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Chapter 14 by rallebonn

Am nächsten Tag stand ich wieder im selben Club hinter der Theke. Die Stunden zogen sich, und je später es wurde, desto mehr leerte sich der Raum. Die Musik klang nur noch gedämpft, Gläser standen verstreut auf der Theke, und meine Füße schmerzten vom langen Stehen. Gerade als ich dachte, der Abend sei fast vorbei, sah ich Johannes. Er saß bereits an der Theke, als hätte er die ganze Zeit dort auf mich gewartet. Vor ihm standen zwei Gläser Wein. Als ich näherkam, hob er den Blick und deutete auf den Platz neben sich. „Setz dich“, sagte er ruhig. Ich zögerte einen Moment, wischte mir die Hände an einem Tuch ab und nahm schließlich neben ihm Platz.

Wie am Abend zuvor erkundigte er sich nach meinem Tag. Er war höflich, beinahe zuvorkommend, und gerade das machte mich unsicher. Er stellte Fragen zur Universität, zum Club, zu Berlin, und hörte aufmerksam zu, als könne jede meiner Antworten für ihn wichtig sein. Dann griff er in die Innentasche seines Jacketts und legte ein kleines Päckchen vor mich auf die Theke. „Für dich“, sagte er. Seine Stimme blieb ruhig. Ich sah ihn an, doch er erklärte nichts weiter. Mit klopfendem Herzen öffnete ich das Päckchen. Darin lagen zwei schmale Edelstahlreifen für meine Handgelenke. Sie hatten denselben kühlen Glanz wie der Halsreif und die Reifen an meinen Knöcheln – und offenbar auch denselben Verschluss. Ich musterte Johannes, suchte in seinem Gesicht nach einer Erklärung, fand aber nur dieses geduldige, fast erwartungsvolle Lächeln. Schließlich nahm ich die beiden Reifen heraus. Das Metall fühlte sich kalt und schwer an. Einen Augenblick lang hielt ich inne, dann legte ich sie nacheinander um meine Handgelenke. Bei jedem leisen Klicken zog sich etwas in mir zusammen. Ich sagte nichts. Auch Johannes schwieg. Zwischen uns standen die beiden Weingläser, und plötzlich schien der ganze Club den Atem anzuhalten.

Johannes nahm meine rechte Hand und betrachtete den Armreif genauer. Dann zog er mich sanft vom Barhocker, sodass ich vor ihm stand. Ich sah ihn an, unsicher und angespannt. Er lächelte, suchte meinen Blick und strich mir vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Nähe war ruhig, beinahe behutsam, und doch spürte ich, wie sich etwas in mir verschloss. Als er mich aufforderte, mein Oberteil auszuziehen, wurde mir heiß vor Verlegenheit. Ich senkte den Blick und schüttelte kaum merklich den Kopf. Nein.

Er lächelte weiter, nahm meine Hand und sagte leise, dass niemand mehr im Raum sei. Doch gerade diese Ruhe machte die Situation nicht leichter. Ich blieb stehen, spürte den kalten Metallreif an meinem Handgelenk und hörte mein eigenes Herz viel zu laut schlagen. Eine Minute verging, vielleicht zwei. Meine Finger glitten zum Saum meines Oberteils, blieben dort aber liegen. In diesem Moment begriff ich, dass mein Zögern selbst schon eine Antwort war. Ich ließ den Stoff los, trat einen Schritt zurück und sagte diesmal hörbar: „Nein. Ich möchte das nicht.“

Johannes schwieg. Sein Blick blieb auf mir ruhen, nicht wütend, aber prüfend. Für einen Augenblick fürchtete ich, er würde wieder versuchen, mich mit Worten aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch diesmal hielt ich seinen Blick aus. Die Stille zwischen uns war unangenehm, fast schwer, aber sie gehörte mir. Ich hatte etwas ausgesprochen, das ich zuvor nur gedacht hatte, und allein dadurch fühlte sich der Raum ein wenig weniger eng an.

Langsam griff ich nach dem Barhocker und setzte mich wieder. Meine Hände zitterten leicht, deshalb legte ich sie unter die Theke, damit er es nicht sah. Der Wein vor mir blieb unberührt. Ich wusste nicht, was Johannes als Nächstes sagen würde, aber zum ersten Mal an diesem Abend wartete ich darauf, dass er die Richtung vorgab.

Er lächelte mich an, als hätte mein Nein nichts Endgültiges bedeutet. „Denk in Ruhe darüber nach“, sagte er leise. Ich spürte, wie der Druck des Moments wieder zunahm, obwohl niemand im Raum lauter wurde. Noch immer zögerte ich. Meine Hände lagen reglos auf meinem Schoß, und ich merkte, wie schwer es war, zwischen Angst, Neugier und dem Wunsch, die Kontrolle zu behalten, eine klare Entscheidung zu treffen. Schließlich schüttelte ich den Kopf, langsam, aber bestimmt. „Nein“, sagte ich erneut. „Nicht so.“

Johannes betrachtete mich lange. Sein Lächeln wurde schmaler, verschwand aber nicht ganz. Für einen Augenblick fürchtete ich, er würde widersprechen oder mich weiter bedrängen. Stattdessen nahm er nur sein Glas, trank einen kleinen Schluck und stellte es wieder ab. „Du lernst schnell“, sagte er. Ich wusste nicht, ob das Lob, Warnung oder etwas dazwischen sein sollte.

Ich war erleichtert und gleichzeitig erschöpft. Mein Nein hatte die Situation nicht aufgelöst, aber es hatte sie verändert. Zum ersten Mal an diesem Abend begriff ich, dass Johannes zwar versuchte, den Rahmen zu bestimmen, ich aber nicht gezwungen war, ihn wortlos anzunehmen. Dieser Gedanke war klein, kaum mehr als ein Funke, doch ich hielt mich daran fest.

Und genau deshalb tat ich schließlich etwas anderes: Ich richtete mich auf und atmete tief durch. Meine Finger lösten sich fassen den Stoff meines Oberteils und zieh es langsam aus. Johannes beobachtete mich schweigend. Sein Blick war aufmerksam, fast zufrieden, als hätte er jede meiner Bewegungen erwartet. Dann reichte er mir eine Tüte. „Hier“, sagte er leise. „Zieh das an. Es passt besser zu dir.“ Ich öffnete die Tüte und sah eine weiße, leicht transparente Bluse darin liegen. Der Stoff war fein, kühl und beinahe schwerelos. Zögernd nahm ich sie heraus. Sie wirkte elegant, aber auch fremd, als gehöre sie zu einer Version von mir, die ich noch nicht kannte. Ich sah Johannes an, dann wieder auf die Bluse. Schließlich zog ich sie an, strich den Stoff glatt und sagte leise: „Danke.“

Johannes stand auf, als wäre damit alles gesagt. „Komm“, sagte er. „Ich bringe dich nach Hause.“ Seine Stimme ließ keinen Widerspruch erwarten, aber diesmal war sie weniger scharf. Ich nahm meine Tasche, warf einen letzten Blick auf die leere Theke und folgte ihm hinaus. Draußen war die Luft kühl, und der Himmel über Berlin begann bereits heller zu werden. Während wir zum Wagen gingen, spürte ich die Reifen an meinen Handgelenken und Knöcheln bei jedem Schritt. Im Auto sprachen wir kaum. Die Stadt glitt schweigend an den Fenstern vorbei, und ich fragte mich, ob ich gerade eine Grenze verteidigt oder bereits eine neue überschritten hatte.

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