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Chapter 2 by Meister U Meister U

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Drei Kilometer

Die Sommerferien waren erst eine Woche alt, als Franziska sich auf ihr Fahrrad schwang und die drei Kilometer ins Nachbardorf trat.

Sie hatte die ganze Woche über gezögert. Den Zettel mit Fredericks Adresse, den Frau Friedrich ihr beim Abschied diskret zugesteckt hatte, zerknüllt und wieder geglättet, zerknüllt und wieder geglättet. Bis er so weich war wie Taschentuchpapier.

"Tut euch zusammen", hallte Frau Friedrichs Stimme in ihr nach. "Macht, was immer dafür nötig ist."

Nötig. Ja. Nötig war es. Die 5 in Mathematik brannte immer noch in ihrem Zeugnis. Die 4-minus in Deutsch. Die 5 in Latein.

Franziska trat in die Pedale, der Wind wehte ihr die Haare ins Gesicht. Die Straße war leer, die Felder brannten goldbraun in der Julisonne. Sie hatte sich den Helm aufgesetzt – nicht weil sie es wollte, sondern weil sie Angst hatte, dumm auszusehen, wenn Frederick sie ohne Helm sah. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, ob er überhaupt auf Helme achtete.

Frederick.

Sie hatte ihn in den zwei Jahren vielleicht zehn Mal angesprochen. Wenn überhaupt. Einmal im Deutschunterricht, als sie einen Stift ausleihen musste. Einmal in der Pause, als sie sich versehentlich am Buffet anstießen. Er war immer so... groß. Und still. Und unsichtbar, genau wie sie.

Als sie vor Fredericks Haus ankam – ein kleines, weißes Haus mit einem verwilderten Vorgarten – zögerte sie. Das Fahrrad klapperte, als sie es gegen den Zaun lehnte. Sie schaute auf ihre Hände. Sie schwitzten.

"Du kannst noch umdrehen", flüsterte sie sich selbst zu. "Du kannst sagen, du hast vergessen, dass du... dass du..." Dass du was? Einen wichtigen Termin hattest? In den Ferien? Um sieben Uhr abends?

Sie drückte die Klingel.

Die Tür öffnete sich, und da stand Frederick. In einer viel zu großen grauen Jogginghose und einem T-Shirt mit einem aufgedruckten Mathe-Formel, das sie nicht entziffern konnte. Seine Haare standen in alle Richtungen ab, und in der Hand hielt er eine halb aufgegessene Scheibe Toast.

"Hey", sagte er. "Du... du bist echt gekommen."

Seine Stimme klang, als ob er es selbst kaum glauben konnte.

"Ja", sagte Franziska. "Ich hab... ja."

Sie standen sich einen Moment lang gegenüber. Keiner wusste, was er sagen sollte. Franziska überlegte, ob sie sich umdrehen und einfach wieder gehen sollte. Vielleicht war das alles eine blöde Idee gewesen. Vielleicht hatte Frau Friedrich sich geirrt. Vielleicht—

"Komm rein", sagte Frederick und trat zur Seite.

Sein Zimmer war klein und chaotisch. Überall lagen Bücher, Zettel, leere Tassen. Der Schreibtisch war zugestellt mit Stiften und Karteikarten. Ein Plakat mit dem Periodensystem hing schief an der Wand, und daneben ein Kalender, auf dem in großen Buchstaben "ABI 2026" stand.

"Wow", sagte Franziska und meinte es nicht böse. "Das sieht aus wie bei mir."

Frederick lachte leise. "Chaos? Ja. Meine Mutter sagt, ich räume nie auf. Aber ich finde alles wieder. Meistens."

Er räumte mit einer Bewegung einen Stapel Bücher vom Stuhl und deutete an. Sie setzte sich. Er setzte sich auf die Bettkante, weil der zweite Stuhl mit Kleidung bedeckt war.

"Also", sagte Franziska. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Mathe? Latein? Deutsch? Alles? Sie hatte eine Tasche voller Bücher mitgebracht, aber jetzt kam es ihr lächerlich vor.

"Frau Friedrich meinte", begann Frederick zögernd, "wir sollen wiederholen, was wir am schlechtesten können. Weil im Abi alles drankommen kann."

"Ja", sagte Franziska. "Das hat sie gesagt."

Sie schwiegen.

Frederick kramte in einem Stapel Papier und zog zwei Karteikarten hervor. "Ich hab schon mal angefangen. Mathe. Bruchrechnung. Das ist bei mir so eine Sache."

Franziska nickte. "Bei mir auch."

"Okay", sagte er. "Dann... dann fangen wir einfach an. Ich frag dich, und dann fragst du mich. So... so wie in der Schule."

"In der Schule fragen mich die Lehrer", sagte Franziska leise. "Und ich kann nie antworten."

"Hier bin ich kein Lehrer", sagte Frederick. Er lächelte schief. "Ich bin auch nur ein Idiot, der nichts kapiert."

Das Lächeln war so entwaffnend, dass Franziska fast lachen musste. "Okay. Frag mich."

Frederick hielt die Karteikarte hoch. "Was ist fünf Achtel plus drei Viertel?"

Franziska starrte auf die Karte. Fünf Achtel. Drei Viertel. Sie sah die Zahlen vor sich, aber sie weigerten sich, sich zu einem sinnvollen Ganzen zu fügen. Sie hätte den gemeinsamen Nenner finden müssen. Achtel. Viertel. Vier ist die Hälfte von acht. Also... also...

"Fünf Achtel plus... sechs Achtel?", fragte sie zögerlich.

"Ja!", sagte Frederick überrascht. "Genau! Und das ist dann?"

"Elf Achtel", sagte sie schnell. Das war einfach.

"Perfekt", sagte er.

Sie lächelte. Es war ein kleines Lächeln. Aber es war da.

Eine halbe Stunde später hatten sie fünf Aufgaben durchgerechnet. Franziska hatte zwei falsch, drei richtig. Frederick hatte vier richtig, einen falsch. Es ging. Es war nicht großartig, aber es ging.

"Ok, meine Runde", sagte Franziska und suchte in ihrer Tasche nach den Deutsch-Karteikarten, die sie vorbereitet hatte. "Stilmittel. Was ist eine Metapher?"

Frederick runzelte die Stirn. "Äh... ein Vergleich ohne 'wie'? Also... 'Der Himmel weint' oder so?"

"Ja, genau", sagte sie. "Und eine Alliteration?"

"Gleich... gleiche Anfangsbuchstaben? 'Müller mag Marmelade'?"

"Genau", sagte Franziska. Sie war überrascht, wie gut er das konnte. Er war nicht dumm. Er war nur... wie sie.

Sie wechselten sich ab. Mathematik, Deutsch, Latein. Die Vokabeln klebten nicht, aber Frederick hatte eine seltsame Art, sie mit Bildern zu verbinden, die Franziska halfen. "Amo, amas, amat – das klingt wie 'Amo, Amas, du Amateur'", sagte er, und sie musste so lachen, dass sie fast von Stuhl fiel.

"Ich liebe, du liebst, er liebt", wiederholte sie. "Amo, amas, amat. Das merke ich mir jetzt für immer."

Sie lachten beide. Es fühlte sich gut an. Leicht. Fast normal.

Dann kam die Frage.

"Was ist ein Hypotenusenquadrat?", fragte Frederick. Er hatte die Karteikarte mit dem Mathebegriff in der Hand, ein verschmitztes Grinsen im Gesicht.

Franziska starrte ihn an. Hypotenusenquadrat. Das war doch... das war doch... Sie hatte es gelernt. In der neunten Klasse. Oder zehnten. Es war der Satz des Pythagoras. Irgendwie. Irgendwas mit Quadraten. Und Hypotenuse. Das war die längste Seite im rechtwinkligen Dreieck. Und das Quadrat darüber war genauso groß wie die Quadrate über den anderen beiden Seiten zusammen. Oder so.

"Das ist... das ist...", begann sie.

Nichts.

Das Bild war weg. Die Formel war weg. Alles war weg.

"Das ist... äh..."

Sie schaute auf die Karteikarte. Der Buchstabe "c" stand da. Irgendwo. Und ein hochgestelltes "2".

"Ich... ich weiß es nicht", sagte sie leise.

"Ok, nochmal", sagte Frederick. "Was ist ein Hypotenusenquadrat?"

Sie biss sich auf die Lippe. Sie hatte es doch gewusst. Eben noch. Sie hatte sich sogar gefreut, dass sie es wusste. Aber jetzt war da nur noch Leere.

"Ich...", begann sie.

"Stell dir vor", half Frederick, "das Dreieck... die längste Seite..."

"Ich weiß es nicht!", sagte sie lauter, als sie wollte. Ihre Stimme brach. Sie spürte, wie die Hitze in ihr Gesicht stieg.

Frederick schaute sie an. Er sagte nichts. Dann, ganz leise: "Eigentlich sollte ich dich dafür übers Knie legen."

Franziska starrte ihn an. Er starrte zurück. Seine Wangen waren plötzlich rot. "Das war... das war ein Witz", stammelte er. "Weil du es zum dritten Mal nicht weißt. Ich meinte nur... es ist ein Spruch. Meine Oma sagt das immer, wenn man was nicht kapiert. So scherzhaft. Ich meinte nicht... also..."

"Ja, warum nicht", sagte Franziska.

Sie wusste nicht, woher die Worte kamen. Sie kamen einfach. Vielleicht war es die Leichtigkeit der letzten halben Stunde. Vielleicht war es die Verzweiflung über ihr Versagen. Vielleicht war es die Art, wie Frederick rot geworden war. Wie er gestammelt hatte.

"Was?", fragte er.

"Warum nicht", wiederholte sie. Und bevor sie sich stoppen konnte, stand sie auf, legte sich mit einer ruckartigen Bewegung quer über sein Knie und sagte: "Dann mach schon. Bin ich halt zu blöd."

Ihr Gesicht hing nach unten. Sie sah den Boden. Die zerknüllten Zettel. Die halb aufgegessene Toastscheibe, die jemand unter den Schreibtisch gefallen war. Sie spürte seine Beine unter sich, die sich plötzlich versteiften.

"Franziska, ich...", hörte sie ihn sagen. Seine Stimme war ganz anders. Nicht mehr scherzhaft. Nicht mehr unsicher. Irgendwie... heiser.

Sie lag über seinem Knie. Eine Hand lag auf ihrem Rücken – er hatte sie wohl instinktiv hingelegt, um sie zu stützen. Oder um sie festzuhalten.

Ihr Herz schlug plötzlich viel schneller. Viel, viel schneller. Sie spürte die Wärme durch seine Jogginghose. Sie spürte seine Hand auf ihrem Rücken. Sie spürte seinen Atem.

"Ich... das war nicht ernst gemeint", flüsterte er.

Sie sagte nichts. Sie konnte nicht. Etwas in ihrer Brust zog sich zusammen. Aber es war nicht die Angst. Es war etwas anderes. Etwas, das sie nicht benennen konnte.

Seine Hand bewegte sich. Ganz leicht. Ein kleines Stück den Rücken hinunter. Nur ein paar Zentimeter.

"Ich...", sagte er wieder.

Franziska spürte ihre eigene Wange brennen. Aber sie lag immer noch da. Sie machte keine Anstalten aufzustehen.

"Ich sollte...", begann er, aber er beendete den Satz nicht.

Seine Hand lag jetzt auf ihrem unteren Rücken. Direkt über dem Bund ihrer Shorts. Sie spürte jeden Finger.

Franziska schloss die Augen. Es war albern. Es war völlig albern. Sie lag über dem Knie eines Jungen, den sie kaum kannte, in einem chaotischen Zimmer, während draußen die Sonne unterging und das ganze Dorf Sommerferien hatte und sie eigentlich Mathe lernen sollte.

Aber es fühlte sich nicht albern an.

Es fühlte sich an, als ob etwas in ihr aufwachte. Etwas, das seit Jahren geschlafen hatte. Etwas, das sie nicht einmal kannte.

Seine Hand zitterte leicht. Oder war es ihr Rücken, der zitterte?

"Franziska", sagte er leise. So leise, dass sie ihn kaum hören konnte.

Sie hob den Kopf. So gut es ging. Sie drehte ihn zur Seite und schaute zu ihm hoch. Seine Augen waren braun. Richtig braun. Mit kleinen goldenen Sprenkeln. Sie waren weit aufgerissen.

"Das war jetzt sehr...", begann er, aber seine Stimme versagte.

"Nervenaufreibend", beendete sie den Satz. Ihre Stimme klang fremd. Heiser.

Er nickte.

Seine Hand lag immer noch auf ihrem Rücken.

Seine andere Hand lag auf ihrem Oberschenkel. Sie hatte sie gar nicht bemerkt. Wann war die dahingekommen?

Franziska wusste nicht, was sie tun sollte. Aufstehen? Liegen bleiben? Sich umdrehen? Ihm sagen, dass ihr Puls grad so raste, dass sie dachte, ihr Herz würde gleich aus der Brust springen?

Stattdessen flüsterte sie: "Vielleicht sollten wir weitermachen... mit Lernen."

"Ja", sagte er. Seine Stimme war ein Hauch.

Sie bewegte sich. Langsam. Sie setzte sich auf. Seine Hände glitten von ihr. Es war, als ob ein elektrischer Strom verschwand.

Sie saßen sich gegenüber. Frederick auf der Bettkante, sie auf dem Stuhl. Die Karteikarten lagen auf dem Boden verstreut.

"Ich... ich hol Wasser", sagte er plötzlich und stand auf. Er war so schnell, dass er fast über den Stapel Bücher stolperte. Dann war er aus dem Zimmer.

Franziska atmete aus. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie die Luft angehalten hatte.

Sie schaute auf ihre Hände. Sie zitterten immer noch.

Sie schaute auf die Tür, durch die Frederick verschwunden war. Sie hörte ihn in der Küche rumoren. Eine Wasserflasche fiel zu Boden. Jemand fluchte leise.

Und in ihr war dieses Gefühl. Dieses aufregende, kribbelnde, völlig unpassende Gefühl.

Das war sie, dachte sie. Die Aufregung.

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