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Chapter 2 by Papas_Liebling Papas_Liebling

Wofür entscheidet sich Scheibner?

Die Neue: Marie

Marie drückte ihre Bewerbungsmappe fest an ihre Brust, als sie die schmale Betontreppe hinunterging. Die Luft wurde feucht und roch nach Schimmel und Mäusekot. Im Schein der funzelnden Deckenlampe tauchte eine schmale Metalltür mit abblätterndem blauen Lack auf. Jemand hatte ein handgemaltes Schild darauf geklebt:

Hubert Meller – Hausverwaltung.

Sie streckte schon ihre Hand nach der Klinke aus. Doch dann zögerte sie und zog sie wieder zurück. In Gedanken ging sie nochmal die Rolle durch, die sie sich zurechtgelegt hatte. Sie kannte solche Typen wie diesen Meller. So von ihrer eigenen Großartigkeit überzeugt, dass sie glaubten, das Recht zu haben, alle anderen Menschen wie Dreck zu behandeln. Um hier einziehen zu dürfen, musste sie genau in sein Beuteschema passen: **** (check), attraktiv (check), naiv (öhm, vielleicht?), unerfahren (na, garantiert nicht, aber sie würde es schon schaffen, ihn davon zu überzeugen) und bereitwillig (doppel-check). Sie grinste verschlagen. Den alten Sack würde sie bestimmt rumkriegen. Sie **** ihr Gesicht zurück in einen möglichst neutralen, ein wenig unterwürfigen Ausdruck. Erst dann stieß sie die Tür auf.

Das „Büro“ war ein fensterloser Kellerraum, der von einer flackernden Leuchtstoffröhre erhellt wurde. Ein massiver Holzschreibtisch dominierte den Raum, der mit schwarzen Brandlöchern übersät war. Dahinter saß Hubert Meller, stämmig, mit schmierigen Haaren und noch schmierigerem Lächeln. Trotz des Halbdunkels trug er eine verspiegelte Sonnenbrille. Marie wusste trotzdem, wohin seine Augäpfel wie von einem Magnet angezogen wurden. Schließlich hatte sie bewusst einige Knöpfe mehr als nötig an ihrer Bluse aufgeknöpft, um ihre eigenen Äpfelchen gut zur Geltung zu bringen.

An der Wand links gegenüber stand eine durchgesessene Couch, deren Stoff mit zahllosen dunklen, unregelmäßigen Flecken übersät war. Man brauchte nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, woher diese stammten.

„Ah, Fräulein...“ Meller beugte sich vor, die Hände auf dem Schreibtisch ausgebreitet, als gehöre ihm nicht nur das Gebäude, sondern die schiere Luft, die sie atmete. „Marie. Marie Lehnert, richtig? Setzen Sie sich, setzen Sie sich. Sie sind wegen der freien Wohnung hier?“

„Ja, Herr Meller.“ Sie ließ sich auf den Besucherstuhl ihm gegenüber sinken und strich nervös ihren kurzen karierten Rock glatt. Ihre stahlblauen Augen huschten einmal zur Couch und dann wieder weg, als wäre es ihr peinlich, sie bemerkt zu haben. Sie ließ ihn einen Anflug von Unbehagen sehen. Männer wie er ernährten sich davon.

"Ich studiere im ersten Semester Philosophie und Deutsch auf Lehramt. Und ich brauche dringend ein Zimmer. Ich würde alles dafür tun."

Mellers Lächeln wurde breiter. Er war sich sicher, Marie in seine Falle gelockt zu haben, aus der sie nie mehr entkommen konnte. „In dieser Gegend gibt es nicht viele freie Wohnungen. Studenten ... die suchen immer **** nach etwas Billigem. Zum Glück für Sie kümmere ich mich persönlich um meine Mieterinnen, damit die sich die Miete leisten können.“

Marie nickte und presste die Lippen zusammen, als wüsste sie nicht, was sie sagen sollte. Innerlich katalogisierte sie bereits die Details seines Plans: den unverschlossenen niedrigen Aktenschrank hinter ihm, in dem sie eine Flasche und Gläser glitzern sehen konnte, den mit Zigarettenkippen überfüllten Aschenbecher, die Art, wie er sich über den Schreibtisch beugte. Und natürlich die Couch, auf der es vermutlich enden sollte.

Er blätterte durch die Mappe, die Marie ihm gereicht hatte auf. Es war offensichtlich, dass er sich nicht auf das Gespräch vorbereitet hatte. „Marie, ich darf doch Marie sagen?" Es war keine Frage. „Wir alle haben hier einen sehr lockeren Umgangston im Haus. Richtig familiär, könnte man sagen. Ich bin übrigens der Hubert. Also, du bist wie alt, neunzehn?“

„Zwanzig“, sagte Marie leise und ließ ihre Stimme leicht ansteigen, als würde sie ihn um eine Korrektur bitten.

„Ein gutes Alter.“ Er lachte leise. „Alt genug, um allein zu leben, aber noch **** genug, um sich anzupassen.“ Sein Blick wanderte nach unten, blieb zu lange an ihren Knien hängen und dann wieder nach oben. „Natürlich sind mit der Wohnung bestimmte Erwartungen verbunden. Pflichten. Ich mag Mieter, die – sagen wir mal – kooperativ sind.“

Marie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und senkte den Kopf. „Kooperativ?“, wiederholte sie und achtete darauf, nur verwirrt und nicht alarmiert zu klingen.

„Genau.“ Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor dem Bauch und musterte sie mit der selbstzufriedenen Geduld eines Katers, der wusste, dass die Maus vor ihm keinen Ausweg mehr fand. „Es geht um die Miete. Meine Mädchen sind immer knapp bei Kasse. Deshalb kassieren wir die Miete hier in Form von Dienstleistungen. Du kannst dir und mir das Leben leichter machen, wenn du dich da nahtlos einfügst. Es ist nicht schwierig. Mir ab und zu Gesellschaft leisten. Dankbarkeit zeigen. Verstehst du?“

Sie ließ ihre Finger nervös mit den Knöpfen ihrer Bluse spielen, bis ein paar mehr wie zufällig aufgingen. Schließlich räusperte sie sich und flüsterte kaum hörbar: „Ich ... ich glaube schon.“

Mellers Grinsen wurde breiter. Er glaubte, sie genau da zu haben, wo er sie haben wollte – unsicher, abhängig, unweigerlich bereit, sich seinen Bedingungen zu beugen.

Marie senkte den Blick, um das berechnende Funkeln hinter ihren Wimpern zu verbergen. In Wahrheit verstand sie ganz genau, was hier vorging. Es war ein Spiel um Macht und Unterwerfung.

Und sie liebte Spiele.

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