What's next?

Die perfekte Fassade

Die Berliner U-Bahnfahrt fühlte sich an wie eine endlose Reise durch einen fiebrigen Tunnel. Jeder Schritt über den Bahnsteig, jedes Hinsetzen auf die harten Plastiksitze trieb den Edelstahlring durch die feste Jeans tief in mein Schambein. Die Kälte des Metalls war längst einer dumpfen, brennenden Hitze gewichen, die bei jeder kleinsten Bewegung pulsierte.

Als sich die Tür im vierten Stock eines Altbaus in Prenzlauer Berg öffnete, schlug mir sofort der Duft von Vanille und frischem Kaffee entgegen.

„John! Du bist meine Rettung“, rief Nadja strahlend.

Sie trug eine lockere, verwaschene Latzhose über einem eng anliegenden weißen Tanktop, die Haare zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt, aus dem ein paar blonde Strähnen entflohen waren. Ihre Wangen waren leicht gerötet, und in ihren blauen Augen lag eine ansteckende, unbeschwerte Fröhlichkeit, die mich für einen kurzen Augenblick vergessen ließ, wie geschunden mein Unterleib war.

„Komm erst mal rein. Ich verzweifle hier komplett mit der Technik“, sagte sie, griff nach meinem Handgelenk und zog mich fast spielerisch in den Flur. Die Wärme ihrer Finger auf meiner Haut ließ mein Herz stolpern.

Auf ihrem Küchentisch türmten sich kleine weiße Kartons. Sechs Stück, alle mit demselben Logo: kompakte, unauffällige Weitwinkel-Sicherheitskameras mit integriertem Mikrofon. Exakt dieselben Modelle, die Loona in unserer Wohnung an jeder Decke montiert hatte.

„Ich will die Dinger in jedem einzelnen Zimmer haben“, erklärte Nadja, während sie eine Trittleiter aufstellte und mir einen Akkuschrauber in die Hand drückte. „Schlafzimmer, Wohnbereich, Flur, sogar in der Küche über der Arbeitsplatte. Eine Freundin meinte, das sei heutzutage einfach Pflicht für die Sicherheit, wenn man allein wohnt.“

Sie stellte sich direkt neben mich, als ich die erste Halterung im Wohnzimmer ansetzte. Sie war mir so nah, dass ich die Wärme ihres Körpers spürte. Wenn sie mir Dübel oder Schrauben reichte, berührten ihre Finger ganz beiläufig die meinen, und jedes Mal schenkte sie mir dieses offene, neckische Lächeln, das völlig frei von der berechnenden Grausamkeit war, die Loona umgab.

„Du bist echt geschickt“, neckte sie mich und neigte den Kopf, während ich über ihr auf der Leiter stand. „Und ganz schön durchtrainiert geworden in letzter Zeit. Steht dir gut, John. Richtig gut.“

Ein Stich fuhr mir durch die Brust – nicht vom Metall, sondern von einer Welle wehmütiger Sehnsucht.

*Was wäre gewesen, wenn?*, hämmerte es plötzlich in meinem Kopf. Wenn ich Nadja vor diesem Sommer kennengelernt hätte. Bevor alles entgleiste. Bevor Loona mich damals nackt, hilflos gefesselt und meiner eigenen Scham ausgeliefert in meinem Zimmer vorgefunden und die Kontrolle für immer an sich gerissen hatte. Wäre ich dann ein normaler Junge für sie gewesen? Einer, mit dem man lacht, ausgeht, flirtet – ohne Käfig, ohne ständige Angst vor dem nächsten Befehl?

Ich kniete mich auf den Boden, um die Netzwerkkonfiguration auf ihrem Laptop einzurichten. Während ich die IP-Adressen der Kameras zuwies, zuckten meine Finger über dem Touchpad. Die Software bot eine simple Option: *Zusätzlichen Beobachter-Account hinzufügen*.

Ein dunkler, verbotener Gedanke schoss mir durch den Kopf. Ich könnte meine eigene E-Mail-Adresse als stillen Betrachter hinterlegen. Ich könnte sie sehen – wie sie lacht, wie sie durch ihre Wohnung tanzt, wie sie sich für den Tag fertig macht. Ein Fenster in ein Leben, das mir für immer verwehrt bleiben würde. Meine Hand zitterte, der Cursor schwebte über dem Eingabefeld.

In genau diesem Moment vibrierte mein Handy in der Hosentasche. Zwei harte, fordernde Stöße.

Ich zog das Gerät hervor. Das Display war entsperrt, eine Benachrichtigung von Loona. Ohne Text. Nur ein Bild.

Mir stockte der Atem. Die Geräusche im Raum – das Klappern von Kaffeetassen in Nadjas Küche, ihr leises Summen – traten mit einem Schlag in weite Ferne.

Das Foto war gestochen scharf. Es zeigte unser Schlafzimmer daheim. Das makellose, weiße Satintuch, das ich heute Morgen auf Knien glattgestrichen hatte. Darauf lag Loona nackt auf dem Rücken, den Kopf leicht in die Kissen geworfen, ein berauschter, herausfordernder Ausdruck in den Augen. Und über ihr, zwischen ihren weit gespreizten Schenkeln, waren die kräftigen, gebräunten Schultern von Timo zu sehen, wie er sich tief in sie hineinschob.

Der schmale Edelstahlring grub sich wie eine glühende Klinge in mein Fleisch, als mein Körper reflexartig reagierte und sofort an den eisernen Grenzen zerschellte.

„Alles in Ordnung bei dir, John?“, erklang Nadjas fröhliche Stimme von der Küchentheke. „Du bist auf einmal so blass.“

Ich presste den Daumen auf den Power-Button, fast schon panisch, bis das Display erlosch und nur noch mein eigenes, kreidebleiches Spiegelbild auf dem dunklen Glas zu sehen war. Meine Finger zitterten so heftig, dass das Smartphone fast aus meiner Hand auf die Dielen gerutscht wäre.

In meiner Brust hämmerte das Blut. Die weiße Bettwäsche, die ich selbst glattgestrichen hatte. Die geschlossenen Augen von Timo, dessen Arme sich in die Kissen stemmten, während er mein gesamtes altes Leben mit jedem Stoß ausradierte. Und Loona, die mitten im Akt das Telefon hochgehalten hatte – nur um sicherzugehen, dass ich genau wusste, was geschah, während ich kilometerweit entfernt auf den Knien saß.

„John?“, wiederholte Nadja.

Ihre Schritte näherten sich, gefolgt von einem leisen Klacken, als sie zwei dampfende Becher auf dem Couchtisch abstellte. Sie kniete sich neben mich auf den Teppich, viel zu nah, und legte ganz selbstverständlich eine Hand auf meinen Unterarm. Ihre Haut war warm und weich. Ihr Duft – eine Mischung aus frischer Vanille, Zitronenseife und dem süßlichen Aroma des heißen Kaffees – umhüllte mich, verdrängte für einen flüchtigen Herzschlag den Geruch nach Leder, Schweiß und Edelstahl.

„Hey… du zitterst ja am ganzen Arm“, murmelte sie leise, und ihr anfänglich neckisches Lächeln wich einem echten, besorgten Stirnrunzeln. „Ist dir schwindelig? Hast du heute überhaupt schon was gegessen? Du machst dich ja völlig kaputt mit der ganzen Schlepperei.“

„Nein… alles gut. Nur… kurz der Kreislauf“, brachte ich heiser heraus. Meine Zunge fühlte sich an wie Schmirgelpapier. Ich wagte nicht, mich im Schneidersitz zu bewegen; die steife, dunkle Jeans spannte unbarmherzig über meinen Schenkeln, und jede Verlagerung trieb den schmalen Zylinder tiefer in das ohnehin geschundene Schambein.

Die pure Folter lag in diesem Moment nicht nur im Metall, sondern in ihrer Sanftheit. Sie wusste nichts. Sie sah in mir einen hilfsbereiten, vielleicht ein wenig schüchternen Kerl, der ihr die Technik einrichtete und den sie mochte. Wenn ich die Hand ausstrecken würde, könnte ich ihre Wange berühren. Doch genau unter dieser dünnen Schicht aus verwaschenem Denim war ich versiegelt, verstümmelt und enteignet. Ich gehörte Loona, mein Körper war ein Schloss ohne Schlüssel, und die Frau, die mich besaß, lag genau in dieser Sekunde unter meinem besten Freund.

Mein Blick fiel zurück auf den geöffneten Laptop.

Dort leuchtete noch immer das Einrichtungsfenster der Überwachungssoftware. *Neuen Administrator / Betrachter hinzufügen*.

Das Verlangen schoss wie giftige Galle durch meine Adern. Ich könnte meine Mailadresse eintragen. Einen geheimen Fernzugriff erstellen. Ich könnte Nadja beobachten – ungesehen, stumm, während sie ahnungslos durch ihre Zimmer ging, schlief, lebte. Es wäre das Einzige, was mir bliebe: ein voyeuristischer Schatten im System. Doch gleichzeitig brannte die unausweichliche, brutale Wahrheit in mir: Sobald Loona meine Logs überprüfte – und sie tat es jeden verdammten Tag über *Kidslox* –, würde sie die Kameras sofort entdecken. Sie würde mir das letzte bisschen Luft abschnüren. Vielleicht würde sie den Zugriff an sich reißen, die Feeds selbst kapern und mich zwingen, ihr auch dieses letzte Stück Reinheit zu opfern.

„Soll ich das Fenster aufmachen? Du brauchst frische Luft“, sagte Nadja sanft, stand geschmeidig auf und ging hinüber zum großen Altbaufenster.

Die Frühlingsluft strömte kühl herein, blies ihre losen Haarsträhnen zur Seite, während sie sich mit dem Rücken an die Fensterbank lehnte und mich mit einem nachdenklichen, weichen Blick ansah.

Auf dem Teppich starrte ich stumm auf den Cursor. Mit zitterndem Zeigefinger fuhr ich über das Touchpad – und klickte auf *Abbrechen*.

Ich schloss das Einrichtungsmenü, wies den Kameras nur ihren lokalen Speicher zu und tippte Nadjas eigenes Passwort ein. Keine Schlupflöcher. Kein Ausweg.

In meiner Hosentasche summte das Handy erneut. Ein kurzes, monotones Vibrieren.

Ich musste nicht einmal hinsehen, um zu wissen, was es war: Entweder der nächste Schnappschuss aus meinem Bett, oder der knappe Befehl von Loona, wann ich den Rückweg anzutreten hatte, um die Spuren ihres Nachmittags zu beseitigen.

Mein Daumen verharrte zitternd über dem Sperrbildschirm.

Das Display leuchtete wieder auf, doch anstelle eines harschen Befehls zur sofortigen Rückkehr ploppte eine neue Zeile von Loona auf, flankiert von einem weiteren Bild.

Loona: "Bleib ruhig noch bei deiner kleinen Freundin. Setz dich schön mit ihr ins Café. Aber behalt die Jeans an – und denk bei jedem Bissen daran, wo Timo gerade drinsteckt."

Darunter die Nahaufnahme: Ihre zierliche Hand lag auf Timos verschwitzter, behaarter Brust, seine Finger fest mit ihren verschränkt, im Hintergrund die zerwühlten weißen Kissen unseres Bettes. Sie rief mich nicht zurück. Sie wollte mich gar nicht dort haben. Sie wollte, dass ich draußen in der Welt saß, die Rolle des normalen, begehrenswerten Jungen vorspielte, während mein Fleisch unter dem unnachgiebigen Denim zu einer stummen, gequetschten Geisel verkam.

„John? Alles gut bei dir?“, erklang Nadjas Stimme, warm und weich. Sie stand an der Küchenzeile, strich sich eine blonde Strähne hinter das Ohr und musterte mich mit ehrlicher Neugier. „Oder musst du etwa schon wieder losrennen?“

Ich schluckte die Bitterkeit hinunter, steckte das brennende Telefon zurück in die Tasche und zwang meine Gesichtsmuskeln zu einem mühsam gefassten Lächeln.

„Nein…“, brachte ich heraus, und meine Stimme klang rauer, als ich beabsichtigt hatte. „Alles geklärt. Eine halbe Stunde… ein Kaffee und was zu essen sind drin.“

Ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht. „Perfekt! Unten an der Ecke gibt es diesen kleinen Italiener. Du siehst nämlich echt so aus, als könntest du ein paar Kohlenhydrate gebrauchen.“

Zehn Minuten später saßen wir im Halbdunkel des kleinen Eckbistros an einem winzigen Holztisch. Draußen klatschte der Nieselregen gegen die Scheiben, drinnen duftete es nach geröstetem Knoblauch und warmem Focaccia. Es hätte der perfekte Moment sein können – eine lockere Verabredung mit einem hübschen Mädchen, das mir über den Tisch hinweg tief in die Augen sah, die Wangen leicht gerötet von der Kälte des kurzen Fußwegs.

Doch jeder einzelne Moment war ein geschickt inszenierter Folterakt.

Der Stuhl war aus hartem, unpolstertem Holz. Jedes Mal, wenn ich mich nach vorn lehnte, schnitt der schmale Edelstahlring gnadenlos in mein Schambein. Die Jeans saß wie eine zweite Haut, spannte über den Oberschenkeln und ließ dem geschrumpften, gequälten Rest meines Körpers nicht einen Millimeter Freiraum. Und genau gegenüber saß Nadja, völlig ahnungslos, und flirtete.

„Ich mag es, wie konzentriert du bist, wenn du an den Kameras arbeitest“, sagte sie leise, stützte ihr Kinn auf die Handflächen und sah mich schelmisch an. Ihre Fußspitze fand unter dem schmalen Tisch ganz beiläufig meinen Knöchel und strich sanft am Saum der Jeans entlang. „Ehrlich, John… du bist ganz anders als die meisten Typen an der Uni. Nicht so laut. Nicht so aufdringlich.“

Ein eisiger Schauer jagte über meinen Rücken, unmittelbar gefolgt von einer Welle ohnmächtiger Scham. Meine Hände umklammerten die Kaffeetasse, die Knöchel weiß hervortretend. Wenn sie wüsste, *warum* ich nicht laut war. Wenn sie wüsste, dass der Grund für meine stumme Zurückhaltung ein winziges Vorhängeschloss war, dessen Schlüssel in Loonas Handtasche lag.

In meiner Tasche summte das Handy erneut. Ein kurzer, doppelter Stoß.

Ich senkte den Blick auf meinen Schoß. Eine kurze Videosequenz von Loona, stumm geschaltet: Man sah nur die rhythmische Bewegung von Timos breiten Schultern von hinten, Loonas Beine, die sich eng um seine Hüfte klammerten, und ganz kurz ihr Gesicht, das triumphierend in die Kamera grinste, die Lippen zu einem stummen Kuss geformt.

Unter dem Tisch glitt Nadjas Fuß eine Handbreit höher, ihre Zehen drückten verspielt gegen mein Schienbein.

„Hey… du starrst schon wieder so ins Leere“, hauchte sie mit einem vielsagenden, weichen Lächeln. „Bist du etwa schüchtern, John?“

Mein Herz hämmerte wie eine gefangene Taube gegen meine Rippen. Die brennende Qual des unerbittlichen Metalls, Nadjas sanfte Berührungen vor mir und das lautlose Video auf meinem Oberschenkel verschmolzen zu einer Zerreißprobe, die mich fast um den Verstand brachte.

„Ein bisschen vielleicht“, brachte ich mühsam heraus. Meine Stimme klang viel zu dünn, fast brüchig. Ich klammerte mich an den Henkel der Kaffeetasse, nur um die Finger daran zu hindern, das verdammte Telefon wieder aus der Tasche zu zerren.

Nadja lachte leise – ein warmes, perlendes Geräusch, das in schreiendem Kontrast zu der stummen Verwüstung in meinem Kopf stand. Sie zog den Fuß nicht zurück. Stattdessen strich ihre weiche Schuhspitze noch ein Stück weiter mein Schienbein hinauf, fast bis zur Kante meiner Kniescheibe.

„Musst du gar nicht sein“, sagte sie und neigte den Kopf, während sie mit dem Zeigefinger über den Rand ihres Wasserglases strich. Ihre blauen Augen musterten mich mit einer Sanftheit, die mich innerlich verbrannte. „Ehrlich gesagt finde ich das ziemlich erfrischend. Man hat bei dir das Gefühl, dass du… aufmerksam bist. Nicht so wie die Kerle, die nach zwei Drinks glauben, ihnen gehört die Welt.“

*Wenn du nur wüsstest*, hämmerte es in meinen Schläfen. *Mir gehört nicht einmal die Welt zwischen meinen eigenen Oberschenkeln.*

In der engen Hosentasche pulsierte das Gerät erneut. Zwei harte, kurze Vibrationen. Ein Screenshot oder eine Textnachricht, ich wusste es genau. Loona orchestrierte mein Elend mit millimetergenauer Präzision. Sie brauchte nicht im selben Raum zu sein, um meine Gedanken vollständig zu vergiften. Sie wusste, dass ich hier saß, dass die Augen eines unschuldigen Mädchens auf mir ruhten, während in meiner Leiste das gefrorene Metall bei jedem Atemzug das geschrumpfte Fleisch abdrückte. Die Jeans war so unnachgiebig eng, dass jeder instinktive Blutstoß – angefacht durch Nadjas Lächeln, ihren Duft nach Vanille und die Nähe ihrer Beine – sofort mit einem stechenden Zähneknirschen endete.

Der Kellner trat an unseren Tisch und stellte einen Teller dampfende Pasta für Nadja und ein Focaccia für mich ab.

„Guten Appetit“, sagte der Mann knapp und wandte sich wieder ab.

„Mmh, riecht fantastisch“, schwärmte Nadja, brach ein Stück Brot ab und reichte es mir mit den Fingerspitzen herüber. „Hier, probier mal. Du musst echt was essen, John. Du siehst immer noch so furchtbar angespannt aus.“

Ich griff nach dem Brot, und unsere Finger berührten sich. Ihre Haut war seidig, weich, absolut real. Für den Bruchteil einer Sekunde schoss der verzweifelte Gedanke durch mein Bewusstsein, einfach alles hinzuschmeißen. Ihr die Wahrheit zu sagen. Zu gestehen, dass ich als willenlose Puppe abgerichtet wurde, dass mein bester Freund gerade in meiner Wohnung lag und dass ich unter dieser Jeans in einem Stahlrohr verriegelt war.

Doch die Scham war eine eiserne Mauer. Was würde sie tun? Entsetzt zurückweichen? Vor Ekel den Tisch verlassen? Loona hatte mich so fest in diesem Netz gefangen, dass die Freiheit sich gefährlicher anfühlte als die Knechtschaft.

Mein Handy summte wieder. Diesmal drang ein leiser Ton durch das Summen – eine Textnachricht, direkt über die Admin-Funktion von *Kidslox* als stummer Banner auf den Sperrbildschirm projiziert.

Ich tat so, als würde ich nach einer Serviette greifen, und schielte in die Tasche, während Nadja ihre Nudeln auf die Gabel rollte.

Loona: "Timo will nachher noch zocken. Du hast genau 60 Minuten. Wenn du reinkommst, lächelst du, bringst ihm ein kühles Bier und tust so, als wäre nichts gewesen. Wenn ich an deinem Gesicht auch nur eine Sekunde Zweifel sehe, drehe ich den Zylinder heute Nacht noch ein Stück enger."

Ein eiskalter Schauer kroch mir vom Nacken über den Rücken hinab bis in die Taillengegend. Die sechzig Minuten tickten bereits. Sie war noch nicht fertig. Das Spiel war für sie noch lange nicht vorbei: Sie wollte nicht nur, dass ich ihre Untreue aus der Ferne bezeugte – sie wollte, dass ich dem Mann, der sie gerade besessen hatte, mit gesenktem Kopf die Getränke servierte und ihm als loyaler Freund in die Augen sah.

„Alles gut?“, fragte Nadja mit vollem Mund und sah mich mit leicht schief gelegtem Kopf an.

Ich schluckte das trockene Stück Focaccia hinunter, das sich wie Asche an meinem Gaumen festsetzte, und nickte mit einer starren, antrainierten Maske.

„Ja“, sagte ich leise, während der Stahl tief in mein Becken skarifizierte. „Alles bestens. Erzähl mir mehr von der Uni.“

Nadja begann lebhaft von ihren Seminaren zu erzählen, von nervigen Dozenten und den ersten Plänen für eine Semesterparty. Sie lachte, gestikulierte mit der Gabel und warf mir immer wieder Blicke zu, die so entwaffnend offen und aufrichtig waren, dass sich jede Sekunde wie ein Verrat anfühlte.

Ich nickte mechanisch an den passenden Stellen, warf kurze, scheinbar interessierte Zwischenfragen ein und kaute auf dem trockenen Focaccia herum, ohne auch nur eine Nuance davon zu schmecken. In meinem Kopf lief unaufhörlich der Timer ab. Sechzig Minuten. Fünfzig. Vierzig.

Unter der Tischkante klammerte ich meine Finger in den festen Jeansstoff. Der harte Edelstahlzylinder schnitt mit jeder Verlagerung meines Gewichts tiefer in die gereizten Schambeinstränge. Die Hitze, die sich unter der dicken Denim-Schicht staute, pochte im Rhythmus meines viel zu schnellen Pulses. Jedes Mal, wenn Nadjas Fuß mein Schienbein streifte, schoss ein Reflex durch meinen Körper – ein winziger Funke verbotener Hoffnung, ein Rest normaler, jugendlicher Begierde –, der im selben Wimpernschlag von der kalten Starre des Metalls brutal zermalmt wurde. Es gab kein Anschwellen, kein Ausweichen. Nur Schmerz, Scham und die absolute Gewissheit, dass dieser zierliche, geschrumpfte Teil von mir für die normale Welt längst gestorben war.

„…und dann meinte sie ernsthaft, wir sollen die Hausarbeit zu dritt schreiben“, beendete Nadja ihre Anekdote mit einem Augenrollen, ehe sie ihr Wasserglas leerte und mich mit einem weichen Lächeln musterte.

Nadja schluckte die Pasta hinunter, tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab und stützte das Kinn auf ihre Hände. Ihr Blick wurde weicher, ein wenig nachdenklicher, behielt aber diesen warmen, verspielten Schein, der die Kälte des Tages mühelos vertrieb.

Unter der Tischkante bewegte sie ihren Fuß ganz beiläufig. Ihre Schuhspitze fand wieder mein Schienbein, wanderte langsam, fast beiläufig höher und strich mit sanftem Druck an der Innenseite meines Knies entlang. Die unnachgiebige Naht der engen Jeans scheuerte dabei unbarmherzig über den Edelstahlring an meinem Schambein – ein stechender Schmerz, der mich für einen Wimpernschlag die Luft anhalten ließ.

„Mein Ex-Freund war übrigens eine ziemliche Katastrophe“, begann sie leise, mit einem leichten, selbstironischen Seufzen. Sie sah mich offen an, die Augen voller Vertraulichkeit. „Immer dieses endlose Aufplustern. Jeder Schritt musste ein Machtkampf sein, wer recht hat, wer den Ton angibt. Ständig dieses laute Getue, als müsste er der ganzen Welt beweisen, wie wichtig er ist.“

Ich nickte nur stumm, die Finger krampfhaft um mein Wasserglas geschlossen. Meine Kehle war wie zugeschnürt. Das Wort *Machtkampf* klang in meinen Ohren wie ein Hohn, während in meiner Hosentasche das Telefon mit Loonas Bildern lag und der kalte Stahl jede meiner Reaktionen gnadenlos im Keim erstickte.

Nadja neigte den Kopf leicht zur Seite. Ihre Schuhspitze blieb am Saum meiner Jeans ruhen, übte einen stetigen, angenehmen Druck aus, der mich dennoch wie eine glühende Klinge traf.

„Auf so ein Ego-Theater habe ich einfach keine Lust mehr“, fuhr sie fort, und ihre Stimme bekam einen samtigen, fast verschwörerischen Klang. „Ich finde es so viel angenehmer, wenn jemand gelassen bleibt. Jemand, der nicht ständig im Mittelpunkt stehen muss, sondern einfach hinsieht. Der spürt, was gebraucht wird, ohne dass man erst darum bitten muss… und der kein Problem damit hat, die Dinge einfach mal laufen zu lassen.“

Sie lächelte dünn, während ihr Blick von meinen Augen langsam zu meinen Händen wanderte, die noch immer angespannt auf der Tischplatte lagen. Ganz vorsichtig, fast wie zufällig, legte sie ihre Fingerspitzen auf meinen Handrücken. Ihre Haut war warm, trocken und erschreckend sanft.

„Es gibt doch kaum etwas Entspannteres als jemanden, bei dem man sich einfach fallenlassen kann – weil man weiß, dass er da ist und verlässlich mitzieht“, murmelte sie, hob die Augen wieder und schenkte mir einen Blick, der voller unausgesprochener Andeutungen lag. „Du hast diese Ruhe, John. Das merkt man sofort an der Art, wie du dich bewegst. Und ehrlich gesagt… genau das gefällt mir an dir.“

Ein bitterer Schauer lief mir über den Nacken, direkt gefolgt von einer Welle ohnmächtiger Verzweiflung. Sie nannte es *Ruhe*. Sie hielt meine Erstarrung für Gelassenheit, meine stumme Folgsamkeit für Zurückhaltung. Sie ahnte nicht, dass der Mann, den sie so faszinierend fand, innerlich in Ketten lag – gebunden von einer anderen Frau, deren Befehle ich blind befolgte, während das Metall unter dem festen Denim mein Schambein blau quetschte.

Eine neue Nachricht lief über den Sperrbildschirm, knapp und geschäftsmäßig, flankiert von einem neuen Foto.

Loona: "Zeit ist um. Timo und ich sind fertig mit Duschen, er hat die Konsole angeworfen. Du machst jetzt Schluss da drüben und fährst heim."

Darunter die Aufnahme: Der Couchtisch in unserem Wohnzimmer. Zwei leere Gläser, ein Aschenbecher und im Hintergrund der flimmernde Startbildschirm der PlayStation. Alles sah völlig normal aus – ein ganz gewöhnlicher Nachmittag zweier junger Leute. Doch auf der Sofakante lag die vertraute Kette mit dem kleinen Messingschlüssel, von Loona beiläufig drapiert, als wäre es bloß ein vergessenes Schmuckstück.

Loona: "Kauf an der Station noch ein Sixpack Helles. Wenn du reinkommst, bringst du Timo eins an die Couch, begrüßt ihn ganz normal und fängst danach sofort an, die Küche aufzuräumen. Benimm dich wie immer. Wehe, man merkt dir an, was los ist."

Das vertraute, dumpfe Ziehen im Bauchraum wurde schlagartig intensiver. Keine öffentlichen Demütigungen vor Timo, keine offenen Befehle im Raum – die wahre Schlinge zog sich subtiler zu. Ich sollte nach Hause zurückkehren, meinem besten Freund lachend ein Bier reichen und den kumpelhaften Mitbewohner spielen, während jeder Muskel meines Unterleibs unter dem eisernen Riegel verkrampfte und das Wissen um das, was auf diesem Sofa geschehen war, mir die Luft abschnürte. Die Folter lag genau darin: die Maske aufrechtzuerhalten, als wäre nichts geschehen.

„Dein Handy gibt heute aber wirklich keine Ruhe“, bemerkte Nadja, zog leicht die Stirn kraus und nahm nun doch die Hand von meiner. Ein Hauch von Amüsement schwang in ihrer Stimme mit, gemischt mit leiser Verwunderung. „Geh ruhig ran. Nicht, dass da die Bude brennt.“

„Nur… kurz die WG“, stammelte ich, zog das Gerät unter der Tischkante hervor und steckte es zügig in die Jackentasche, ohne den Bildschirm zu zeigen. „Timo ist jetzt da. Wir… wollten nachher ja noch ein paar Runden an der Konsole zocken, und ich muss noch kurz vorher ein paar Sachen für den Abend besorgen.“

„Oh, na gut“, sagte Nadja und verzog leicht die Lippen, doch ihre Augen blieben weich. Sie lehnte sich zurück und musterte mich mit einem warmen Lächeln. „Gegen Kumpelabende habe ich natürlich kein Vetorecht. Aber du versprichst mir, dass wir das bald wiederholen – ohne dass dir ständig das Telefon in der Tasche vibriert.“

„Versprochen“, brachte ich heraus, während der Edelstahlring bei der kleinsten Vorwärtsbewegung hart gegen mein Schambein presste.

Ich legte das Geld für meinen Anteil auf den Tisch. Draußen vor dem Bistro, im kühlen Berliner Nieselregen, blieb Nadja noch einmal kurz stehen. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, trat einen Schritt näher an mich heran und legte beide Hände sanft an meine Wangen.

„Danke noch mal für die Kameras, John“, flüsterte sie leise und drückte mir einen flüchtigen, warmen Kuss auf die Wange. „Meld dich einfach, wenn du am Wochenende Zeit hast, ja?“

„Mach ich“, log ich leise, während die Kälte des Metalls unter der engen Jeans wie glühendes Blei brannte.

Sie winkte noch einmal kurz und bog in Richtung ihrer Straße ab.

Ich wandte mich um und ging mit schnellen, steifen Schritten hinüber zum U-Bahnhof Eberswalder Straße. Bei jedem Tritt trieb die feste Denimnaht das Vorhängeschloss tiefer in das gereizte Gewebe. Die Zeit lief, und in einer halben Stunde würde ich mit einem Sixpack in der Hand vor der eigenen Wohnungstür stehen – bereit, meinem besten Freund lächelnd in die Augen zu sehen, während Loona vom Sofa aus jeden meiner Schritte kontrollierte.

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