What's next?
Zugluft
Der Dienstag begann mit dem grellen Aufheulen meines Weckers und der unbarmherzigen Erinnerung an meine Realität. Pünktlich auf Knien vor dem Badezimmerspiegel, das Smartphone zitternd in beiden Händen, fertigte ich die Kontrollaufnahme für *Kidslox* an. Das Objektiv fing die glatte, rasierte Haut, den unnachgiebigen Chirurgenstahl und das intakte Miniaturschloss an meinem Hals ein.
*„Ring intakt, kein Reiben, Gehorsam geleistet.“*
Das grüne Häkchen erschien, doch Erleichterung stellte sich nicht ein. Der Rollkragenpullover, den ich mir überstreifte, um den Samt-Choker vollständig zu verdecken, war bei den milden Temperaturen viel zu warm.
In der Charité wurde jeder Schritt im Hörsaal zur mentalen Zerreißprobe. Während der Dozent vorn Schnittbilder projizierte, saß ich mit krampfhaft zusammengepressten Knien da. Der harte Klappsitz drückte die Kanten des Basisrings direkt in die noch immer gereizte Dammhaut.
„Du bist heute verdammt unruhig, John“, flüsterte Mira neben mir und schob ihren Stift beiseite. Sie beugte sich näher heran, um einen Blick auf mein leeres Notizblatt zu werfen. Dabei streifte ihre Schulter meinen Arm, und ihr Blick blieb sofort an meinem Hals hängen. „Sag mal… schwitzt du nicht in dem dicken Rolli? Hier drin sind gefühlt fünfundzwanzig Grad.“
Bevor ich reagieren konnte, hob sie ganz beiläufig die Hand, um den engen Kragen meines Pullovers ein Stück nach unten zu ziehen.
Mir schoss das Adrenalin mit solcher Wucht in die Adern, dass mein Herzschlag in den Schläfen hämmerte. Ich riss den Oberkörper ruckartig nach hinten, prallte hart gegen die Lehne und stieß dabei so heftig mit den Knien gegen die Tischkante, dass das Metall zwischen meinen Beinen hörbar gegen die Unterseite des Pultes schlug. Ein metallisches *Klonk* hallte durch unsere Reihe.
Zwei Studenten vor uns drehten sich irritiert um.
„Was ist denn in dich gefahren?“, fragte Mira mit großen, vollkommen perplexen Augen und zog ihre Hand zurück.
„Ich… ich hab Zugluft abbekommen“, stammelte ich mit heiserer Stimme und presste beide Hände schützend über meinen Hals. „Mein Nacken ist komplett entzündet und steif. Wenn jemand dranfasst, tut es höllisch weh.“
Mira musterte mich lange. Ihr Blick war eine Mischung aus Skepsis und echter Besorgnis. „Du siehst furchtbar blass aus. Und du riechst schon wieder nach dieser seltsamen Creme.“
„Dermatologische Salbe“, wiederholte ich mechanisch, die Hände fest in die Fäuste gekrallt, um meine glänzenden Nägel vor ihren Augen zu verstecken. „Gegen die Reizung.“
Die anschließende Lerneinheit in der Institutsbibliothek verlief kaum entspannter. Wir saßen an einem der großen Tische im Lesesaal, umgeben von schweren Anatomiebänden. Mira beugte sich immer wieder weit über die Skripte, zeigte auf Gefäßverläufe und forderte Antworten. Jeder Versuch von mir, die Haltung zu korrigieren, um den Druck des Zylinders zu mildern, ließ das Leder meiner Schuhe über den Boden quietschen.
„Wir müssen den Ultraschall-Ablauf bis Freitag perfekt draufhaben“, mahnte sie im Flüsterton und tippte energisch auf ein Schema des Oberbauchs. „Der Prüfer lässt uns beim Sonografie-Praktikum am Freitag keine Sekunde Zeit. Wenn wir uns da gegenseitig schallen und ich deinen Bauch abtasten muss, erwarte ich, dass du ruhig auf der Liege bleibst und mir die Orientierungspunkte ansagst. Keine Zappelei wie eben im Hörsaal.“
Der Gedanke daran, dass sie am Freitag ihren Schallkopf über meinen Unterbauch führen und ihren Daumen unweigerlich dicht über den Hosenbund schieben würde, ließ mir die Kehle austrocknen. Bis dahin blieben mir zwar noch drei Tage Galgenfrist, doch die bloße Aussicht auf diese Untersuchung schnürte mir den Magen zu.
„Ja. Natürlich. Freitag sitzt das“, brachte ich mühsam hervor.
Um dem Druck zu entkommen, ging ich am späten Nachmittag ins Sportzentrum der Universität. Doch das Training war ein einziges Desaster: Jeder Tritt in die Pedale des Ergometers ließ die Kanten des Rings an den frischen Laserverbrennungen scheuern. In der Umkleide wartete ich geschlagene zwanzig Minuten auf der Bank, tat so, als würde ich mein Smartphone bedienen, bis die anderen Studenten endlich unter die Dusche verschwanden. Erst als der Raum leer war, zog ich mich im Schutz einer geschlossenen WC-Kabine um – gejagt von der panischen Vorstellung, jemand könnte die metallischen Streben des Käfigs oder den Choker sehen.
Der Mittwochvormittag gehörte den Pflichten in der WG. Ich schrubbte die Fliesen im Bad, saugte die Teppiche und polierte die Küchenzeile. Bei jeder Kniebeuge, bei jedem Strecken nach den oberen Schränken zog der Stahl unbarmherzig am Fleisch.
Gegen 15:30 Uhr setzte ich mich an den Schreibtisch und klinkte mich in den Discord ein.
Sofort dröhnte Timos Stimme durch das Headset: „Da bist du ja, Bro! Ich hab genau eine Dreiviertelstunde, dann muss ich wieder Skripte wälzen. Komm rein ins Match!“
Das vertraute Klicken meiner Maus und das Lachen meines besten Freundes waren der einzige Anker in einer Normalität, die mir längst entglitten war. Für vierzig Minuten schoss ich auf virtuelle Ziele, gab Deckung und tat so, als wäre ich der unbeschwerte Kumpel von nebenan. Timo ahnte nichts. Für ihn war ich der verlässliche WG-Partner, der am Wochenende den Kühlschrank auffüllte.
„Freitagvormittag stehe ich vor der Tür, Alter!“, rief er kurz vor Spielende. „Lass uns am Abend ordentlich um die Häuser ziehen. Du hast mir schon viel zu lange nichts mehr von deinen Mädels erzählt.“
„Klar… machen wir, Timo“, brachte ich mühsam hervor.
Als ich die Verbindung trennte, war es mucksmäuschenstill in der Wohnung. Sekunden später ertönte das vertraute, leise Schleifen von Absätzen auf den Dielen.
Die Zimmertür wurde aufgestoßen. Loona stand im Rahmen, eine Hand in die Hüfte gestützt, der Blick kühl, distanziert und absolut herrisch.
„Genug gespielt, John“, sagte sie leise und fixierte mich. „Es ist siebzehn Uhr. Komm rüber in mein Zimmer. Wir haben Vorbereitungen für morgen zu treffen.“
Ich stand wortlos auf und folgte ihr über den Flur. In ihrem Zimmer lag auf dem Bett die mattschwarze Schatulle, daneben ein feines Maßband und die Glasflasche mit der Lilien-Lotion.
Loona drehte sich zu mir um und deutete mit dem Zeigefinger auf den Boden vor ihren Füßen.
„Hose runter, John. Auf die Knie. Du wirst diese Sachen ab morgen früh nicht nur tragen – du wirst heute Abend lernen, wie man sich darin bewegt, ohne dass deine kleine Kommilitonin an der Charité sofort Verdacht schöpft.“
Ich kniete mich langsam auf die Dielen vor ihr Bett. Jeder Muskel protestierte gegen die Haltung, doch die Gewohnheit des Gehorsams griff sofort. Mit zittrigen Fingern öffnete ich den Knopf meiner Jeans, zog den Reißverschluss herab und schob den derben Denim mitsamt den Boxershorts über die Knie nach unten.
Die Kühle des Zimmers traf die glatte, gelaserte Haut meiner Oberschenkel wie ein leichter Schlag. Der Chirurgenstahl zerrte an den empfindlichen Dammfalten, während das M10-Gewinde an der Stirnseite matt im Licht der Schreibtischlampe glänzte.
Loona beugte sich vor, die Ellenbogen lässig auf die Oberschenkel gestützt, und musterte mich mit einem Blick, der mich sekündlich schrumpfen ließ. Ein amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Schau mich an, John“, wies sie mich mit samtener Stimme an. Sie griff nach der mattschwarzen Schatulle, nahm das feine Nylon heraus und ließ den hauchdünnen Stoff langsam durch ihre Finger gleiten. „Du zitterst ja schon wieder. Geht dir etwa schon der morgige Tag durch den Kopf?“
Die bloße Erwähnung ließ mein Herz bis zum Hals pochen. Mein Kopfkino lief seit Stunden auf Hochtouren: der Geruch des Desinfektionsmittels an der Charité, der überfüllte Hörsaal und dieses ständige, panische Bild vor Augen, wie der Kittel verrutschen oder der feine Stoff unter der Hose bei der leisesten Drehung rascheln könnte. Ich sah mich schon vor den Kommilitonen erstarren – bloßgestellt, während jemand den Spitzenrand ertastete oder das kalte Schloss an meinem Hals entdeckte.
Loona neigte den Kopf leicht zur Seite, als könnte sie jedes einzelne dieser Bilder mühelos von meiner Stirn ablesen.
„Glaubst du im Ernst, es interessiert mich, was irgendeine kleine Studentin oder deine Kumpels an der Charité über dich denken?“, säuselte sie mit purer Herablassung. Sie beugte sich weiter vor und strich mit der Kante ihrer Fingernägel spöttisch über meine Wange. „Die können von mir aus tuscheln, bis ihnen die Puste ausgeht. Aber ich sehe genau, wie es in dir arbeitet. Du machst dich doch jetzt schon völlig verrückt, nicht wahr?“
Ein feines, kehliges Lachen entwich ihrer Kehle.
„Du stellst dir vor, wie du im Hörsaal sitzt. Wie das Silikonband bei jedem Atemzug an deinen rasierten Schenkeln klebt. Du malst dir aus, wie Mira dich mustert, wie sie wieder an deinen Hals greifen will – und wie dir das Blut in den Adern gefriert, weil du weißt, dass du vollkommen hilflos bist. Du hast Todesangst davor, aufzufliegen, und gleichzeitig… macht dich genau diese Schande krankhaft nervös, stimmt’s, mein Kleiner?“
Die Scham brannte heißer in meinen Schläfen als die frischen Striemen der Gerte. Sie durchschaute mich bis auf den Grund. Der Gedanke, so präpariert durch die Institutsgänge zu laufen, war reiner Horror – und doch erzeugte ihre spöttische Vorführung eine lähmende, beklemmende Erregung in meinem Kopf, die sich sofort gegen die unnachgiebigen Streben des Stahls warf.
„Strümpfe anziehen. Beide. Bis ganz nach oben. Ich will sehen, wie du dich morgen fühlst.“
Mit klammen Händen nahm ich das schwarze Gewebe. Der Stoff glitt sanft über meine Knöchel, spannte sich straff über die Waden und schmiegte sich eng an die Oberschenkel. Das kühle Silikonband saugte sich dicht unterhalb der Leiste fest. Als der Spitzenabschluss bündig saß, umrahmte er den kalten Zylinder und den massiven Basisring wie ein groteskes Ausstellungsstück.
„T-Shirt aus“, befahl sie kurz.
Ich zog den Stoff ab. Loona trat vor mich, öffnete das trägerlose Spitzen-Bustier und legte das elastische Band um meinen Brustkorb. Die Häkchen rasteten am Rücken mit leisen Klicks ein. Der Stoff presste sich eng über meine nackten Rippen, strich über die enthaarte Haut und scheuerte bei jedem unruhigen Atemzug.
Sie trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ ihren Blick quälend langsam über meinen Körper wandern.
„Sieh dich an“, spottete sie leise. „Ein angehender Mediziner, verpackt in Seide und Spitze. Und genau so wirst du morgen durch die Klinik laufen. Bei jeder Visite, bei jeder Stufe im Treppenhaus wirst du spüren, wie die Strümpfe an deinen Schenkeln ziehen. Du wirst jeden Zentimeter Stoff hassen – und du wirst keine Sekunde vergessen können, wer dich so zugerichtet hat.“
Sie fasste mit zwei Fingern nach dem Vorhängeschloss an meinem Samt-Choker, drehte es langsam um die eigene Achse und zwang mich mit sanftem Druck, ihr direkt in die Augen zu sehen.
„Und wenn du das überstanden hast, wartet Vanessa am Südausgang. Dann streifst du den Arztkittel ab und funktionierst in Schöneberg. Glaubst du, du schaffst das, John, oder bricht dein kleiner Stolz schon bei der ersten Vorlesung zusammen?“
„Ich… ich werde gehorchen, Loona“, brachte ich mühsam hervor, während meine Kehle wie zugeschnürt war.
„Das will ich hoffen“, flüsterte sie, ließ das Schloss mit einem leisen Klirren auf mein Schlüsselbein fallen und klopfte mir zweimal herablassend auf die Wange. „Und jetzt: Ausziehen. Ordentlich zusammenlegen. Zurück in deine Schatulle. Morgen früh um sechs will ich den Bericht auf *Kidslox* sehen.“
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