What's next?
Ping
Das grelle Blaulicht des Displays durchbrach die Dämmerung des Zimmers, und ihr Herz machte einen Satz, als sie Lukas' Namen auf dem Bildschirm sah.
Sie griff nach dem Telefon, ihre Finger waren feucht und zitterten ein wenig. Der WhatsApp-Chat öffnete sich, und die Nachrichten prangten ihr entgegen, groß und unausweichlich:
Betty starrte auf den Bildschirm. Sie konnte seine Panik fast hören, die verzweifelte Hast in seinen Fingern, die diese Worte getippt hatten. Ihr Magen zog sich zusammen, und für einen Moment fühlte sie sich, als würde der Boden unter ihr nachgeben. Es war schon so weit. Die Mädchen waren da. Nackt. Und die Jungs losten aus, wer mit wem schlafen musste.
Losen. Wie Tiere auf dem Markt. Wie Chantal gesagt hatte.
Ihre Gedanken rasten. Sie stellte sich Lukas in dem vollgestopften Jungszimmer vor, umgeben von den anderen – Johannes mit seinem selbstbewussten Grinsen, Daniel mit seinem durchdringenden Blick, Max, der sich immer anpasste. Und dann die Mädchen: Elvira, die wahrscheinlich schon laut kicherte, Sabine, die nervös an ihren Haaren zupfte. Sie alle würden gleich erfahren, wer an der Reihe war.
Und Lukas hatte Angst. Angst, gezogen zu werden. Angst, entlarvt zu werden.
Betty atmete tief ein. Ihre Finger bewegten sich fast von allein über die Tastatur. Sie musste ihn beruhigen. Irgendwie. Sie musste ihm einen Ausweg zeigen, ohne dass es offensichtlich war. Ihre Antwort sollte fest klingen, entschlossen, als wüsste sie genau, was sie tat – auch wenn ihr Herz so laut schlug, dass sie dachte, es könnte das ganze Zimmer damit füllen.
Betty drückte auf Senden und ließ das Handy auf das Bett fallen, als hätte es sie verbrannt. Ihr eigener Satz hallte in ihrem Kopf nach, und sie fragte sich, woher diese Worte gekommen waren. Sie klangen nicht wie sie. Sie klangen kalt, fast abgebrüht – so, wie Chantal manchmal klang, wenn sie über die Jungs redete. Aber es war das Einzige, was ihr eingefallen war.
Leck sie bis zum Orgasmus. Das war eine pragmatische Lösung für ein Problem, das keine einfache Lösung hatte. Wenn Lukas ein Mädchen zugeteilt bekam, konnte er es nicht auf die normale Weise tun. Aber er konnte es anders machen. Mit seiner Zunge, seinen Fingern, all den Dingen, die er bei Betty gelernt hatte.
Ein Schauer durchlief sie bei dem Gedanken. Sie stellte sich vor, wie Lukas' Zunge über ihre Haut wanderte, wie er ihre Brustwarzen umkreiste, wie er tiefer glitt, zwischen ihre Beine, und sie mit einer Geduld und Hingabe liebte, die sie bei keinem anderen Jungen je vermutet hätte. Seine Zunge war weich und geschickt, und er wusste genau, wann er schneller werden musste, wann er ihre Schenkel fester packen sollte, wann er ihren Namen gegen ihre feuchte Haut flüstern musste, um sie zum Höhepunkt zu bringen.
Wenn er das Mädchen befriedigte, wenn er sie zum Höhepunkt brachte, würde vielleicht niemand merken, dass er nie wirklich in sie eingedrungen war. Vielleicht würde es als Spielerei abgetan werden, als etwas Besonderes, nicht als etwas, das fehlte.
Und wenn das nicht reicht, überlasse sie einfach jemand anderes. Das war die Notlösung. Wenn das Mädchen mehr wollte, wenn sie verwirrt war oder enttäuscht oder wütend, dann sollte Lukas einfach abblocken. Sagen, er sei müde, oder er wolle sie nicht, oder er habe sich ein anderes Mädchen vorgestellt. Es würde ihn zum Weichei machen, ja, aber es würde sein Geheimnis bewahren.
Betty presste die Handflächen gegen ihre Augen. Sie fühlte sich schmutzig. Nicht weil sie ihm geraten hatte, ein Mädchen zu lecken – das war etwas, das sie selbst mit ihm geteilt hatte, etwas Intimes, das sie für sich behalten wollte. Aber sie hatte es in einen Rettungsplan verwandelt. Sie hatte seine Zärtlichkeit, seine Sanftheit, seine Fähigkeit, sie zu berühren, als wäre sie etwas Kostbares – sie hatte all das in ein Werkzeug verwandelt, um sein Geheimnis zu schützen.
Was bin ich nur für eine Freundin?, dachte sie. Oder bin ich überhaupt seine Freundin?
Sie griff wieder nach dem Handy. Keine Antwort von Lukas. Der Bildschirm war dunkel, still. Betty starrte auf das schwarze Glas, als könnte sie durch die Technik hindurchsehen, in den Raum, in dem er gerade saß.
Betty riss die Augen auf. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Chantal? Aber sie hatte doch gesagt, sie würde nicht hingehen. Sie hatte gesagt, sie würde duschen gehen.
Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie konnte Chantal förmlich vor sich sehen – ihre scharfen Augen, ihre energischen Bewegungen, wie sie die Jungs beschimpfte und ihnen ihre Meinung geigte.
Noch eine Nachricht.
Betty starrte auf den Bildschirm. Schadenfreude durchfluteten sie. Chantal – die stolze, unnahbare Chantal, die immer so tat, als wäre sie über all dem erhaben – musste sich selbst befriedigen. Vor Johannes. Vor allen anderen. Das konnte Betty sich so gar nicht vorstellen.
Die Antwort kam sofort.
Betty spürte, wie ihre Finger zitterten. Sie dachte an Chantal – die Stark, die Unbeugsame – jetzt nackt und gezwungen, vor allen zu tun, was Johannes ihr befahl. Es war ein Bild, das sie nicht losließ. Chantal mit ihrem scharfen Blick und ihrer schneidenden Stimme.
Und während Betty über die Demütigung nachdachte, spürte sie etwas anderes in sich: die Angst, etwas zu verpassen. Genau in diesem Moment kam die Nachricht
Sie las die Nachricht zweimal. Dreimal. Konnte er ihre Gedanken lesen?
Ihr Verstand begann zu rechnen. Sieben Jungs. Sieben Mädchen, die vielleicht schon da waren. Ein Losverfahren. Die Chance, Lukas zu ziehen, war etwa eins zu sieben – oder eher eins zu vier, wenn sie richtig rechnete.
Aber die anderen drei Viertel der Wahrscheinlichkeit blieben. Die Chance, dass sie einen anderen Jungen zog.
Ihre Gedanken sprangen zwischen den Szenarien hin und her: Lukas' sanfte Hände, die ihren Körper erkundeten, seine Zunge, die sie spüren ließ, dass sie mehr war als nur Fleisch. Und dann die anderen: kalte, fordernde Blicke, die sie wie ein Stück Ware musterten. Wie oft hatte sie sich schon gefragt, wie es wohl wäre, einfach zu nehmen, was sie wollten, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle.
Sie dachte an Chantals Worte: "Du bist mehr wert als das." Aber dann dachte sie an Lukas' grüne Augen, an seine zitternden Hände, an die Art, wie er sie angesehen hatte, als sie ihn auf der Holzbank getröstet hatte. Der Gedanke, dass sie ihn dort allein lassen könnte, während er von den anderen Jungs zermalmt wurde, war unerträglich.
Sie tippte ihre Antwort:
Betty trat noch einmal vor den Spiegel. Sie sah nicht aus wie ein Mädchen, das gleich nackt vor einer Gruppe Jungs stehen würde. Sie sah aus wie ein Mädchen, das einfach nur zu einer Party ging.
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