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Chapter 31
by
kleinehexe
Und jetzt?
Zerrbild
Auch wenn es sie wurmte, sich selbst in diese Situation gebracht zu haben, musste sie doch auch darüber lächeln. Nun saß sie hier fest durch ihr eigenes Missgeschick. Vorsichtig sah sie sich auf dem kleinen Parkplatz abseits der Straße um. Wie die ganze Zeit war sie auch jetzt allein und niemand nahm Notiz von ihr. Sie atmete noch einmal tief durch und fasste ihren Mut zusammen, um das zu tun, was eigentlich nie hätte passieren sollen. Langsam und leise, als würde sie etwas Verbotenes dabei tun, öffnete sie die Tür und stieg aus.
Jetzt hier draußen, außerhalb ihres verschlossenen Käfigs und nicht mehr hinter Glas, fühlte es sich irgendwie anders an. Nur etwas 20 Meter von dem Geschehen auf der Straße entfernt lauschte sie in die Nacht hinein. Auch wenn es nur einzelne Gesprächsfetzen und die Geräusche der Autos waren, die sie erreichten, so war es doch real. Es lag jetzt direkt vor ihr. Dieser abgelegene, vergessene Ort, der um diese Zeit so voller Leben war.
Ein feiner, sanfter Wind fuhr über ihre nackte Haut. Sie verfluchte sich selbst für die von ihr gewählte Garderobe. Das kurze, sportlich geschnittene Sommerkleid, welches sie sich daheim eilig übergeworfen hatte, wirkte jetzt in diesem Licht und dem neuen Kontext plötzlich billig. Zu aufreizend. Einfach zu kurz. Die Träger zu schmal. Der Ausschnitt zu tief. Auch wenn sie auf der Bühne vor anderen schon in knapperen Outfits getanzt hatte, kam sie sich jetzt darin nackt vor. Aber hier und jetzt an diesem Ort empfand sie es als unpassend. Sie wollte nicht, dass man sie darin für eine von denen hielt.
Ihr Blick zu dem Sperrmüllhaufen wenige Meter neben ihrem Auto ließ sie erschaudern. Aber es war nicht der Müll, den andere hier einfach achtlos abgeladen hatten, es war sie selbst. Ihr Anblick in diesem zerbrochenen Spiegel, welcher ein Zerrbild von ihr zeichnet. Nachdenklich betrachtete sie sich in den Fragmenten der Splitter im Mondlicht. Was sie sah, war kein klares Bild. War das noch sie? Hier an diesem Ort in diesem Aufzug?
Langsam schlüpfte sie in ihre Jeansjacke, die sie zum Glück in der Eile ihres Aufbruchs sich zumindest noch gegriffen hatte. Auch wenn sie ihre langen, nackten Beine nicht verhüllen konnte, so bedeckte sie jetzt wenigstens ihre nackten Schultern. Mit mulmigem Gefühl im Bauch suchte sie ihr Zeug aus dem Auto zusammen und stopfte alles nach und nach in ihre Handtasche. Sie ertappte sich selbst dabei, wie sie einzelne Ablagen mehrfach kontrollierte. Als wolle sie den Zeitpunkt ihres Aufbruchs hinausschieben, kramte sie in ihrer alten, ungepflegten Kare herum. Schweren Herzens schlug sie irgendwann leise die letzte Tür zu und verschloss das Auto.
Der Dreck knirschte unter ihren Sneaker, als sie die ersten Schritte tat. Langsam, mit gespielter Selbstsicherheit, lief sie los und entfernte sich immer weiter von ihrem Wagen in Richtung der Einfahrt des Parkplatzes. Das Bild von sich selbst in dem zerbrochenen Spiegel ließ sie dabei einfach nicht mehr los. Nicht, weil er ihr Bild abstrakt verzerrt hatte, sondern weil er ihr gezeigt hatte, wie leicht man sich selbst verlieren konnte, wenn man zu lange in eine fremde Welt starrte. Und jetzt waren es nur noch wenige Schritte, bis sie den Straßenstrich erreichen würde. Dann würde sie selbst eintauchen in diese ihre fremde und doch faszinierende Welt.
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by Papas_Liebling
Created on Aug 3, 2023
by kleinehexe
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