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Kein Entkommen

Chapter 33 by Levantin Levantin

Der Mittwochmorgen begann mit demselben bleiernen Druck in der Magengegend, der mich schon die ganze Woche begleitete.

Jeder Schritt über den Schulflur war ein Balanceakt. Der Harzkäfig saß zwar fest, doch der Gedanke, dass eine unbedachte Bewegung die starre Kontur unter dem Stoff meiner Hose verraten könnte, trieb mir immer wieder den Schweiß auf die Stirn. Vor allem, weil ich wusste, dass Emma irgendwo im Gebäude war – und dass sie jede Schwäche sofort gegen mich verwenden würde.

In der großen Pause nach der vierten Stunde gab es kein Entkommen mehr.

Ich saß auf einer abgelegenen Holzbank am Rand des Schulhofs, den Rucksack zwischen den Knöcheln, und überflog die Notizen für die nächste Stunde. Der süßliche Rosenduft kündigte sie an, noch bevor ein Schritt zu hören war.

Emma blieb vor mir stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, eine schwere College-Mappe unter den Arm geklemmt. Mit einem kühlen Lächeln ließ sie sich neben mich fallen – viel zu nah. Ihre Schulter berührte fast die meine. Ich rutschte reflexartig ein paar Zentimeter zur Seite und legte die Hände auf meine Oberschenkel, um den Stoff der Hose straff zu halten.

„Die Mathe-Aufgaben waren fehlerfrei“, begann sie leise, sodass der Lärm um uns herum ihre Worte schluckte. Sie schlug die Mappe auf, warf mir einen Stapel Blätter auf die Knie und musterte mich herablassend. „Herr Weber hat mich drangenommen, volle Punktzahl. Wenigstens zu etwas bist du zu gebrauchen.“

„Gern geschehen“, murmelte ich mit trockener Kehle. „Dann haben wir das ja geklärt.“

„Geklärt?“ Sie lachte spitz auf, griff in ihre Umhängetasche und zog einen kleinen, unauffälligen Gegenstand hervor. Es war ein kleiner, mattschwarzer Holzwürfel mit einer eingravierten Ziffer auf der Oberseite – sah aus wie ein schlichter Deko-Kalender oder eine Mini-Uhr fürs Regal. Sie drehte den Klotz lässig zwischen den Fingern und hielt ihn mir direkt vor die Nase.

„Weißt du, was das ist, John?“, fragte sie leise.

Ich runzelte die Stirn, starrte auf das unscheinbare Ding und schüttelte den Kopf. „Ein Briefbeschwerer? Keine Ahnung, Emma.“

„Fast.“ Ihr Lächeln wurde eine Spur breiter, giftiger. Sie drehte den Würfel um und tippte mit ihrem Fingernagel auf eine winzige, kaum stecknadelkopfgroße Öffnung an der dunklen Vorderseite, die im Schatten des Holzes fast unsichtbar war. „Tierbeobachtung. Meine Mom hat zwei davon im Wohnzimmer aufgestellt, um zu sehen, was die Katzen treiben, wenn wir weg sind. Bewegungssensor. Weitwinkel. Ziemlich scharfes Bild.“

Mein Magen sackte mit einem Schlag ins Bodenlose. Das Blut wich aus meinem Gesicht, und mein Atem stockte.

„Der stand die ganze Zeit auf dem Sideboard, schräg gegenüber vom Esstisch“, fuhr sie flüsternd fort, ihre Augen fixierten meine weiten Pupillen gnadenlos. „Cleo saß direkt daneben und ist genau in dem Moment aufgeschreckt, als du aufgesprungen bist – das hat die Aufnahme ausgelöst. Kein Ton, und das Licht war nicht optimal… aber man erkennt alles. Wie ich meine Hand auf deine Hose gelegt habe. Wie du gekrampft hast wie ein verschrecktes Reh. Und… den riesigen, nassen Fleck vorne auf deiner hellen Jeans, bevor du panisch zur Tür rausgerannt bist.“

Sie steckte den Würfel seelenruhig zurück in ihre Tasche, holte ihr Smartphone heraus und tippte kurz auf das Display, bevor sie es mir für zwei Sekunden hinhielt. Das Standbild zeigte mich, gekrümmt, mit aufgerissenen Augen und der unübersehbaren, dunklen Verfärbung im Schritt. Ein Klick, und der Bildschirm wurde wieder schwarz.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du mit ein paar Integralen davonkommst?“, flüsterte sie, beugte sich näher zu mir und tippte mit einem lackierten Nagel gegen meinen Oberschenkel. Die Streben des Käfigs schnitten bei meiner unwillkürlichen Anspannung dumpf ins Fleisch. „Der Geschichts-Aufsatz für nächste Woche. Sechs Seiten Quellenanalyse zur Weimarer Republik. Ich will den ersten Entwurf am Freitag. Auf meinem Tisch.“

„Freitag?!“, brachte ich heiser heraus. Meine Hände zitterten leicht. „Ich habe selber zwei Klausuren, Emma. Das schaffe ich unmöglich—"

„Dann machst du eine Nachtschicht“, unterbrach sie mich eiskalt. „Oder soll ich den Clip mal in die Stufengruppe stellen? Mal sehen, wie Timo und die Jungs darauf reagieren, wenn sie sehen, wie schnell du die Beherrschung verlierst. Ich bin sicher, die fänden das wahnsinnig unterhaltsam.“

Die Falle war endgültig zugeschnappt. Kein Spielraum mehr, keine Ausflucht über Zeugenaussagen. Das Video war der totale Ruin.

„Nein… bitte nicht“, presste ich hervor, den Blick starr auf den Boden gerichtet.

Emma lächelte zufrieden, strich ihren Rock glatt und stand auf.

„Freitag, John. Und wag es nicht, mich zu enttäuschen.“

Sie ging mit federnden Schritten davon, während ich auf der Bank saß, den Kopf dröhnend vor Panik. Zu Hause hielt Loona den Schlüssel zu meinem Körper in der Hand – und in der Schule besaß Emma die Aufnahme, die mein ganzes Leben zerstören konnte.

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