What's next?
Zwischenspiel
Das kurze Aufatmen am Sonntagabend nach der Rückkehr aus dem Havelland war nur eine kurze Zäsur gewesen. Schon am Montagmorgen vor dem ersten Berufsverkehr schnappte das Vorhängeschloss des Chirurgenstahls mit jenem vertrauten, trockenen Klicken wieder zu. Es war kein abrupter Neuanfang, sondern die nahtlose Rückkehr in die Ordnung, die mein Leben nun schon seit etlichen Wochen bestimmte. Der Ausflug mit der Familie war vorbei, die bürgerliche Maskerade vor Richard abgehakt – und damit griff wieder das gewohnte Gefüge.
In den folgenden zweieinhalb Wochen lief mein Alltag in jener eingespielten Präzision ab, an die sich Körper und Verstand längst gewöhnt hatten.
An der Charité funktionierte ich wie ein Uhrwerk. In den Seminaren zur Pharmakologie und an den Seziertischen der Pathologie lieferte ich fehlerfreie Arbeit ab, genau wie es von einem angehenden Arzt erwartet wurde.
Völlig unbemerkt blieb mein Zustand allerdings nicht mehr: Emma und ihr enger Zirkel wussten genau, was ich unter der Kleidung trug. Auch wenn Loona sie nach jener Entgleisung hart gemaßregelt und ihr jeden weiteren Kontakt zu mir unmissverständlich untersagt hatte – ein Verbot, an das Emma sich seitdem peinlich genau hielt –, ließen sich zufällige Begegnungen auf den Gängen und im Foyer nicht vermeiden. Wenn sie oder ihre Freunde an mir vorbeigingen, reichte ein flüchtiger, herablassender Blick auf meinen Schritt oder ein unterdrücktes Kichern hinter vorgehaltener Hand, um das brennende Echo dieser Demütigung sofort wieder aufleben zu lassen. Sie hielten Abstand, doch ihr stummes Wissen hing wie ein Damoklesschwert über mir.
Und dann war da Mira. Meine Lernpartnerin, mit der ich seit Semestern Seite an Seite büffelte. Sie war ganz anders als Emma – kein Spott, keine offene Bosheit. Aber seit dem Praktikum und dem Ultraschallkurs schöpfte sie spürbar Verdacht. Mira besaß jenen messerscharfen, klinischen Blick, dem kaum etwas entging, gepaart mit einer lockeren, fast verspielten Neugier. Sie wusste, dass da unten etwas nicht stimmte, und sie schien ein diebisches Vergnügen daran zu finden, mich auf subtile, völlig unaufgeregte Weise aus der Reserve zu locken – sei es durch gezielte Bemerkungen, das beiläufige Spiel mit ihren hohen Stiefelabsätzen unter dem Tisch oder eine Berührung, die eine Spur zu nah an das verdeckte Metall heranreichte. Nicht grausam oder sadistisch wie Loona, sondern mit einer entwaffnenden Leichtigkeit, die mich jedes Mal ins Schwitzen brachte.
Für alle anderen – Dozenten und den Rest der Kommilitonen – blieb die Fassade makellos. Das gelegentliche Reiben der Metallstreben gegen den Damm beim schnellen Gehen zwischen den Hörsälen, das stumme, vergebliche Aufflammen jeder körperlichen Regung – all das war längst zur vertrauten Hintergrundmelodie geworden. Es lenkte mich nicht mehr ab, sondern zwang mich zu einer stoischen, fast schlafwandlerischen Konzentration.
Nach den Vorlesungen gehörte mein Tag Loonas Haushalt. Ich besorgte die Einkäufe, hielt die hohen Altbauräume in Schuss, wusch, bügelte und kochte. Um die körperliche Fitness aufrechtzuerhalten, joggte ich weiterhin dreimal wöchentlich meine Runden durch den Volkspark. Die Reibung des Metalls unter der engen Sportkleidung gehörte mittlerweile zur Routine; mit der richtigen Portion Wundbalsam war der Schmerz zu einem gleichmäßigen, vertrauten Druck geworden, der jeden Lauf begleitete.
Abends, wenn Loona von der Arbeit kam, stand ich selbstverständlich in ihren Diensten. Sie forderte meine Hände und meinen Mund ganz nach ihren Bedürfnissen ein. Während mein eigenes Fleisch unerbittlich unter Verschluss blieb, bereitete ich ihr mit routinierter Hingabe Lust, kniete vor ihr, massierte ihre Füße und lauschte ihrem Atem, bis sie vollkommen entspannt war. Es war das vertraute Arrangement unseres Alltags: Ihre Befriedigung stand an erster Stelle, meine eigene existierte nur als Reflexion ihres Wohlwollens.
Gleichzeitig ließ sie mir die Freiräume, die ich brauchte, um nach außen hin stabil zu bleiben. Die vertrauten Zockerabende mit Timo an der Konsole gehörten weiterhin dazu. Wenn wir über Headset stundenlang durch virtuelle Welten zogen, Timo über seinen Unistress wetterte und wir alte Witze rissen, fühlte sich alles normal an – selbst wenn ich dabei im Käfig auf dem Schreibtischstuhl saß. Wenn Loona mir im Vorbeigehen beiläufig eine Flasche Mate hinstellte und mir flüchtig durch die Haare strich, prallten meine beiden Welten lautlos aufeinander, ohne dass Timo auch nur den Hauch eines Verdachts schöpfte.
Die Wochen vergingen in dieser funktionierenden Ruhe. Doch Loona dachte nicht daran, mich dauerhaft in der bloßen Häuslichkeit verharren zu lassen. Der private Zirkel, den sie abseits ihrer Familie pflegte, forderte seinen nächsten Schritt ein.
An einem Donnerstagabend stellte sie ihr Weinglas auf den Esstisch und sah mich mit jenem ruhigen, berechnenden Blick an, der keine Ausflüchte duldete.
„Du hast deinen Alltag in den letzten Wochen tadellos gemeistert, John“, sagte sie gelassen. „Die Uni läuft, der Haushalt steht, und du funktionierst genau so, wie ich es mir wünsche. Deshalb gehen wir morgen einen Schritt weiter. Ich habe gestern mit Nadja gesprochen. Morgen Abend um acht bist du fertig angezogen – wir fahren zu ihr nach Hause, trinken etwas und sprechen in aller Ruhe zu dritt über das, was als Nächstes ansteht.“
Als der Freitagabend schließlich heranrückte, lag eine spürbare, kribbelnde Spannung über der Fahrt durch die Stadt. Wir ließen den Wagen in einer ruhigen Seitenstraße stehen und stiegen die knarrenden Stufen eines stuckverzierten Altbaus hinauf. Die schwere Wohnungstür glitt schwungvoll auf; Nadja empfing uns mit jenem strahlenden, ansteckenden Lächeln, das sofort den ganzen Flur erhellte, begrüßte uns voller überschäumender Lebensfreude und winkte uns gut gelaunt hinein.
0 comments
No comments yet
The story has no discussion yet. Leave a note here when a branch gives you something to say.
No chapter comments yet
No one has commented on this branch yet. Add the first note above.