What's next?
Die geteilte Kette
Das kalte, graue Licht des Berliner Morgens kroch zäh durch die hohen Sprossenfenster der Altbauwohnung und legte sich wie ein Leichentuch über das Parkett.
Loona hatte sich vor einer Stunde wortlos in ihr Schlafzimmer zurückgezogen. Sie hatte nicht einmal zurückgeblickt. Die schwere Flügeltür war mit einem leisen Klicken ins Schloss gefallen und hatte uns beide in einer lähmenden, sauerstoffarmen Stille zurückgelassen.
Wir sprachen kein Wort. Auf Knien hatten wir den Boden mit einem feuchten Tuch von den Spuren der Nacht befreit. Emma, deren Hände immer noch so heftig zitterten, dass das Wasser im Eimer schwappte, hatte den Kopf nicht ein einziges Mal gehoben. Als sie ihre durchnässte, zerknüllte Bluse wieder über die von Striemen brennende Haut zog, entwich ihren Lippen nur ein flaches, schabendes Atmen. Wir sahen uns nicht an, doch die Luft zwischen uns war vergiftet von der geteilten Schande. Als sie die Wohnung schließlich verließ, klickte ihr Smartphone im Flur: Die erste Nachricht von Loona – das Überwachungsprotokoll war aktiviert.
Vier Stunden später schnitt das grelle Neonlicht des Institutsflurs in meine übermüdeten Augen.
Der Gestank von Maschinenkaffee, nassem Asphalt und Desinfektionsmittel ersetzte den Duft von Bourbon und Zedernholz. Um mich herum herrschte der alltägliche, banale Lärm des Universitätsbetriebs: Gelächter, das Klappern von Laptoptaschen, hastige Schritte auf den matten Steinböden.
Für mich war jeder Schritt eine Tortur. Die gereizte Haut unter den stählernen Ringen brannte bei jeder Bewegung, das Vorhängeschloss schlug dumpf und schwer gegen mein Schambein. Die frische, feste Jeans drückte unnachgiebig auf das eingesperrte Gewebe. Meine Nerven lagen blank; die Paranoia, dass jeder Dozent und jeder Kommilitone den Umriss der Spange unter dem Stoff erahnen könnte, schnürte mir die Kehle zu.
Vor dem Hörsaal für Klinische Anatomie stand sie.
Emma lehnte an der weißen Wand, einen Pappbecher in beiden Händen verkrallt. Sie trug einen dunklen Rollkragenpullover, der bis zum Kinn reichte, und einen langen Wollmantel – sorgfältig gewählt, um jedes Zeichen der Züchtigung zu ersticken. Doch um ihre Augen lagen tiefe, bläuliche Schatten, und ihre sonst so perfekte Haltung wirkte brüchig.
Als mein Blick sie traf, zog sich mein Magen krampfartig zusammen, und vor meinem inneren Auge explodierten die Bilder der vergangenen Nacht mit brutaler Schärfe. Ich sah nicht die unnahbare Medizinstudentin im dicken Wintermantel. Ich sah ihren nackten, schutzlosen Körper im warmen Licht des Salons, wie sie auf allen vieren im Staub kauerte, die Stirn ins Parkett gedrückt, während die Gerte auf ihre gerötete Haut niederging. Ich erinnerte mich an den feuchten Glanz zwischen ihren bebenden Schenkeln, an das erstickte Schluchzen, an ihre Lippen auf Loonas nackten Füßen – und daran, wie dieselbe Frau mich wenige Minuten später gezwungen hatte, den Boden von ihren Sohlen zu lecken.
Eine Welle aus brennender Verzweiflung, ohnmächtiger Wut und einer zutiefst verstörenden, unzerstörbaren Resterregung schoss mir ins Blut. Es war ein giftiger Taumel: Ich hasste sie dafür, was sie mir auf der Party angetan hatte, und doch war der Anblick ihres gebrochenen Fleisches tief in mein Bewusstsein eingebrannt. Im Inneren des Zylinders pulsierte der Schwellkörper sofort wieder schmerzhaft gegen das unnachgiebige Gitter, als würde mein Körper jeden Schamfunken verhöhnen.
Neben ihr standen Sophie und Julian.
„Da ist ja unser Ausreißer“, grinste Julian breit, als ich mich näherte. Er stieß sich von der Wand ab und musterte mich von oben bis unten mit jenem herablassenden Amüsement, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Man, John, du hast gestern ganz schön die Flucht ergriffen. Was war los? Angst bekommen, als es interessant wurde?“
Sophie lachte leise, stieß Emma mit dem Ellbogen an und sah mich spöttisch an. „Er sah ziemlich überfordert aus. Sag mal, Emma, hast du ihn danach eigentlich noch zur Rede gestellt? Du meintest doch, du ziehst das Ding durch.“
Emmas Finger krampften sich so fest um den Pappbecher, dass der Deckel mit einem feinen Knacken nachgab. Schwarzer Kaffee schwappte über ihre Knöchel.
Sie hob den Kopf, und für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Blicke. Darin lag keine Überlegenheit mehr. Da war nur das nackte, eisige Entsetzen zweier Ertrinkender, die durch dieselbe Eisenkette miteinander verbunden waren. Ich sah in ihren geweiteten Pupillen das Echo derselben Demütigung, die auch mich zerfressen hatte. Ein falsches Wort, eine unbedachte Andeutung vor diesen beiden Zeugen, und Loona würde das Fallbeil über uns beiden niedergehen lassen.
„Lass gut sein, Sophie“, sagte Emma. Ihre Stimme war belegt, doch sie zwang sich zu einem dünnen, arroganten Lächeln, das ihre Lippen kaum berührte. „Er hat kapiert, wo sein Platz ist. Gestern Abend war genug Theater für die ganze Woche.“
Julian runzelte die Stirn, sichtlich enttäuscht über das Ausbleiben einer weiteren Vorführung. „Echt jetzt? Du klangst gestern noch anders.“
„Ich habe keine Lust, meine Zeit mit Witzfiguren zu verschwenden“, schnitt Emma ihm mit schneidender Härte das Wort ab. Sie wandte sich direkt an mich, trat einen halben Schritt vor, sodass ihr Körper den Blick der anderen verdeckte.
Ihre Augen funkelten vor einer giftigen Mischung aus unterdrückter Wut und der Angst um ihre eigene Existenz.
„Wir müssen nach der Vorlesung die Unterlagen für die Präsentation im Bibliothekskeller durchgehen, John“, sagte sie laut genug, dass die anderen es hören konnten. Doch dann senkte sie die Stimme zu einem kaum hörbaren, zischenden Flüstern, das nur für meine Ohren bestimmt war: „Punkt zwölf im hinteren Magazin. Keine Sekunde zu spät. Ich muss das Foto für sie machen – und wenn an diesem Verschluss auch nur ein Kratzer ist, ziehe ich dich mit mir in die Hölle.“
Die Minuten im Hörsaal krochen wie zähes Pech dahin. Jeder Blick auf die Wanduhr war ein Hohn; der Sekundenzeiger schien bei jedem Ruck mein eigenes, unbarmherziges Pochen im stählernen Gehäuse nachzuahmen. Vor mir saß Emma, deren Nacken vollkommen unbeweglich blieb. Nur wenn sie den Stift hob, verriet ein winziges Zaudern, wie das grobe Wollgewebe über ihren gereizten Rücken scheuerte. Wir waren zwei tickende Zeitbomben in einem Saal voller ahnungsloser Studenten.
Als der Dozent schließlich das Pult verließ, war das schlagartige Einsetzen des Gemurmels wie ein Startschuss.
Ich wartete, bis die Masse sich durch die Doppeltüren schob, und nahm den Nebenausgang. Die Steinstufen in den Bibliothekskeller hinab waren feucht und kalt. Der Geruch nach altem Papier, Bindeleim und modrigem Staub schlug mir entgegen, vermischt mit dem fernen, monotonen Brummen der Lüftungsanlage. Hier unten gab es keine Fenster, nur flackernde Neonröhren, die lange, verzerrte Schatten zwischen die mannshohen Stahlregale des Zeitschriftenmagazins warfen.
Am Ende der hintersten Reihe stand sie bereits.
Emma hatte den schweren Mantel abgelegt; er hing über einem der Regalböden wie eine welke Haut. Im engen Rollkragenpullover wirkte sie noch schmaler, gehetzter. Als die schwere Brandschutztür hinter mir mit einem satten, metallischen Klacken ins Schloss fiel, fuhr sie herum. Ihre Pupillen waren geweitet, die Hände fest um ihr Smartphone geklammert.
„Schließ ab“, befahl sie mit heiserem, schneidendem Flüstern.
Ich drehte den schweren Riegel der Tür vor, der mit einem dumpfen Laut einrastete. Die Isolation war vollkommen.
„Hose auf. Sofort.“ Emma trat so nah an mich heran, dass ich ihren unruhigen, nach Minze und kaltem Rauch riechenden Atem auf meiner Wange spürte. In ihrem Blick lag keine Spur mehr von der kühlen Spötterin der Fachschaftsparty. Es war der nackte, giftige Überlebensinstinkt einer Gepeinigten, die den Druck nach unten weitergeben musste, um nicht selbst daran zu ersticken. „Ich habe keine Lust, wegen dir zu spät zu kommen.“
Meine Finger gehorchten mechanisch. Der Knopf gab nach, der Reißverschluss riss mit einem rauen Geräusch auf. Als der feste Denim über meine Hüften glitt, gab er das schwarze Spitzengewebe frei – dünn, filigran, fast spöttisch über die Schwellung gespannt, die sich im kalten Kellerlicht unbarmherzig abzeichnete. Das matt polierte Edelstahlgehäuse, das kleine, schwere Vorhängeschloss, die feinen Streben, die sich in mein gereiztes Fleisch gruben: Alles lag offen vor ihr.
Emma stieß die Luft zischend durch die Zähne aus. Ein Hauch von fassungslosem Ekel und jener dunklen, perversen Faszination, die sie schon in der Wohnung gezeigt hatte, trat auf ihre Züge.
„Du bist so widerlich, John“, hauchte sie, während sie ihr Telefon hob. „Sie hat mich vor deinen Augen zerlegt, und du hast nichts Besseres zu tun, als hier unten schon wieder wie ein Tier gegen das Gitter zu drücken.“
Ohne Vorwarnung packte sie das Schloss mit zwei eiskalten Fingern. Sie riss nicht sanft daran; sie drehte den Bügel mit einem ruckartigen, bösartigen Dreh nach oben, um den Sitz der Scharniere zu prüfen. Ein stechender Schmerz jagte durch meine Leiste, die Kanten des Rings schnitten brutal in das Schambein, und ein erstickter Laut entwich meiner Kehle. Meine Knie knickten leicht ein, meine Hände krallten sich in die kalten Stahlstreben des Magazinregals.
„Halt still!“, zischte sie und kniete sich mit einer fließenden, wütenden Bewegung vor mich auf den nackten Betonboden.
Das Smartphone surrte leise, als sie die Linse wenige Zentimeter vor das Metall hielt. Drei scharfe Klicks hallten durch die Regalreihen. Ein Foto von oben, eines von der Seite, das die unversehrte Plombe zeigte, und ein drittes, das den schwarzen Spitzenstoff und die feuchten, verräterischen Spuren einfing, die sich unaufhaltsam in den Maschen sammelten.
Emma stand hastig auf, tippte mit fieberhafter Geschwindigkeit auf das Display und schickte die Sequenz ab.
Für zehn, fünfzehn endlose Sekunden hörte man nur das schwere Atmen von uns beiden und das tiefe Summen der Röhren über uns. Dann vibrierte das Gerät in ihrer Hand.
Emma starrte auf den leuchtenden Bildschirm. Ihre Augen verengten sich, ein bitteres, fast triumphierendes Zucken legte sich um ihre Mundwinkel. Sie drehte das Telefon nicht zu mir, aber ihre Stimme schnitt durch den Raum wie Glas:
„Loona hat geantwortet.“ Sie steckte das Gerät langsam in ihre Hosentasche, trat wieder direkt vor mich und legte beide Hände an meinen Gürtel. „Sie will, dass du für den Rest des Tages spürst, wer die Regeln macht. Gürtel ab, John. Sofort. Und du trägst die Hose ab jetzt so weit offen, dass du bei jedem Schritt auf dem Campus darum beten musst, dass sie dir nicht vor allen Leuten von den Hüften rutscht.“
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