Disable your Ad Blocker! Thanks :)
Chapter 9
by
Lysarion
Was passiert noch?
Liebe
Weiter auf dem Fluss
Wir blieben bis gegen Mittag auf der Insel. Ganz nah beieinander, so als hätten wir Angst der andere könnte verschwinden, wenn wir ihn loslassen. Gesprochen wurde nicht viel, war es so, als ob wir befürchteten diesen Traum zu zerstören. Wir liebten uns sanft, zärtlich und achtsam, ganz anders als der erste animalische Akt. Schon lange war ich nicht mehr so oft kurz hintereinander erregt gewesen und auch in Desiree schien das Feuer dauerhaft zu lodern.
Im Mittag paddelten wir weiter. Da unsere Sachen schmutzig waren trugen ich nur eine Badehose und Desiree einen Bikini. Wir paddelten im gleißenden Licht der
Sonne. Vielleicht war es ein Sinnbild für die Klarheit, die wir gewonnen hatten, welche die Zweifel der Nacht besiegte. Vielleicht auch ein Bild unserer Naivität im hier und jetzt zu leben und nicht an das Morgen zu denken.
Das Wasser war jetzt breiter geworden, aber es hatte nichts von seiner Eigenwilligkeit verloren. Der Seitenarm öffnete sich zu breiterem Wasser, aber die Ufer blieben sumpfig, schilfdicht, flach wie verschluckte Grenzen. Zwischen den Schilfwänden zog die Strömung unsichtbare Linien, riss leise an den Paddeln, schob das Boot sacht quer, wenn einer von uns beiden einen Takt verlor. Bäume lagen im Wasser und mussten umfahren werden und manchmal standen sie auch am Ufer und reichten mit ihren Zweigen so tief über das Wasser, dass wir uns flach nach vorn beugen mussten, um unter ihnen hindurchzukommen.
Die Sonne stand hoch und schwer, ein gleißender Spiegel über dem Strom. Hitze stieg nicht nur vom Himmel, sondern auch vom Wasser selbst auf. Hatte jede Restfeuchte aus dem Nebel gebrannt. Jeder Zug durchs Wasser war nicht mehr nur Bewegung, sondern Arbeit.
Das Schilf raschelte nicht mehr verspielt wie am Morgen. Es klang trockener, härter, als striche etwas Unsichtbares mit steifen Fingern darüber. Insekten summten in hartnäckigen Bahnen. Ab und zu platschte etwas im Uferbereich – Fische oder etwas anderes, das sich zurückzog, sobald das Boot näherkam.
Es war heiß.
Nicht die liebliche Wärme des frühen Tages – sondern die Art Hitze, die aus dem Wasser zurückschlägt und auf den Schultern lastet. Das Paddel wurde schwerer. Jeder Zug forderte eine Entscheidung.
Desiree spürte die Anstrengung in den Armen, in den Handflächen. Blasen zeichneten sich ab. Sie sagte nichts. Auch ich sagte nichts. Aber unser Schweigen hatte einen anderen Klang als zuvor. Es war kein Zauber mehr – es war Wirklichkeit.
Desiree paddelte vorn. Ihr Nacken war gerötet. Eine Haarsträhne hatte sich gelöst und klebte an ihrer Schläfe. Ich beobachtete die Art, wie sie sich nicht beklagte. Sie war nicht kräftiger als andere Frauen in ihrem Alter, vielleicht sogar schmaler. Aber sie hielt durch. Nicht aus Trotz – aus einer stillen Entschlossenheit, die mich mehr beeindruckte als jede äußerliche Kraft.
Ich dachte daran, dass ich immer geglaubt hatte, Stärke müsse laut sein.
Vielleicht war sie das Gegenteil.
Einmal gerieten wir in eine flache Zone, in der das Boot mit der Unterseite über Schlamm strich. Ein dumpfes, schabendes Geräusch. Für einen Augenblick hielt Desiree inne.
„Fährst du noch richtig?“ fragte sie.
„So richtig man hier fahren kann“, antwortete ich und lächelte.
Denn ich wusste : Auf diesem Wasser gab es kein wirklich richtig oder falsch. Nur Anpassung.
Die Bucht tauchte erst spät vor uns auf. Sie lag wie absichtsvoll verborgen. Fast hätten wir sie übersehen. Das Schilf öffnete sich wie ein kaum sichtbarer Spalt. Dahinter lag ruhigeres Wasser. Gedämpfter. Dunkler. Eine Einbuchtung mit flacher Kante, genug Platz für das Boot, ein Stück trockener Boden zwischen Schilf und einem leicht erhöhten Grasstreifen. Ein einzelner, knorriger Erlenbaum stand schräg am Rand, seine Wurzeln halb freigelegt, als hielten sie sich am Ufer fest.
„Hier“, sagte ich leise. Desiree nickte nur.
Ein Ort, der nicht gerufen hatte – sondern gewartet – dachte sie.
________________________________________
Das Lager
Wir arbeiteten routiniert.
Boot sichern.
Sack entladen.
Tarp zwischen zwei Stämme spannen.
Isomatten ausrollen.
Die Sonne sank langsam. Die Hitze blieb. Erst war da nichts Besonderes. Nur Erschöpfung.
Desiree setzte sich ins Gras und zog die Beine an. Ihre Muskeln brannten angenehm. Sie fühlte sich körperlich klar, leergepumpt, irgendwie beglückt– und zugleich seltsam offen.
Ich ging noch einmal zum Wasser, wusch mir Gesicht und Nacken. Als ich zurückkam, blieb ich auf halben Weg stehen.
„Hörst du das?“
Sie lauschte.
„Was?“
„Eben.“
Pause.
Nichts.
Kein Rascheln. Kein Vogel. Kein Insekt.
Nur das eigene Atmen.
Desiree richtete sich auf.
Jetzt hörte sie es auch. Oder vielmehr: sie hörte es nicht. Der ganze Tag war erfüllt gewesen von Geräuschen. Das Schilf hatte gesprochen. Das Wasser gegluckst. Irgendwo war immer etwas geflogen oder geknackt. Jetzt war da eine Stille, die nicht natürlich wirkte – eher wie etwas Erwartendes.
Ich ging ein paar Schritte zum Ufer. Lauschte. „Es ist zu still“, sagte ich. Lauschte wieder-
Nichts.
Kein Vogelwechsel zur Nacht.
Kein Knacken im Schilf.
Kein leises Insektensummen.
Eine Stille, die nicht friedlich war – sondern dicht.
„Das gefällt mir nicht“, sagte ich schließlich.
„Warum?“ fragte sie leise.
Ich zögerte. Suchte nach Worten, die nicht lächerlich klangen, aber auch keine Angst machten. „Doch“ – dachte ich „es muss die Wahrheit sein“.
Dann sagte ich langsam „Wenn irgendwo geschossen wird“ ich hielt kurz inne verdrängte die Bilder in mir „ist es danach genauso. Totenstill. Nicht, weil nichts mehr lebt – sondern weil alles wartet.“
Desiree sah ihn an. „Wartet worauf?“
„Ob es vorbei ist.“
Der Satz hing in der Luft zwischen uns.
Sie blickte hinaus auf das unbewegte Wasser. Es lag wie gespanntes Metall. Selbst die Oberfläche hatte ihren kleinen Wellenschlag verloren.
„Vielleicht ist es nur die Dämmerung“, sagte sie.
„Vielleicht.“
Aber ich dachte etwas anderes. "ob es vorbei ist hallte in mir nach"
Ich dachte an mein Leben. An Entscheidungen, die ich allein getragen hatte. An Kompromisse, die ich geschluckt hatte. An Verantwortung, die still auf meinen Schultern gewachsen war, bis ich ihr Gewicht nicht mehr bemerkte – nur noch die Müdigkeit.
Weiterpaddeln hieße handeln. Die Gefahr aktiv vermeiden. Die Kontrolle behalten.
Bleiben hieße aushalten. Nicht wissen. Warten.
Wie oft hatte ich in meiner Ehe gewartet? Wie oft die Rolle des Vernünftigen, Stabilisierenden übernommen?
Und wie oft hatte ich mir gewünscht, jemand würde sagen: Wir tragen das zusammen?
„Vielleicht wird es einfach Nacht“, sagte Desiree.
Aber ihre Stimme klang nicht überzeugt.
Ich schüttelte den Kopf. „Selbst dann. Irgendetwas lebt immer.“
Sie standen nebeneinander. Nicht nahe. Nicht fern. Irgendwie zögerten wir uns an den anderen anzulehnen.
„Wir könnten weiterpaddeln“, sagte ich schließlich. „Noch eine Stunde Licht.“
Desiree sah mich an. Ihr Gesicht war verschwitzt, die Haare vom Tag salzig getrocknet. In ihren Augen lag keine Romantik mehr, sondern Müdigkeit.
„Und wohin? In dieselbe Landschaft, nur dunkler?“
Ich antwortete nicht sofort. Dann wandte ich mich zu Desiree.
Sie sah seinen Blick ahnte was in ihm vorging. Doch sie spürte ihren Körper. Die Erschöpfung war real. Ihre Arme zitterten leicht vom Tag.
Die Vorstellung, noch einmal ins Boot zu steigen, die schwere Strömung gegen die untergehende Sonne… erschöpfend.
Aber auch hier zu bleiben bedeutete etwas.
Nicht nur praktisch.
„Was glaubst du?“, fragte sie.
Ich sah auf die Bucht, das Ufer, die schrägen Wurzeln. Dann auf sie.
In mir arbeitete etwas. Wenn ich weiterpaddelte, tat ich es aus Angst.
Weiterpaddeln hieße: Kontrolle. Handeln. Nicht warten.
Bleiben hieße: Vertrauen. Ausgesetzt sein. Gemeinsam.
Ich dachte an meine Ehe. An Jahre des Aushaltens. An das stumme Nebeneinander. An das Gefühl, in einer Landschaft zu stehen, in der alles gesagt war – und nichts mehr sprach.
Und jetzt?
Jetzt stand ich hier, in einer Stille, die neu war. War sie Warnung? Oder Prüfung?
Ich sah Desiree an. Wenn ich blieb, tat ich es aus… was zum Teufel…was?
Nicht Trotz. Nicht Lust.
Sondern vielleicht aus dem Wunsch, nicht mehr vor jedem Unbekannten zu fliehen, weil der Andere mit Unsicherheit nicht umgehen kann. Ich atmete tief durch, sah Desiree an.
Desiree spürte etwas anderes. Für sie war die Frage nicht nur: Hier oder weiter? Sondern: Wer bin ich hier? Sie konnte jederzeit gehen. Studium. Stadt. Neues Leben. Kein Haus, keine Ehe, keine Jahre. Und doch war sie hier. Mit ihm. In einer Landschaft, die sie nicht kannte.
Sie dachte an das Café. An seine Frau. An die Geduld in seinem Blick. Sie wollte keinen Mann, der aus Angst handelte. Und auch keinen, der aus Abenteuerlust entschied. Sie wollte wissen, ob er bleiben konnte, ohne sich zu verstecken.
„Ich will nicht, dass du für mich entscheidest“, sagte sie ruhig.
Ich sah sie überrascht an. Die Geste meiner Hände blieb unvollendet.
„Ich bleibe nicht hier, weil ich zu müde bin“, fuhr sie fort. „Und ich gehe nicht weiter, nur weil es sich sicherer anfühlt.“
Eine Pause.
„Wenn wir bleiben, dann weil wir es können.“
Nicht trotzig. Nicht dramatisch. Nur klar.
Klarheit stieg auch in mir auf. Wenn ich weiterpaddelte, tat ich es aus Angst.
Ich wusste plötzlich sehr klar:
Ich hatte wieder eine Wahl. Wie gestern Nacht. Ich musste nicht bleiben. Ich musste nicht gehen. Ich musste nicht fliehen. Ich musste nicht beweisen. Ich konnte entscheiden. Konnten auch „wir“ es entscheiden?
Und jede Entscheidung würde etwas bedeuten.
Desiree trat einen Schritt näher. Ihre Stimme war ruhig, aber fest.
„Dann tragen wir es gemeinsam.“
Ich nickte langsam. „Dann bleiben wir.“
Die Worte waren einfach. Aber sie fielen schwer – wie ein Ankern.
Ich trat näher und zog sie an mich heran. Desiree seufzte erleichtert. Die ganze Zeit hatte sich ihr Innerstes nach diesen beiden Armen, die sie umschlossen gesehnt. Seine Hand fuhr über ihr sonnenverbranntes Gesicht. Dann trafen sich ihre von der Hitze spröde gewordenen Lippen. Der Kuss war hingebungsvoll. Dieser Kuss sagte mehr als alle Worte. Er war das Versprechen, was auch immer es bedeutet es gemeinsam, ohne Vorwurf zu tragen und dass – egal was – da kommen mag auf sich zunehmen.
