What's next?
Die Flucht
Der Rückzug wurde zum Überlebenskampf.
Niemand sprach mehr von Formationen oder Verteidigungslinien. Die Männer kämpften dort, wo sie gerade standen, wichen Schritt für Schritt zurück und versuchten lediglich, den Nebenmann nicht aus den Augen zu verlieren.
Darian gehörte längst nicht mehr zu den Kämpfern.
Er gehörte zu denen, die versuchten, am Leben zu bleiben.
Seine Schulter brannte unerträglich. Jeder Schlag ließ den Schmerz bis in den Nacken fahren, und sein linker Arm war kaum noch zu gebrauchen. Das Schwert hielt er fast nur noch mit der rechten Hand.
Vor ihnen erhob sich das Lazarett.
Noch immer standen einige Heiler und Verwundete auf den Stufen. Verletzte wurden gestützt, andere auf Tragen hinausgetragen. Mitglieder des Ordens der Heilerinnen liefen unermüdlich zwischen den Verletzten hin und her.
„Haltet sie auf!“, rief ein Hauptmann.
Die verbliebenen Soldaten stellten sich vor den Eingang.
Darian trat neben einen Speerträger, dessen Helm bereits eine tiefe Delle aufwies.
Dann trafen die Orks auf sie.
Der erste Ansturm war so gewaltig, dass Darian mehrere Schritte zurückgeworfen wurde.
Schilde krachten gegeneinander.
Speere zerbarsten.
Überall schrien Männer.
Die Verteidiger hielten stand.
Für einen Augenblick.
Dann brach die Linie erneut auseinander.
„Zurück!“
Immer wieder derselbe Ruf.
Immer wieder derselbe Schritt nach hinten.
Ein weiterer Soldat fiel.
Dann noch einer.
Ein Hauptmann wurde von einer orkischen Axt getroffen und verschwand zwischen den Angreifern.
Die Reihen der Menschen wurden immer kleiner.
Darian kämpfte sich keuchend rückwärts.
Plötzlich hörte er hinter sich das Splittern von Holz.
Er drehte den Kopf.
Eine Gruppe kleiner Gestalten war durch ein Seitenfenster in das Lazarett geklettert.
Goblins.
Sie waren schneller gewesen als die Verteidiger.
Für einen Herzschlag blieb alles stehen.
Dann drangen Schreie aus dem Inneren des Gebäudes.
Nicht die Rufe kämpfender Soldaten.
Sondern Stimmen, die Darian nur zu gut kannte.
Verwundete.
Heiler.
Frauen.
Männer.
Panik.
Ein Schrei durchschnitt die Nacht.
Dann noch einer.
Darian machte einen unwillkürlichen Schritt auf das Gebäude zu.
„Frida...“
Er konnte sie nicht sehen.
Nur die geöffneten Türen.
Die flackernden Schatten.
Und immer mehr Goblins, die im Inneren verschwanden.
Er hoffte.
Er hoffte, sie hätte rechtzeitig fliehen können.
Dass sie die Verwundeten fortgeführt hatte.
Dass irgendwo hinter dem Lazarett ein geheimer Ausgang existierte.
Doch tief in seinem Inneren wusste er, wie gering diese Hoffnung war.
Frida hätte die Verwundeten niemals allein zurückgelassen.
Sie wäre geblieben.
So wie sie immer geblieben war.
Ein Ork stürmte auf Darian zu.
Instinktiv hob er das Schwert.
Der Hieb traf den Gegner kaum, doch ein anderer Verteidiger stieß ihm einen Speer in den Rücken.
„Zurück!“, schrie jemand.
„Sofort!“
Darian wurde von der Menge mitgerissen.
Schritt für Schritt entfernten sie sich vom Lazarett.
Noch einmal blickte er zurück.
Zwischen den Dächern stiegen erste Rauchschwaden auf.
Die Schreie wurden leiser.
Nicht weil sie verstummten.
Sondern weil die Entfernung größer wurde.
Schließlich verschwand das Gebäude hinter einer Reihe brennender Häuser.
Darian sah es nicht mehr.
Und doch blieb sein Blick noch lange auf die Stelle gerichtet, an der es gestanden hatte.
Die Verteidiger zogen sich weiter zurück.
Aus Hunderten waren Dutzende geworden.
Aus Dutzenden wurden nur noch wenige.
Viele trugen Wunden, manche stützten einander. Kaum einer sprach noch.
Schließlich öffnete sich vor ihnen die Straße.
Der Weißquell.
Der breite Fluss durchschnitt Nordwacht und glänzte selbst im Feuerschein der brennenden Stadt dunkel und kalt. Eine steinerne Brücke führte über das Wasser.
Dort blieb die kleine Schar für einen Augenblick stehen.
Hinter ihnen kamen bereits die Orks näher.
Einer der Soldaten sah auf den Fluss.
Dann begann er wortlos, seinen Brustpanzer abzulegen.
Ein zweiter folgte seinem Beispiel.
Helme fielen klirrend auf das Pflaster.
Kettenhemden wurden abgestreift.
„Was tun sie?“, fragte jemand.
„Wenn wir bleiben, sterben wir.“
Mehr Erklärung brauchte es nicht.
Der erste sprang über das Geländer.
Ein dumpfer Platscher.
Dann ein zweiter.
Ein dritter.
Darian blickte hinunter.
Der Weißquell rauschte tief unter der Brücke vorbei.
Das Wasser war schwarz.
Eiskalt.
Die Strömung stark.
Er hörte hinter sich das Gebrüll der Orks.
Sie waren nur noch wenige Augenblicke entfernt.
Langsam löste Darian die Riemen seines Brustpanzers.
Das Metall fiel schwer auf die Steine.
Er legte den Helm daneben.
Sein Schwert glitt ihm aus der Hand.
Für einen kurzen Moment dachte er an Hagen.
An die Kameraden seiner ersten Bastion.
An Frida.
Dann kletterte er auf das Geländer.
Der kalte Wind strich ihm durchs Haar.
Er schloss die Augen.
Und sprang.
Das Wasser traf ihn wie ein Schlag.
Eisige Kälte nahm ihm augenblicklich den Atem.
Die Strömung packte ihn und riss ihn mit sich.
Er versuchte zu schwimmen.
Doch seine verletzte Schulter gehorchte ihm nicht.
Die Dunkelheit unter der Oberfläche schloss sich über ihm.
Das Rauschen des Weißquells wurde immer ferner.
Und wieder einmal verlor Darian das Bewusstsein.
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