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Chapter 27 by Papas_Liebling Papas_Liebling

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Ein heilsamer Schock

„Was lacht ihr?“ Ich bin wütend. Meine gute Laune ist wie weggeblasen.

Thomas prustet los, er braucht ein paar Sekunden, ehe er einen vernünftigen Satz herausbekommt.

„Wir haben den Fick live gestreamt. Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Unser Account hat auf einen Schlag fast 400 neue Abonnenten. Über hundert positive Kommentare über deinen geilen Arsch. Ich habe sogar schon zwei Anfragen von Männern, die dich treffen möchten.“

Was habt ihr getan? Ich nehme erst jetzt die Kamera auf dem kleinen Stativ wahr, die neben Thomas auf dem Schreibtisch steht, das Objektiv auf mich gerichtet. Streamt die immer noch?

Ich springe auf, streife mein Kleid nach unten. Mein Mund öffnet sich, um Thomas anzuschreien, doch ich wende mich nur stumm ab, kochend vor Wut. Wie konnten sie nur?

Im Bad komme ich langsam wieder runter. Ich dusche gründlich und ausgiebig, als könne das heiße Wasser nicht nur den Schmutz, sondern auch die Enttäuschung und Erniedrigung abwaschen. Es hilft nicht wirklich, aber ich fühle mich besser.

Es war ein Schock, den mir die beiden zugefügt haben. Ein heilsamer Schock, der mich wachgerüttelt hat. Ich muss mich von Dirk lösen, das ist mir klar geworden. Es muss ein Ende haben.

Nach dem Duschen ziehe ich mich komplett an, bewusst konservativ. Und ja, ich ziehe Unterwäsche an. Ob Dirk das will oder nicht. Lange Ärmel. Hochgeschlossen. So gerüstet trete ich in den Flur.

Vor Thomas‘ Arbeitszimmer zögere ich, meine Hand schwebt über der Klinke. Drei tiefe Atemzüge später richte ich mich gerade auf und stoße die Tür auf.

Bevor ich eintrete, sehe ich mich misstrauisch um. Die Kamera ist verschwunden. Auch von Dirk ist nirgends etwas zu sehen. Thomas nimmt die Hand von der Maus und dreht sich auf seinem Schreibtischstuhl zu mir.

„Wo ist er?“

Thomas weiß natürlich sofort, wen ich meine. „Er will noch was in der Stadt erledigen. Es kann länger dauern, hat er gesagt. Er wird nicht zum Abendessen hier sein.“

Ist das gut oder schlecht? Vermutlich gut, beschließe ich. Wenn der Mensch, der unser Leben auf den Kopf gestellt hat, nicht dabei ist, können Thomas und ich in Ruhe darüber reden und versuchen, es wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Ich ziehe mir einen Stuhl heran und setze mich neben meinen Mann. „Wir müssen reden.“

Er nickt.

„Hast du dir’s überlegt?“ Thomas macht eine vage Handbewegung in Richtung des Monitors, wo noch immer diese scheußliche Dating-Seite offen ist.

Wie kann er sowas fragen? Mir wird heiß und dann sofort eiskalt. Über dieses Portal wurde nicht nur das Video hochgeladen, auf dem ich Thomas im Kaufhaus zwischen Reihen von Damenunterwäsche einen blase. Hier wurde auch live gestreamt, wie ich Dirk auf dem Boden ficke und dabei abgehe wie eine läufige Hündin. Das Bild, das da von mir gezeigt wird, ist demütigend und falsch. Unzählige Männer (ich nehme zumindest an, es waren ausschließlich Männer) haben es gesehen. Und Kommentare über meinen Arsch gemacht.

Meine Halsmuskeln schwellen an und ich verkrampfe meine Fäuste. Doch anstatt ihn anzubrüllen und zu schlagen, wie es mein erster Impuls gewesen wäre, starre ich Thomas nur mit zusammengekniffenen Augen an.

Was, wenn er recht hat? Was, wenn das der Weg ist, auf dem wir unsere Ehe retten können? Thomas scheint der Gedanke, dass ich mit anderen Männern schlafe, nichts auszumachen – im Gegenteil. Seinem Verhalten nach zu urteilen, erregt ihn diese Vorstellung sogar.

Und ich? Wenn ich ehrlich bin, tat es mir gut, mich begehrt zu fühlen. Dirk ist zwar ein Arschloch, aber er sah mich als Frau und er behandelte mich wie eine. Etwas, das ich – wie ich jetzt erkenne – seit Jahren vermisst habe.

Tief in meinem Bauch glimmt eine Flamme, die allmählich größer wird und anfängt, den Eispanzer, der mich umgibt, zu schmelzen.

„Ich weiß nicht“, presse ich hervor. Meine Stimme klingt ungewöhnlich heiser.

„Du musst nicht sofort entscheiden. Schau es dir einfach mal an. Vielleicht war das auch eine saublöde Idee von mir. Überlege es dir dann in Ruhe, und wenn du nicht möchtest, dann lösche ich den Account wieder. Und wir vergessen die Sache.“

Ist das mein Thomas? Er spricht so ernsthaft und einfühlend, dass ich es kaum glauben kann.

Ich atme tief aus und zwinge mich, meine Muskeln zu entspannen. Sachte lege ich ihm eine Hand auf den Oberschenkel. Soll ich ihn küssen? Nein, zu früh. Das hat er sich noch nicht verdient.

„Wie funktioniert das?“, frage ich aufmunternd und beuge mich ein wenig nach vorne.

Sofort saust Thomas mit dem Mauszeiger über den Bildschirm, klickt hier und da. Fängt an zu erklären. Hier ist er wieder, der Nerd, der sich für allen Technik-Kram begeistert und gar nicht merkt, wie nahe er einer Frau aus Fleisch und Blut ist. Ziemlich unbeholfen und doch irgendwie süß. Ich schmunzle. In diesen Jungen hatte ich mich damals verliebt.

„Das sind die Profile von den Männern, die angefragt haben. Wenn du einen kennenlernen möchtest, schickst du eine Antwort. Wenn nicht, dann klickst du’s einfach weg. Es gibt kein Muss. Du entscheidest.“ Er grinst mich schief von der Seite an. „Die einzige Bedingung ist, dass ich zusehen darf.“

Es muss ihm schwergefallen sein, dies zuzugeben, vermute ich. Wäre Dirk nicht in unser Leben getreten, hätte ich womöglich nie davon erfahren. Ich unterdrücke ein Lächeln. So einfach will ich es ihm doch nicht machen. Mit ernster Miene deute ich auf eines der briefmarkengroßen Fotos.

„Können wir uns den genauer anschauen?“


Als Sinas Ruf aus Richtung Haustür ertönt, erschrecke ich. Wie lange saßen wir am Computer? Ich scheine völlig die Zeit vergessen zu haben. Vor dem Fenster ist es schon dunkel.

„Wir treffen uns mit Kathy zum Tanzen. Wird bestimmt spät. Wartet nicht auf mich.“

„Okay, Liebling. Viel Spaß“, antworte ich.

Hätte ich gewusst, wen sie mit „wir“ meint, hätte ich sie aufgehalten.

<Link zu Sinas Erlebnis>

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