Klingelt er, oder ist die Gegend zu schlecht?
Er klingelt
Julius zögerte einen Moment, bevor er die messingfarbene Glocke betätigte. Der Klang war hell und klar, ein einsamer Ton, der durch die stillen Gassen hallte und ihn fast das Gefühl gab, einen Tresor zu öffnen. Das „L’Éclipse“ wirkte in diesem licht weniger wie ein Geschäft und mehr wie ein gut gehütetes Geheimnis, das darauf wartete, dass jemand die richtige Kombination aus Mut und Naivität mitbrachte.
Die Tür schwang mit einem sanften Quietschen auf, und Julius fand sich plötzlich im Blickfeld einer jungen Frau wieder. Sie trug ein schlichtes , kurzes schwarzes Kleid, hohe Schuhe und blickte ihn neugierig an. Ihr Haar war zu einem lockeren Knoten gebunden, und ihre Augen, die ihn mit einer Mischung aus Überraschung und Amüsement musterten, blitzten vor Neugier. Sie sah etwa so alt aus wie er selbst, vielleicht ein Jahr älter, und strahlte eine natürliche Souveränität aus, die Julius eigene Unsicherheit augenblicklich verstärkte.
„Oh“, sagte sie und blieb abrupt stehen. Sie sah ihn von oben bis unten an, wobei ihr Blick kurz bei seinem zierlichen Rahmen und dem dunkelgrünen Hemd verweilte. „Du musst die Neue sein. Julia?“ Sie zog die Augenbrauen hoch, und ein kleines, fast schon schelmisches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Ich meine, ich weiß , dass wir ‚openminded‘ in die Anzeige geschrieben haben, aber ich hatte ehrlich gesagt mit jemandem gerechnet, der… naja, weniger wie ein verirrter Bibliothekar und mehr wie eine Julia aussieht.“
Julius spürte, wie die Hitze in sein Gesicht stieg, und er suchte verzweifelt nach einer Antwort, die nicht nach einer Kapitulation klang. „Ich bin… also, es gab da diesen Tippfehler“, stammelte er, während er einen Schritt zurückwich, als würde er erwarten, dass sie ihn sofort wieder vor die Tür setzen. Doch die Frau lachte leise, ein warmes, echtes Lachen, das die steife Atmosphäre des Flurs augenblicklich auflockerte. „Ein Tippfehler, der dich dazu bringt, in diesem Outfit zu erscheinen? Willst du nicht auffallen, oder gerade nicht?“
Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter – eine lockere, freundliche Geste – und zog ihn über die Türschwelle ins Gebäude. „Komm mit, ich bin Maya. Und mach dir keinen Kopf; die Chefin ist zwar streng, was die Pünktlichkeit angeht, aber sie liebt Überraschungen. Dass du schon da bist, bevor wir überhaupt die ersten Gäste empfangen, wird ihr gefallen. Wir öffnen erst in einer Stunde, also haben wir noch einen Moment Ruhe, um das Mysterium ‚Julius-der-als-Julia-beworben-hat‘ zu klären und dein Outfit vielleicht etwas anzupassen.“
Während sie durch den Flur schritten, bemerkte Julius, dass das Innere des L’Éclipse nichts mit der schlichten Fassade gemein hatte. Die Wände waren mit schweren, weinroten Samtvorhängen bespannt, und der Boden bestand aus einem dunklen, polierten Fischgrätenparkett, das unter ihren Schritten kaum ein Geräusch von sich gab. Es roch hier nicht mehr nach Hafenwind, sondern nach einer subtilen Mischung aus Sandelholz und frisch gebrühtem Espresso. Es war ein Ort, der Ruhe ausstrahlte, aber gleichzeitig eine untergründige Spannung besaß, als würde er nur darauf warten, dass die Lichter angedreht würden, um zum Leben zu erwachen.
Maya schritt mit einer Sicherheit voran, wie jemand der genau weiß was er will. Während er ihr folgte, bemerkte er, wie das kurze, schwarze Kleid jede ihrer Bewegungen wie eine zweite Haut umschmeichelte. Es war ein Kleid, das kaum Geheimnisse zuließ; es betonte die schmale Taille und die sanfte Rundung ihrer Hüften mit einer Präzision, die Julius den Atem raubte. Bei jedem Schritt, den sie in den hohen Absätzen machte, schwang ihr Körper in einem Rhythmus mit, dem er gerne noch sehr viel länger mit seinen Augen verfolgt hätte. Er versuchte, seinen Blick höflich auf ihren Nacken zu konzentrieren, doch die Art, wie der Stoff an ihren Beinen spannte, wenn sie einen weiteren schritt machte, zog seine Aufmerksamkeit immer wieder zurück.
„Du bist ja ziemlich schweigsam, Julia – oder Julius, wie auch immer ich dich jetzt ansprechen soll“, sagte sie, ohne sich ganz umzudrehen, während sie ihn mit einem amüsierten Blick über die Schulter ansah. Sie bemerkte seine leichte Verwirrung und die Art, wie er fast schon ehrfürchtig hinter ihr herlief. Maya lachte leise, aber herzlich. „Keine Sorge, die erste Nervosität ist völlig normal. Die meisten Leute, die hier anfangen, denken anfangs auch, sie hätten den falschen Zug genommen oder seien in eine andere Dimension gestolpert.“
Sie hielten vor einer schweren, dunkelblauen Tür aus lackiertem Holz, die im Kontrast zum weinroten Samt der Wände fast schon streng wirkte. Maya klopfte zweimal kurz und präzise gegen das Holz, bevor sie die Tür öffnete und Julius mit einer einladenden Handbewegung in den Raum führte. Das Büro der Chefin war klein, aber wirkte sehr aufgeräumt. Hinter einem massiven Schreibtisch aus dunklem Mahagoni saß eine Frau, deren Präsenz den Raum bereits ausfüllte, noch bevor sie ein einziges Wort gesagt hatte.
Sie war nicht alt, aber sie besaß eine Art zeitlose Eleganz, die Julius sofort einschüchterte. Ihr Haar war in einem strengen, perfekt sitzenden Bob geschnitten, und ihre Augen waren so scharf, dass er das Gefühl hatte, sie könnte seine gesamte Lebensgeschichte an einer einzigen Falte in seinem Hemd ablesen. Sie sah auf den Zeitstempel auf ihrem Tablet und dann langsam hoch zu Julius. Ein kleiner, fast unmerklicher Schatten von Enttäuschung huschte über ihr Gesicht, als ihr Blick die zierliche Statur und die weichen Züge des jungen Mannes erfasste. „Maya“, sagte sie mit einer Stimme, die wie Seide klang, aber die Härte von Stahl besaß, „ich dachte wir warten auf eine empathische Servicekraft namens Julia. Du bringst mir einen jungen Mann mit, der aussieht, als würde er beim ersten Windstoß umkippen.“
Julius wollte gerade ansetzen, um sich zu entschuldigen, doch die Chefin hob eine Hand, was ihn sofort zum Schweigen brachte. Sie stand langsam auf und begann um ihn herumzugehen, wie ein Kunsthändler, der ein fragwürdiges Stück in einer Galerie begutachtet. „hmm“, murmelte sie, während sie hinter ihm stehen blieb und ihre Stimme direkt an seinem Ohr erklang. „Ein amüsanter Fehler, nicht wahr? Eigentlich ist das ein K.O.-Kriterium. Aber...“ Sie kam wieder vor ihn und sah ihn direkt an, und in ihren Augen blitzte plötzlich ein Interesse auf, das fast schon experimentell wirkte. "Vielleicht kannst du sein was wir bisher nicht haben."
Sie lehnte sich leicht vor, und Julius spürte, wie die Luft zwischen ihnen dichter wurde. „Die Frage ist, wie weit deine Bereitschaft geht zu wachsen und genau das zu werden? Und wie weit dein Wille reicht, dich in ein Konzept einzufügen, das bereits feststeht.“ Sie machte eine kurze Pause, um seine Reaktion zu prüfen, und ein kleines, fast raubtierhaftes Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Wenn du bereit bist, dich ein wenig ‚anzupassen‘ – und ich meine damit mehr als nur eine korrekte Begrüßung – würde ich dich heute Abend behalten. Für das Probearbeiten würde ich dir 200 Euro zahlen. Plus Trinkgeld, was in diesem Haus oft den Lohn übersteigt.“
Julius starrte sie an. 200 Euro für einen einzigen Abend. Das war fast die Hälfte seiner überfälligen Miete. Sein Herz begann schneller zu schlagen, nicht mehr nur vor Angst, sondern vor einer plötzlichen, elektrisierenden Neugier. Er sah zu Maya, die ihn mit einem wissenden, fast schon ermutigenden Lächeln ansah, und dann zurück zu der Frau vor ihm. Die Entscheidung fühlte sich nicht mehr wie ein Risiko an, sondern wie die einzige logische Konsequenz.
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