What's next?
Paul's Bierkeller fünf
Auch Karten ziehen. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so etwas gemacht hatte. Irgendwie wirkte es schon etwas kindisch – dieses simple „Wer die höhere Karte zieht, darf fragen“ – aber gut. Wenn es um exotische Fragestellungen gehen sollte, dann bitte. Ich saß ungefähr einen Meter von dem Opa entfernt, mit dem das Spiel starten sollte. Die anderen beiden saßen an der gegenüberliegenden Seite des Tisches, sodass zwischen mir und meinem Gegner nichts lag außer diesem einen Meter leerer Tischplatte. Wir hatten uns also gut im Blick – von Kopf bis Fuß sozusagen. Der Wirt hinter der Theke und die beiden Herren, die dort schon die ganze Zeit standen, verfolgten genau, was sich hier abspielte. Ihre Blicke lagen schwer auf uns.
Der alte Mann, der die Karten mischte, fächerte sie schließlich auf und hielt sie mir hin. Die Karten rauschten leise durcheinander, als er sie ausbreitete. Ich zog und schaute, was ich hatte. Eine Acht. Na ja, dachte ich mir, die erste Runde geht vermutlich an ihn. Und jener zog eine Zehn. Er grinste breit, die Falten um seine Augen vertieften sich, und fragte ohne Umschweife:
„Die Klamotten trägst du doch nur, weil du andere Männer anmachen willst und nicht für deinen Freund.“
Ich wunderte mich etwas, dass es sofort so konkret und intim wurde. Kein Aufwärmen, kein sanftes Herantasten – direkt zur Sache. Aber ich dachte mir dann, dass es gut so war. Dann konnte ich auch direkt zur Sache kommen, wenn ich selbst eine Frage stellen durfte. Ich zögerte einen Moment mit der Antwort. Zumal ich das Outfit ja nicht wirklich aus dem Grund anhatte, den ich hier in der Kneipe zuvor behauptet hatte. Aber wenn es so wäre … ja, dann wollte ich auf jeden Fall die Blicke anderer Männer. Also hatte er irgendwie recht. Ich spürte, wie mein Puls etwas schneller wurde, und sagte schließlich, die Stimme ruhiger, als ich mich fühlte:
„Stimmt.“
Er grinste noch breiter und wollte gerade die nächste Frage stellen, als ich ihn unterbrach:
„Erst eine Karte ziehen.“
Schließlich wollte ich ja auch Fragen stellen. Ich zog eine Neun, er einen König – natürlich, und wieder dieses selbstgefällige Grinsen.
„Was hält dein Freund davon?“
„Na ja … das muss er ja nicht wissen“, antwortete ich. Er grinste, als hätte er genau das erwartet.
Ich zog eine Sieben, er ein Ass.
„Dem Fräulein gefällt es also, sich Männern zu zeigen.“
Ich dachte kurz nach, ob ich die Antwort verweigern sollte. Aber ich hatte mich auf das Spiel eingelassen und wollte nicht kneifen. Also antwortete ich wahrheitsgemäß, die Worte kamen etwas leiser heraus:
„Ja.“
Ich zog einen Buben, er eine Dame. Langsam wurde ich skeptisch, ob es bei dem Ziehen mit rechten Dingen zuging. Die Karten schienen immer zu seinen Gunsten zu fallen.
„Und sich zu zeigen macht das junge Fötzchen bestimmt nass.“
Ok. Ich hatte eine Ahnung, worauf das hinauslaufen sollte. Und ja – er hatte recht. Ich spürte meine nasse Fotze nur zu gut. Das Spiel machte mich seltsamerweise auch irgendwie an. Die Spannung, die Blicke, die direkten Fragen … es war aufregend und unangenehm zugleich. „Ja“, war meine Antwort. Ich hörte, wie meine Stimme etwas heiser klang.
Ich zog einen König. Endlich. Ich freute mich eigentlich auch mal, eine Frage stellen zu dürfen – aber er zog ein Ass. Wieder. Sein Grinsen wurde breiter.
„Geht der Reißverschluss wirklich durch bis zum Arsch?“
Mit so einer vergleichsweise harmlosen Frage hatte ich jetzt nicht gerechnet. Irgendwie war sie fast … technisch. Ich antwortete entspannt, fast erleichtert:
„Ja.“
Ich zog eine Neun, er eine Zehn.
„Kannst du das beweisen?“
Mir war klar, dass er wollte, dass ich den Reißverschluss öffnete. Ich schaute ihn an und fragte zurück, die Stirn leicht gerunzelt:
„Wieso? Ich dachte, es geht hier um Fragen und Antworten.“
Er grinste, lehnte sich ein Stück vor und meinte:
„Ich dachte, wir machen das etwas spannender.“
Ich schaute ihn ernst an.
„Ach, einfach so? Na ja … ich würde mich ja vielleicht drauf einlassen – aber nicht mit diesen manipulierten Karten.“
Er setzte ein unschuldiges Gesicht auf, die Augen weit und ahnungslos.
„Die Karten sind ganz normal.“
„Klar“, sagte ich, „darum bekomme ich auch keinen Stich und verliere immer.“
Er blieb ganz ruhig, die Stimme fast sanft:
„Dann nehmen wir ein neues Spiel.“
Ich hatte keine Ahnung, ob ich mich mit diesen Opas auf so etwas einlassen sollte. Aber irgendwie war der Spieltrieb in mir geweckt. Und ich fand die Idee schon witzig – den alten Männern Anweisungen zu geben, sie ein bisschen tanzen zu lassen. Also ließ ich mich darauf ein.
Schon wurde ein neues Spiel ausgepackt. Ich konnte sehen, wie die Folie entfernt wurde, das frische Kartenspiel gemischt. Die Karten knisterten neu und unbenutzt. So fühlte ich mich sicherer – auch mal zu gewinnen. Die Karten wurden wieder aufgefächert und wir konnten ziehen.
Heute weiß ich, dass es Kartenspiele gibt, die vorbereitet sind, sodass man mit Geschick steuern kann, welche Karte gezogen wird. Das wusste ich damals nicht. Und ich verrate euch schon mal: Ich habe kein einziges Mal gewonnen.
Also lasse ich das mit dem Kartenziehen ab jetzt mal aus der Erzählung raus und sage euch, wie es weiterging, ohne immer zu erwähnen, was ich und dann er gezogen hat.
Und so kam die Aufforderung – ruhig, beinahe beiläufig, aber mit einem Unterton, der keinen Widerspruch duldete:
„Dann beweis das mal mit dem Reißverschluss.“
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