What's next?
Ein Schwachpunkt
Er küsst mich?
Eylem war im ersten Moment wie erstarrt. Sie konnte nicht glauben, was da gerade geschah. Ihr Körper sendete gegensätzliche Gefühle und blockierte sich selbst.
Einerseits wollte sie sich losreißen und den Kerl fertigmachen. Ihre Fäuste ballten sich von allein. Automatisch ging sie ein wenig in die Knie, um sich abzustoßen.
Andererseits lehnte sie sich unbewusst in die Umarmung. Wärme stieg in ihre Wangen und ihr Herz flatterte.
Und ihr Verstand war zu verwirrt, um Ordnung in das Chaos zu bringen.
Als Falk sie losließ, stolperte sie rückwärts. Mit dem Handrücken wischte sie sich über den Mund und tat so, als ob sie ausspuckte. Mehr, um Zeit zu gewinnen, als aus irgendeinem anderen Grund.
Martin Falk drehte sich um, schlenderte zu seinem Schreibtisch und lehnte sich dagegen, die Arme locker verschränkt. Sein Lächeln schwebte zwischen überheblich und belustigt.
Scheißkerl.
"Was erlauben Sie sich?", spie sie ihm entgegen.
Er zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. "Ich hatte den Eindruck, dass sie nichts dagegen hatten."
"Unverschämtheit!"
Eylem biss die Zähne zusammen und schluckte ein paar deftigere Beleidigungen herunter. Sie legte eine Hand an ihr Pistolenholster und machte bedrohlich einen Schritt auf den Mann zu.
Er hob beschwichtigend beide Hände.
"Ich wollte die Situation nur deeskalieren. Es war eine spontane Idee und, wie Sie vielleicht selbst feststellen, hat es funktioniert. Sie schienen wirklich aufgebracht und kurz davor, mich zu schlagen. Ich habe aber kein Interesse daran, mit Ihnen zu kämpfen. Außerdem", er deutete in Richtung ihrer Hand an der Waffe, "bin ich unbewaffnet."
Er will mich provozieren, dachte sie. Und verdammt, er schafft es.
Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie sie auf ihn einprügelte. Wie er unter ihren Schlägen zu Boden ging, sie ihm Handschellen anlegte. Und dann einen Tritt in die...
Scheiße, Scheiße, Scheiße.
Innerlich tobte sie. Äußerlich gab sie sich cool. Falk war zu gerissen, als dass sie ihn auf herkömmliche Art überführen konnte. Es war offensichtlich, dass seine Geschäftsunterlagen frisiert waren. Aber sie hatte nichts in der Hand, um das zu beweisen, nur ihr Bauchgefühl. Das würde dem Staatsanwalt nicht genügen.
Sie sah den dicken Fisch davonschwimmen.
Vielleicht würde er doch noch anbeißen, wenn sie einen Köder auswarf. Sie müsste nur klein anfangen und dann vorsichtig die Angel einholen, bis sie ihn einkeschen konnte.
Sie brauchte nur einen Schwachpunkt, an dem sie ansetzen konnte. Eylem studierte ihr Gegenüber durch zusammengekniffene Augen.
Er war deutlich größer und stärker als sie. Er hatte sie einmal überrumpelt und dachte jetzt bestimmt, dass er sie jederzeit wieder besiegen könnte. Das war ein Fehler, den viele Männer machten, weil sie relativ zierlich aussah.
Sie grinste.
Nicht umsonst hatte sie länger in der Sporthalle geschuftet, als alle anderen Polizeischüler, und sich alle erdenklichen Nahkampfpraktiken und auch etliche schmutzige Tricks beigebracht.
"Alles klar. Keine Waffen."
Betont langsam öffnete sie ihren Gürtel und ließ ihn samt Pistole, Handschellen und Funkgerät zu Boden gleiten. Dann hob sie die Fäuste und setzte die Füße breiter.
"Wenn ich gewinne, verraten Sie mir, was wirklich in den Kisten am Bahnhof war. Okay?"
Er legte den Kopf schief.
"Einverstanden. Und was bekomme ich, wenn ich gewinne?"
"Das werden Sie nicht."
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