganz selbstverständlich bei mir unter.

Ihr Arm schmiegte sich fest an meine Seite; die Wärme ihres Körpers drang durch den dicken Mantelstoff. Bei jedem Schritt passten wir uns dem Rhythmus des anderen an. Die Kanten der Micro-Hülse rieben mit gewohnter Härte gegen mein Fleisch, und die verheilenden Striemen auf meinen Oberschenkeln pochten sanft im Takt des Gehens – doch anstatt mich zu erdrücken, verlieh mir der Kontrast eine fast surreale Ruhe.

Wir bogen auf den Gendarmenmarkt ein. Die gewaltigen Fassaden des Konzerthauses und der beiden Dome ragten dunkel und erhaben in den Nachthimmel.

„Weißt du, was mir an Fontaines D.C. am meisten gefällt?“, nahm Mira den Faden aus dem Restaurant wieder auf, während ihr Atem in kleinen, weißen Wölkchen vor ihren Lippen aufstieg. „Sie klingen nicht so, als wollten sie gefallen. Es gibt diese eine Zeile… *‚I love you, I love you, until I’m sick‘* – das hat so eine zermürbende Ehrlichkeit.“

„Genau das ist es“, erwiderte ich, den Blick über den weiten, fast menschenleeren Platz gerichtet. „In der Klinik dreht sich alles um Rationalität, um Grenzwerte, um korrekte Abläufe. Musik darf das komplette Gegenteil sein: ungeschliffen, rau, fast schmerzhaft ehrlich.“

Mira sah von der Seite zu mir auf. Ihre dunklen Locken tanzten leicht im Wind, und das Licht einer Bogenlampe fing sich in den Gläsern ihrer Brille.

„Du bist ein faszinierender Mensch, John“, sagte sie leise, und ihr Griff um meinen Arm wurde eine Spur fester, vertrauter. „Man sieht dir an der Uni immer nur diesen extrem disziplinierten, fokussierten Studenten an. Aber hier draußen… du hast so viele Facetten, die man auf den ersten Blick gar nicht vermutet.“

Ein warmes Kribbeln stieg mir in die Schläfen, weit entfernt von der brennenden Scham der letzten Tage.

„Das könnte ich über dich genauso sagen“, antwortete ich und erwiderte ihren Blick. „Zwischen der Frau, die im Seminar Dr. Weber mit zwei gezielten Fragen aus dem Konzept bringt, und der Frau, die mit mir über Post-Punk und Romane philosophiert, liegen Welten. Und ich mag beide.“

Mira lachte leise auf – ein heiterer, vollkommen gelöster Klang, der sich im Rauschen des Windes verlor. Sie blieb mitten auf dem Pflaster zwischen den Domen stehen und wandte sich mir ganz zu. Ihre Hände glitten an den Revers meines Mantels empor, zupften den Kragen millimetergenau zurecht und blieben dann auf meiner Brust liegen.

Sie sah mir direkt in die Augen, ohne Spott, ohne das herrische Funkeln der Züchtigung, sondern mit einer entwaffnenden, ehrlichen Wärme.

„Ich bin froh, dass wir das heute gemacht haben, John“, flüsterte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte mir einen sanften Kuss auf die Wange, ihre Lippen verweilten einen Augenblick an meiner kühlen Haut. „Es war der schönste Abend seit Monaten.“

Ihre Lippen lösten sich langsam von meiner Wange, doch sie trat keinen Schritt zurück. Sie blieb so nah vor mir stehen, dass ich den warmen Hauch ihres Atems an meiner Haut spüren konnte. Ihre Hände ruhten noch immer auf dem festen Wollstoff meines Mantels, die Fingerkuppen glitten ganz beiläufig an den Revers hinab und hielten sich an den Kanten fest.

„Ich möchte den Abend noch nicht beenden“, sagte sie leise. In ihrer Stimme lag kein Befehlston, keine kalkulierte Kälte, sondern ein unverstellter, beinahe verletzlicher Wunsch nach Nähe. „Kommst du noch mit zu mir nach Schöneberg? Auf einen Tee. Oder ein letztes Glas Wein.“

Mein Herz setzte für einen Wimpernschlag aus. Die Berliner Kälte schien rings um uns herabzufallen, während die Straßenlaternen des Gendarmenmarkts ihr Gesicht in weiches, warmes Gold tauchten.

„Sehr gerne“, antwortete ich ohne Zögern. Meine Stimme klang fest, getragen von einer tiefen, ehrlichen Erleichterung.

Mira lächelte. Ein feines, befreites Strahlen erhellte ihre Züge, ehe sie sich wieder bei mir unterhakte. Wir gingen hinüber zur Friedrichstraße, winkten ein cremefarbenes Mercedes-Taxi heran und ließen uns auf die kühle Lederbank im Fond sinken.

Während der Wagen durch das nächtliche Berlin glitt – vorbei am Potsdamer Platz, über die breiten, nass glänzenden Straßen hinweg nach Süden –, saßen wir dicht nebeneinander. Mira nahm meine Hand. Ihre Finger schoben sich wie selbstverständlich zwischen die meinen, warm und ruhig, die Daumenkuppe strich in sanften, gleichmäßigen Kreisen über meinen Handrücken. Wir sprachen kaum; das leise Surren der Reifen auf dem Asphalt und das gedämpfte Rauschen des Radios füllten die Stille vollkommen aus.

In Schöneberg empfing uns die vertraute Ruhe des Altbaus. Wir stiegen die holzgetäfelten Stufen in den dritten Stock hinauf. Kein Knistern von Latex, keine Peitsche auf der Kommode, keine Klemmen. Als Mira die schwere Wohnungstür aufschloss und das matte, warme Licht der Flurlampe anknipste, roch es noch immer nach dem Jasmin-Tee und den getrockneten Kräutern des gestrigen Tages.

Ich half ihr aus dem Mantel, hängte ihn sorgfältig an die Garderobe und legte meinen eigenen daneben. Unter meinem weißen Hemd saß der Stoffkragen hoch und unnachgiebig über dem verborgenen Reif, und bei jedem Schritt erinnerte mich das kalte, feste Gewicht der Micro-Hülse daran, was mein Körper zu tragen hatte. Doch im Wohnzimmer herrschte eine völlig andere Atmosphäre.

Mira entzündete zwei schmale Kerzen auf dem Beistelltisch, ließ die Deckenbeleuchtung aus und goss zwei Tassen frischen Minztee ein. Dann setzte sie sich auf das weiche, graue Sofa, zog die Beine an und klopfte mit der flachen Hand auf das Polster neben sich.

„Setz dich zu mir, John. Mach es dir bequem.“

Ich trat heran, öffnete den oberen Knopf meines Sakkos, um mich freier bewegen zu können, und setzte mich neben sie. Die Polster gaben sanft nach. Das dumpfe Drücken des Stahls gegen mein Schambein blieb ein steter Begleiter, doch die Anspannung, die mich die gesamte Woche über begleitet hatte, wich einer wohligen, fast schläfrigen Ruhe.

Mira reichte mir eine der Tassen. Als sich unsere Finger am warmen Keramik berührten, suchte ihr Blick den meinen hinter den Gläsern ihrer Brille.

„Es war seltsam, oder?“, fragte sie unvermittelt leise, während sie an ihrem Tee nippte. „Nach allem, was gestern hier passiert ist… heute einfach wie zwei normale Menschen am Tisch zu sitzen.“

Ich sah in die dampfende Flüssigkeit und schüttelte langsam den Kopf.

„Nicht seltsam“, erwiderte ich wahrheitsgemäß. „Eher… befreiend. Ich hatte Angst, dass es zwischen uns keinen Raum mehr für das hier geben würde. Dass ich für dich nur noch eine Rolle spiele.“

Mira stellte ihre Tasse auf den Tisch und drehte sich ganz zu mir herum. Sie hob die Hand, legte ihre warmen Finger sanft an meine Wange und strich mit dem Daumen über meine Schläfe.

„Du spielst keine Rolle, John. Du bist du“, sagte sie mit einem Tonfall, der jede Unsicherheit in mir auflöste. „Ich mag deine Brillanz im Hörsaal. Ich mag die Art, wie du über Musik sprichst. Und ich mag es, wie ehrlich du bist – in deinen Schwächen genauso wie in deiner Hingabe. Ich will, dass du beides sein kannst: der Mann, mit dem ich abends lachen und diskutieren kann, und derjenige, der sich mir vollkommen anvertraut.“

Sie beugte sich langsam vor. Ihre Lippen fanden die meinen – diesmal ohne den bitteren Nachgeschmack von Schmerz oder Unterwerfung, sondern rein, tief und voller zärtlicher Wärme. Ich schloss die Augen und erwiderte den Kuss, legte meine freie Hand behutsam an ihre Hüfte und spürte das feine, weiche Samt ihres Kleides unter meinen Fingerspitzen.

Als sie sich nach einem langen Moment löste, lehnte sie ihre Stirn an meine. Ein feines, verschmitztes Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel.

„Und trotzdem…“, raunte sie ganz leise, während ihre Hand von meiner Wange hinabglitt, über meine Krawattenleiste strich und für einen flüchtigen Herzschlag ganz leicht über dem festen Stoff meiner Anzughose verharrte, „bleibt die Hülse bis Montag zu. Loona und ich sind uns da vollkommen einig.“

Ein leises, heiseres Lachen entwich meiner Kehle, gemischt mit einem wohligen Schaudern.

„Ich hätte auch nichts anderes erwartet, Mira“, flüsterte ich.

Sie lächelte zufrieden, schmiegte sich mit dem Kopf an meine Schulter und zog die Decke über unsere Beine. „Gut. Dann bleib einfach so bei mir sitzen. Wir müssen morgen nirgendwo hin.“

Ich legte den Arm um sie, zog sie behutsam an mich heran und lauschte auf ihren ruhigen, gleichmäßigen Atemzug an meinem Schlüsselbein. Der schwere Samt ihres Kleides fühlte sich kühl und weich unter meinen Fingerkuppen an. Auf dem Beistelltisch verlosch die erste Kerze mit einem feinen, grauen Rauchfaden, der den Duft von Bienenwachs in den Raum entließ. Schweigend saßen wir da, während die wohlige Erschöpfung des Abends die Anspannung der vergangenen Tage langsam ablöste. Doch selbst in dieser Stille blieb die Realität unerbittlich gegenwärtig: Die fugenlose Micro-Hülse drückte mit kühler, unverrückbarer Schwere gegen mein Schambein – eine stumme, stählerne Erinnerung daran, dass dieses Idyll auf einem Fundament totaler Enteignung ruhte.

Mira regte sich. Sie hob den Kopf, rückte ihre randlose Brille mit dem Zeigefinger zurecht und musterte mich aus dunklen, wachen Augen. Kein Spott lag in ihrem Blick, sondern jenes warme, fast suchende Funkeln aus der Bibliothek, das mein Herz augenblicklich stolpern ließ.

Langsam glitt ihre Hand von meiner Schulter hinab, strich über das Revers meines Sakkos und fand die Knöpfe.

„Zieh das aus, John“, murmelte sie leise, ihre Stimme samtweich und frei von jeder Härte. „Ich möchte dich spüren, nicht deine Rüstung.“

Ich nickte stumm, streifte das dunkle Tuch von den Schultern und ließ es auf den Boden gleiten. Als ich mich wieder zurücklehnte, war Mira mir bereits gefolgt. Sie schob sich mit einer geschmeidigen Bewegung dichter an mich heran, ein Bein über meine Schenkel gelegt, sodass die Wärme ihres Körpers durch den feinen Stoff meiner Hose drang. Ihre Lippen fanden meinen Hals – strichen tastend über die Haut knapp über dem Kragensteg, unter dem der stählerne Reif verborgen lag.

Ein feines Zittern lief mir über den Rücken. Ihre Finger wanderten zur Bundfalte meiner Hose, öffneten Schnalle und Reißverschluss mit ruhiger Selbstverständlichkeit und schoben den Stoff behutsam zur Seite.

Ihre kühlen Fingerspitzen trafen auf das glatte Metall. Sie zog die Hand nicht zurück, sondern legte ihre Handfläche flach auf die Stirnseite des Zylinders, spürte das dumpfe, vergebliche Pulsieren darunter und begann, fast beiläufig damit zu spielen. Ihre Finger glitten langsam über die Nahtstellen, fuhren die harten Ränder des Basisrings nach und kippten die Hülse mit minimalem, sanftem Druck von einer Seite zur anderen. Jeder kleine Ruck übertrug sich direkt auf die empfindlichen Ansätze an meinem Schambein, jagte feine Stromstöße durch mein Becken und trieb mir einen kurzen, zittrigen Atemzug in die Kehle.

„Du bist so angespannt“, flüsterte sie an meine Wange, während ihre Fingerkuppe das Nabla-Tattoo an meinem Beckenknochen umkreiste und dann wieder an das kühle Metall tippte. „Immer noch auf dem Sprung, John?“

„Es ist… die Ungewissheit“, brachte ich heiser hervor, während mein Herz gegen meine Rippen hämmerte und ihr stetes Tasten an dem Verschluss mich fast um den Verstand brachte. „Ich weiß nie, wo die Grenze verläuft.“

Mira schloss die Hand ganz um die Hülse, zog ganz sachte daran, gerade fest genug, um mir zu zeigen, wie vollkommen sie mich in der Hand hatte, und ließ wieder locker.

Ein leises, kehliges Lachen vibrierte an meiner Kehle. „Heute gibt es keine Prüfungen, John. Nur uns.“

Sie richtete sich ein Stück auf, raffte den weichen Saum ihres Kleides und schob den Stoff über die Oberschenkel nach oben. Ihre Bewegungen waren fließend, getragen von einer gelassenen, unanfechtbaren Sicherheit. Sie lehnte sich zurück gegen die weichen Kissen der Sofaecke, zog mich sanft an den Handgelenken zu sich heran und sah mich mit einem Blick an, der jede Gegenwehr im Keim erstickte.

„Komm her“, raunte sie leise. „Mach mich glücklich. Ganz in deinem Rhythmus.“

Ich glitt nach vorn auf die Knie. Der polierte Zylinder presste sich bei der Vorbeuge unnachgiebig gegen den Knochen, während die verheilenden Striemen auf meinen Oberschenkeln sanft aufglühten. Doch der Schmerz verblasste hinter der Nähe, die sie mir schenkte. Ich senkte mein Gesicht zwischen ihre Schenkel, atmete ihren Duft ein – Jasmin, Feige und die reine Wärme ihrer Haut – und begann, sie mit bedächtigen, zärtlichen Zügen zu verwöhnen.

Miras Hände fanden sofort mein Haar. Sie riss nicht daran, übte keinen Zwang aus, sondern hielt meinen Kopf mit einer sanften, rhythmischen Bestimmtheit, als wollte sie jede Nuance der Berührung in sich aufnehmen. Ihr Atem ging rascher, brach sich in leisen, heiseren Lauten, während sich ihr Becken im Takt meiner Lippen hob. Es war kein Akt der Züchtigung, sondern ein stiller, tief empfundener Dienst, getragen von dem Wissen, dass ich ihr auf diese Weise näher sein durfte als jeder andere.

Als sie sich schließlich mit einem langen, zitternden Aufatmen gegen meinen Mund entlud, schlossen sich ihre Schenkel für wenige Herzschläge fest um meine Schläfen.

Stille senkte sich über das Zimmer, nur unterbrochen von unserem gemeinsamen, schweren Atem. Ich blieb vornübergebeugt liegen, die Wange an ihr weiches Bein gelehnt, bis Mira ihre Finger durch mein Haar gleiten ließ und mein Kinn sanft nach oben führte. Sie zog mich zu sich herauf, küsste mich lang und innig und schmeckte sich selbst auf meinen Lippen, ehe sie ihren Kopf wieder an meine Halsbeuge legte.

„Bleib bei mir“, flüsterte sie müde, die Augen halb geschlossen. „Fahr nicht mehr nach Steglitz.“

„Ich bleibe“, antwortete ich leise.

Sie strich mir noch einmal sachte über die Wange und stand dann langsam auf.

„Komm mit ins Schlafzimmer“, sagte sie leise und reichte mir die Hand. „Auf der Couch schlafen wir uns nur den Nacken krumm.“

Ich griff nach ihren Fingern und zog mich hoch. Im Schlafzimmer herrschte die kühle, ruhige Luft des Berliner Spätherbstes; die Vorhänge waren weit aufgezogen, und das Licht der Straßenlaternen warf schräge Schattenmuster über die graue Bettwäsche des breiten Futonbettes. Mira schälte sich aus dem Samtkleid, hängte es sorgfältig über einen Stuhl und zog ein weites, verwaschenes Baumwollshirt über den Kopf.

Währenddessen streifte ich die Reste meiner Kleidung ab – die Anzughose, das weiße Hemd und die Socken –, bis ich vollkommen entblößt im Halbdunkel stand. Nur das glatte Metall der Micro-Hülse und der verborgene Reif unter der Haut blieben, wo sie hingehörten, unverrückbar und schwer.

Mira schlug die schwere Bettdecke zurück und glitt hinein. Mit einer auffordernden Geste klopfte sie auf die freie Seite der Matratze.

Ich legte mich neben sie. Die Kühle des frischen Bettbezugs tat den gereizten Stellen an meinen Oberschenkeln gut, ehe die Wärme ihres Körpers die Kälte vertrieb. Mira drehte sich zu mir, zog die Bettdecke bis an unsere Schultern und schmiegte sich eng an meine Brust. Ihr Kopf fand die Vertiefung meines Schlüsselbeins, ein Bein schob sich behutsam zwischen meine Oberschenkel, und ihre Fingerspitzen glitten im Halbdunkel noch einmal ganz wie selbstverständlich über das kühle Metall der Hülse, tasteten kurz an der Nahtstelle entlang und blieben dann ruhig auf meinem Beckenknochen liegen.

„Gute Nacht, John“, hauchte sie in die Dunkelheit, ehe ihr Atem in einen tiefen, ruhigen Schlaf überging.

„Gute Nacht, Mira.“

Ich lag noch eine Weile wach im Schein der Schöneberger Laternen. Die Kälte des Stahls war dem warmen Takt unseres gemeinsamen Herzschlags gewichen, und das letzte Pochen auf meiner Haut verlor sich in der Gewissheit, dass die Nacht noch lang war – und dass sie mir gehörte.

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