Nordwacht
Oder die Geschichte vom Fall eines Reiches
Es heißt, jede Stadt trage die Spuren ihrer Vergangenheit in ihren Mauern. Manche erzählen von Ruhm, andere von Reichtum. Doch die Mauern Nordwachts erzählen von Krieg.
Vor Jahrhunderten, als das Reich der Menschen auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, war der Norden ein Land der Finsternis. Aus den kalten Tälern des Nebelgebirges strömten Orks, Goblins und zahllose andere Kreaturen herab, plündernd und mordend. Um dem Einhalt zu gebieten, ließ der König eine Festung errichten, größer als alles, was die Menschen bis dahin geschaffen hatten. So entstand Nordwacht – die nördlichste Bastion der Zivilisation.
Ihre Mauern ragten so hoch empor, dass selbst Riesen Mühe gehabt hätten, sie zu überwinden. Türme aus grauem Granit wachten Tag und Nacht über die Ebenen, während mächtige Tore den einzigen sicheren Zugang in den Norden kontrollierten. Tausende Soldaten standen hier Wache, und in den Hallen der Festung hallten die Befehle der Feldherren wider.
Doch Nordwacht war weit mehr als eine Festung.
Mit den Jahren siedelten sich Händler, Schmiede, Handwerker und ihre Familien hinter den schützenden Mauern an. Aus Garnisonen wurden Wohnviertel, aus Kasernen Marktplätze. Kinder spielten dort, wo einst nur Soldaten marschiert waren. Der Klang der Ambosse vermischte sich mit dem Lachen der Menschen, und Karawanen aus allen Teilen des Reiches brachten Waren bis an die Grenze der Wildnis.
Schließlich wagte das Reich sogar einen noch größeren Schritt.
Entlang des Nebelgebirges entstanden weitere mächtige Bastionen. Festungen wie eiserne Nägel, tief in den Norden getrieben, schoben die Grenze der Menschen immer weiter voran. Nordwacht verlor ihren Platz als äußerster Vorposten und wurde zum Herzen einer ganzen Grenzregion. Wohlstand zog ein, und viele glaubten, der Krieg sei endgültig gewonnen.
Doch kein Reich bleibt ewig stark.
Die Könige wechselten, Intrigen vergifteten die Höfe, ferne Kriege verschlangen Soldaten und Gold. Während im Süden prächtige Paläste entstanden, bröckelten im Norden die Mauern. Die Garnisonen wurden kleiner, Versorgungslinien länger und die Hilfe aus der Hauptstadt seltener.
Dann fiel die erste Bastion.
Man sprach von einem unglücklichen Winter, von Verrat oder von einer Armee aus den Tiefen des Nebelgebirges. Niemand wusste die Wahrheit. Sicher war nur, dass ihre Leuchtfeuer eines Nachts erloschen – und nie wieder entzündet wurden.
Es folgte die zweite.
Dann die dritte.
Jahr um Jahr verschwand eine weitere Festung von den Karten der Menschen. Flüchtlinge erreichten Nordwacht mit Geschichten über brennende Mauern, schwarze Banner und Heere aus Orks und Goblins, so zahlreich wie Ameisen. Niemand konnte sie mehr zählen.
Mit jeder verlorenen Bastion rückte der Krieg näher.
Heute ist Nordwacht wieder das, was sie einst gewesen war: die letzte große Wacht des Nordens.
Doch sie ist älter geworden.
Risse ziehen sich durch ihre Mauern. Manche Türme stehen leer, weil nicht mehr genug Soldaten da sind, um sie zu besetzen. Viele Häuser sind verlassen, ihre Bewohner längst in den Süden gezogen. Die Schmieden arbeiten Tag und Nacht, doch Eisen ist knapp geworden. Jeder Pfeil wird aufgehoben, jedes Schwert mehrfach geschärft.
Und draußen sammeln sie sich.
Am Horizont steigen die Rauchschwaden unzähliger Lagerfeuer auf. Kriegshörner hallen durch die Wälder. Kundschafter berichten von Goblinstämmen, die sich vereinen, von Orkkriegsherren, die unter einem Banner marschieren, und von Kreaturen, deren Namen selbst Veteranen nur flüsternd aussprechen.
Die Belagerung hat noch nicht begonnen.
Aber jeder auf den Mauern weiß, dass sie kommen wird.
In den Tavernen spricht niemand mehr vom Sieg. Man spricht davon, wie lange die Vorräte reichen. Schmiede schmieden Schwerter für Männer, die nie zuvor eine Waffe getragen haben. Priester segnen Pfeile, Mütter verabschieden ihre Söhne, und die Kinder lernen schon früh, dass das Hornsignal in der Nacht bedeutet, nicht zu weinen.
Denn fällt Nordwacht, gibt es keine weitere Bastion mehr.
Hinter ihren Mauern liegen nur noch die Städte und Felder des Reiches.
Und so blickt die alte Festung ein letztes Mal dem Nebelgebirge entgegen – schweigend, unbeugsam und entschlossen.
Denn solange Nordwacht steht, lebt die Hoffnung der Menschen.
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