Was antworte ich Jamal?
Das Gedankenkarussell sagt Ja.
Ich wache auf, bevor der Wecker klingelt. Das Licht im Van ist noch gedämpft, die Vorhänge halten die Morgensonne größtenteils draußen. Mein Körper fühlt sich anders an als noch vor einer Woche – glatter, empfindlicher, irgendwie wacher. Der Brazilian und die ständige knappe Kleidung haben etwas mit mir gemacht. Ich liege auf dem Rücken, starre an die Decke und denke an die Nachricht von gestern Nacht.
Jamal will ein weiteres Video. Mit Maske. Anonym. Gegen Bezahlung. Am liebsten möchte ich ihn anschreien: „Du Arschloch, was denkst du eigentlich wer ich bin?!“, aber ich kann nicht.
Ich drehe mich auf die Seite und greife nach dem Handy. Die Nachricht ist immer noch da. Unbeantwortet. Ich öffne den Chat und scrolle hoch. Das Dickpic. Mein eigenes Foto von der Toilette – Top hochgezogen, Zunge raus, der Blick irgendwo zwischen verwegen und verängstigt. Dann sein Angebot.
Will ich das wirklich?
Ein Teil von mir schreit nein. Das ist ein Porno. Richtig. Beabsichtigt. Nicht mehr nur eine betrunkene Nacht, die aus dem Ruder gelaufen ist. Das wäre eine bewusste Entscheidung. Selbst wenn niemand mein Gesicht sieht – ich würde es wissen. Ich würde mich selbst dabei sehen, wie ich wieder auf die Knie gehe, wie ich würge, wie ich mich benutzen lasse. Die Scham von gestern sitzt noch in meinem Bauch. Die Angst, erkannt zu werden, auch wenn das erste Video gelöscht ist.
Ein anderer Teil von mir… der Teil, der das Foto geschickt hat, der die Kommentare unter dem alten Video gelesen und nicht sofort weggeklickt hat… der Teil ist neugierig. Anonym. Maske. Geld. Kein Gesicht. Nur Körper. Nur die Handlung. Die Kontrolle, die er mir anbietet, klingt verführerisch. Und ehrlich: Das Trinkgeld von gestern war mehr als gut, aber mit dem Geld, das er mir bietet könnte ich meine Ersparnisse weiter aufstocken und länger reisen.
Ich lege das Handy weg und stehe auf. Dusche. Der Wasserdruck im Van ist immer noch schwach, aber es reicht. Ich ziehe einen der grellen Tangas an – heute den roten – und darüber eine der kurzen Shorts und ein Crop-Top. Frühstück ist Toast und Kaffee. Ich sitze auf der Matratze und starre wieder auf den Bildschirm.
Gegen zehn vibriert das Handy.
Jamal: „Guten Morgen, kleine Deutsche. Hast du über mein Angebot nachgedacht?“
Ich starre auf die Nachricht. Die Unsicherheit frisst an mir. Trotzdem tippe ich.
Jette: „Ich weiß nicht. Es ist… viel.“
Jamal: „Zu viel? Oder genau richtig? Du hast gestern ziemlich mutig ein Bild geschickt. Zunge raus, Titten frei. Sei ehrlich zu dir. Du genießt es doch und sag mir nicht, dass dich der Gedanke nicht geil macht.“
Mein Herz schlägt schneller. Ich antworte nicht sofort. Stattdessen gehe ich raus und setze mich auf die kleine Stufe vor dem Van. Die Werkstatt ist noch ruhig. Mick ist nirgendwo zu sehen.
Jamal: „Soll ich dir zeigen, was ich mir vorstelle?“
Ein weiteres Bild. Diesmal ist es kein Dickpic, sondern ein Screenshot oder eine Collage – eine Frau mit schwarzer Maske, kniend, von hinten und von der Seite, der Fokus klar auf Mund und Körper. Anonym. Deutlich.
Jamal: „So. Dein Gesicht bleibt verborgen. Du kannst sogar eine Perücke tragen, wenn du willst. Ich zahl 400 für eine Stunde. Mehr, wenn du dich richtig reinlegst. Und du behältst die Dateien. Kein Upload ohne deine Zustimmung diesmal.“
400 Dollar. Für eine Stunde. Das ist mehr als mein gesamtes Trinkgeld von gestern. Ich beiße mir auf die Unterlippe.
Jette: „Und wenn ich mittendrin aufhören will?„
Jamal: „Dann hörst du auf. Ich zwing niemanden. Aber ich glaube nicht, dass du aufhören willst, sobald es losgeht. Du hast schon einmal gewürgt und bist nass geworden. Ich hab’s gesehen.“
Die Direktheit trifft mich. Ich werde rot, obwohl niemand da ist. Trotzdem antworte ich.
Jette: „Du bist ein Arsch.“
Jamal: „Ein Arsch, dem du gestern ein Bild von deinen kleinen Titten geschickt hast. Sei ehrlich. Hat es dich angeekelt? Oder hast du danach die Beine zusammengedrückt?“
Ich schließe die Augen. Die Wahrheit ist unangenehm. Es hat mich nicht angeekelt. Es hat mich erregt. Genau wie die Kommentare unter dem ersten Video. Genau wie die Blicke im Club. Genau wie Liz’ Zunge in meinem Mund, während noch Sperma darauf war.
Jette: „…Es hat mich nicht angeekelt.“
Jamal: „Gutes Mädchen. Denk weiter nach. Ich warte.“
Ich lege das Handy weg und gehe zurück in den Van. Die Unsicherheit bleibt. Will ich wirklich einen Porno drehen? Auch anonym? Die Frage kreist in meinem Kopf, während ich die Zeit bis zum Nachmittag totschlage. Ich räume den Van auf, checke den Wasserstand, schaue mir die Karte an und überlege, wann ich Sydney verlassen könnte. Doch die Gedanken kehren immer wieder zu Jamal und dem Angebot zurück.
Gegen halb eins klopft Liz. Sie kommt rein, setzt sich auf die Matratze und mustert mich. „Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht nicht geschlafen. Club-Kater oder Gedanken-Kater?“
Ich zögere, dann hole ich tief Luft. „Jamal hat geschrieben. Er will noch ein Video. Mit Maske. Anonym. Er zahlt.“
Liz hebt eine Augenbraue. „Ach so. Der Typ von der Hotel-Nacht.“ Sie lehnt sich zurück. „Und? Überlegst du es dir?“
„Ich weiß nicht. Ein Teil von mir findet es krank. Ein anderer…“ Ich breche ab. Liz wartet. „Ein anderer Teil will wissen, wie es sich anfühlt, wenn niemand mein Gesicht sieht. Wenn es nur der Körper ist. Und das Geld… wäre nicht schlecht.“
Liz nickt langsam. „Ich kenn das. Die Mischung aus Scham und Neugier. Pass auf: Ich hab eine Bekannte, Maya. Die macht OnlyFans. Angefangen hat sie aus ähnlichen Gründen – Geld, Anonymität, Kontrolle. Am Anfang nur mit Maske und ohne Gesicht. Später hat sie sich getraut, mehr zu zeigen. Sie verdient inzwischen richtig gut. Mehr als in jeder Bar. Aber es verändert einen. Du fängst an, deinen Körper anders zu sehen. Als Produkt. Als Content. Manche kommen damit klar. Andere nicht.“
Ich schlucke. „OnlyFans… das hab ich noch nie ernsthaft in Betracht gezogen.“
„Vielleicht solltest du. Du bist jung, du hast den Body, und du hast schon bewiesen, dass du über deinen Schatten springen kannst. Mit einer Maske und dem richtigen Winkel könntest du anonym bleiben und trotzdem Kohle machen. Oder du machst das eine Video mit Jamal, nimmst das Geld und hörst auf. Oder du lässt es ganz. Aber lüg dich nicht an. Der Teil von dir, der gestern das Bild geschickt hat, der will mehr. Die Frage ist nur, wie weit.“
Wir reden noch eine Weile. Liz drängt nicht. Sie erzählt von Maya – wie die angefangen hat, welche Fehler sie gemacht hat, wie sie die Grenze zwischen „noch okay“ und „zu viel“ gezogen hat. Am Ende fühle ich mich nicht schlauer, aber weniger allein mit den Gedanken.
Als Liz geht, sitze ich wieder mit dem Handy da. Die Unsicherheit ist immer noch da. Aber sie hat sich verschoben. Ich tippe.
Jette: „400 ist okay. Maske. Kein Gesicht. Ich will die Dateien danach. Und wenn ich Stopp sage, ist Stopp.“
Die Antwort kommt fast sofort.
Jamal: „Gutes Mädchen. Wann?“
Jette: „Nicht heute. Ich muss arbeiten. Schreib mir morgen.“
Jamal: „Ich warte. Und Jette… Ich freue mich auf das was deine Zunge kann.“
Ich lege das Handy weg. Das Herz hämmert. Ich habe ja gesagt. Nicht endgültig, nicht mit Datum – aber ich habe die Tür geöffnet.
Der zweite Arbeitstag beginnt anders als der erste. Ich bin vorbereitet. Liz hilft mir wieder beim Styling, diesmal schneller. Der gleiche silber-schwarze Bikini, die Heels, das Make-up etwas kräftiger. „Du wirkst heute entschlossener“, bemerkt sie. Ich sage nichts dazu.
Im Club ist es wieder voll. Sarah nickt mir zu, als ich komme. „Gestern warst du gut. Heute kannst du etwas mehr Verantwortung übernehmen – die VIP-Lounges mit bedienen.“
Die Schicht läuft intensiver. Die Gäste sind direkter. Ein älterer Mann mit teurer Uhr lässt absichtlich einen Schein fallen, damit ich mich bücken muss. Ein anderer bestellt mehrere Runden nur bei mir und fragt, ob ich nach der Schicht noch Zeit hätte. Ich lächle, lehne höflich ab und stecke das Trinkgeld ein. Die Stripperinnen mustern mich manchmal. Eine mit besonders auffälligen Implantaten und einem großen Rücken-Tattoo kommt in der Pause zu mir. „Du bist neu, oder? Die kleine Deutsche. Die Jungs reden schon über dich.“ Es klingt nicht unfreundlich, eher feststellend.
Ich beobachte sie genauer als gestern. Die Art, wie sie ihren Körper einsetzen, die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich anfassen lassen, die künstliche Perfektion. Etwas in mir vergleicht. Meine kleinen Brüste gegen ihre prallen. Meinen sportlichen, eher androgynen Po gegen ihre runden, geformten. Meine glatte, ungepiercte Haut gegen die vielen Metallstücke und Tinten. Ein Teil von mir denkt: So sehe ich nie aus. Ein anderer Teil denkt: Vielleicht will ich das auch nicht. Und ein dritter, stiller Teil fragt: Was wäre, wenn ich mich ein Stück weit in diese Richtung verändere? Nicht sofort. Nicht alles. Aber ein Piercing? Mehr Make-up? Bewusstere Bewegungen?
Während einer Pause auf der Toilette checke ich das Handy. Jamal hat geschrieben.
Jamal: „Denk an die Maske. Denk an meinen Schwanz in deinem Hals. Denk daran, wie du gewürgt hast und trotzdem weitergemacht hast.“
Ich antworte dieses Mal schneller.
Jette: „Ich denke dran. Hör auf, mich abzulenken. Ich arbeite.“
Jamal: „Ablenken ist der Sinn. Schick mir noch eins. Diesmal von unten. Höschen zur Seite.“
Ich zögere. Dann, mit klopfendem Herzen, mache ich genau das. Das Bild ist unscharf, aufgenommen in der engen Kabine, aber eindeutig. Ich schicke es, bevor ich es mir anders überlegen kann.
Jamal: „Perfekt. Du lernst schnell.“
Der Rest der Schicht vergeht in einem Rausch aus Musik, Tabletts, Blicken und wachsendem Trinkgeld. Am Ende habe ich über 320 Dollar. Sarah ist zufrieden. „Du kommst an. Bleib so.“
Zurück im Van dusche ich ausgiebig. Die heiße Dusche wäscht den Schweiß und den Geruch des Clubs ab, aber nicht die Gedanken. Ich setze mich auf die Matratze, das Handtuch um den Körper, und öffne den Chat mit Jamal.
Jette: „Morgen. Nach meiner Schicht. Sag mir wann und wo.“
Die Antwort kommt innerhalb von Sekunden.
Jamal: „Gutes Mädchen. Ich schick dir die Adresse. Maske bring ich mit.“
Ich lege das Handy beiseite und starre an die Decke. Die Entscheidung ist gefallen. Zumindest für dieses eine Video. Anonym. Bezahlt. Mit Maske.
Die Unsicherheit ist nicht weg. Aber sie hat sich in etwas anderes verwandelt – eine nervöse, unruhige Vorfreude, gemischt mit Scham und dem Gefühl, dass ich gerade eine Grenze überschreite, die ich nicht mehr so leicht zurücknehmen kann.
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