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Chapter 36 by kleinehexe kleinehexe

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In der Stille der Nacht

Ihre Tasche eng an sich gepresst, kämpfte sie sich Schritt für Schritt durch den Regen. Als wollte er sie selbst von der Straße spülen, prasselte der Sturzregen unablässig auf sie ein. Die Hitze der Sommernacht war längst verflogen und ihre Jeansjacke vermochte schon lange nicht mehr, die Nässe aufzuhalten. Durch bis auf die Unterwäsche klebten die Klamotten kalt auf ihrer Haut.

Auch wenn der Regen sie frieren ließ, brannte es in ihr. Frust, der sich mit beißendem Zorn abwechselte, über das Erlebte, über sich selbst. Mit jedem Schritt stiegen weitere Erinnerungen in ihr auf. Die herablassenden Blicke dieser Beamten, der Griff in ihr Haar, die Hand auf ihrem Hintern, als hätte er jedes Recht dazu. Als wäre sie tatsächlich genau das, wofür sie ihn wütend angebrüllt hatte, es nicht zu sein. „Du kleine Hobbynutte ...“ hallte es ihr wieder und wieder durch den Kopf.

Zum Glück ließ der Regen so schnell nach, wie er gekommen war. Sie schätzte, dass es bereits nach 2 Uhr sein musste, als sie den Stadtrand erreichte und die Chaussee hinter sich ließ. Die Straßen waren zum Glück wie leer gefegt um diese Zeit. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, welch jämmerliches Bild sie gerade bot.

Wie ein geprügelter Hund hatte sie sich die letzten Meter durch die Nacht nach Hause geschleppt. Es kam ihr jetzt wie eine Erlösung vor, als hinter ihr die Wohnungstür endlich ins Schloss fiel. Erschöpft lehnte sie sich dagegen und starrte in den dunklen Flur ihrer Wohnung. Achtlos entglitt die Handtasche ihrer zitternden Hand, während sie die Schuhe abstreifte. Sie musste unbedingt raus aus diesen Klamotten, die wie eine zweite Haut an ihr klebten. Mühsam schälte sie sich im Bad aus ihrer Jacke. Sie griff nach dem Saum ihres Kleides und zog daran. Erst zögerlich, dann entschlossener überwand sie schließlich den Widerstand. Zentimeter für Zentimeter streifte sie das Kleid nach oben, als würde sie sich damit nicht nur von Stoff, sondern auch alles andere von sich abwerfen.

Das klatschende Geräusch hallte durchs Zimmer, als es in der Badewanne landete. Es folgte der BH, der sie eiskalt einschnürte. Ihr Slip. Nichts davon wollte sie noch auf ihrem Körper spüren. Splitternackt stand sie im Raum und dennoch fühlte sie immer noch den Dreck, der an ihr klebte. Der Schmutz ihrer Erinnerungen an das Erlebte und die Narben, die diese Nacht in ihr hinterlassen hatte. Schockiert betrachtete sie sich selbst im Spiegel. Mit ihrem zerzausten Haar, das in wüsten Striemen herunterhing, fragte sie sich, welcher Teufel sie geritten haben musste. In ihr wuchs das Bewusstsein, dass sie am Ende eigentlich noch Glück gehabt hatte. Sie hätte genauso gut richtig unter die Räder kommen können. Genügend Gelegenheiten dafür hatte sie wahrlich provoziert. Aber war dies ihre Schuld gewesen? Reichte die reine Präsenz an diesem Ort schon aus, um zum Freiwild für jeden zu werden?

Sie riss sich vom Spiegel los und griff nach ihrem großen Badetuch. Wie ein schützender Mantel legte sich der flauschige Stoff um ihren nackten Körper in der Stille der Nacht. Nur das Tapsen ihrer Füße auf dem Boden ihrer Wohnung durchbrach die Stille. Kein Lärm von außen oder Geräusche von Nachbarn im Haus, einfach nur Ruhe. Ihr Weinglas vom gestrigen Abend stand noch auf dem Couchtisch neben der noch fast vollen Flasche. Gluckernd ergoss sich die dunkle Flüssigkeit in dem Glas und sprengte die Stille. Gierig kippte sie das Glas in ihrer zitternden Hand hinunter und schenkte noch einmal nach. Müde sank sie in den Stuhl an ihrem Schreibtisch und klappte ihren Laptop auf. Ein leichter Druck auf die Leertaste reichte, um ihn aus dem Standby zu holen.

Sie kniff die Augen zusammen, als ihr das Licht des Bildschirms in dem ansonsten dunklen Raum grell entgegenschlug. Nachdenklich betrachtete sie den blinkenden Cursor in dem leeren Word-Dokument und nippte an ihrem Glas. Obwohl ihr so viele Dinge durch den Kopf gingen, wusste sie nicht, was sie schreiben sollte. Zu frisch und zu intensiv waren die Erlebnisse, die mehr Fragen als Antworten geliefert hatten.

"Ihr seid doch alle gleich!" Wie von allein tippten ihre jetzt scheinbar ferngesteuerten Finger die Buchstaben in die Tastatur. Sie dachte über diese Worte nach, während die Buchstaben auf dem Bildschirm vor ihren Augen zu tanzen begannen.

Hatte sie es provoziert? Es herausgefordert? Reichte das kurze Kleid um diese Zeit an diesem Ort schon aus, um das in ihr zu sehen? Eine Ware. Sich ihr gegenüber so zu verhalten? Sie als Freiwild zu betrachten, was jedem, der zahlt, zur Verfügung steht? Oder was man sich einfach nehmen kann? Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken bei dem Gedanken an die beiden Typen in dem Bus.

Genervt schlug sie den Deckel ihres Laptops zu. Sie hatte weder die Kraft noch die Nerven, weiter darüber nachzudenken. Zumindest nicht jetzt. Ihre Hand tastete in der Dunkelheit nach dem Handy auf dem Tisch. Zielgerichtet öffnete sie WhatsApp und schrieb eine Nachricht an ihren Chef.

"Ich nehme mir morgen frei. Habe das ganze Wochenende im >Sweet Dreams< gearbeitet."

Auch wenn sie wusste, dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach, klickte sie auf Senden. Sie brauchte eine kurze Auszeit morgen, um wieder klar im Kopf zu werden. Mit dem Glas in der Hand ging sie hinaus auf ihren kleinen Balkon und zündete sich eine Zigarette an. Der heiße Rauch, den sie einsog, strahlte eine wohlige Wärme in ihr aus. Sie konnte es fühlen und wusste, was gleich passieren würde. Zuerst war es nur ein leichtes Gleiten am Rücken. Dann das sanfte Nachgeben des flauschigen Stoffs, der sie noch eben fest umhüllt hatte. Der Knoten ihres Badetuchs, den sie vorhin hastig gebunden hatte, löste sich jetzt. Langsam rutschte der Stoff an ihr hinab, streifte flüchtig ihre Hüften, bis er lautlos zu Boden fiel.

Sie machte keine Anstalten, es aufzuhalten oder aufzuheben. Mit einer Zigarette in der einen, dem Glas in der anderen Hand, stand sie einfach nur da. Splitternackt, um drei Uhr morgens, am Geländer ihres Balkons. Die vom Regen gereinigte, saubere Nachtluft legte sich wie ein unsichtbarer Schleier zärtlich um sie.

Es störte sie nicht, hier so zu stehen. Nicht hier die Dunkelheit. Auch nicht die Möglichkeit, vielleicht doch so gesehen zu werden. Es war ihr egal. Alles war weit weg in diesem Moment.

Sie blies den Rauch hinaus in die Nacht, sah zu, wie die Luft ihn auffing, verspielt verdrehte und mit sich nahm, in die Dunkelheit.

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