Und was hat Ikarus jetzt vor?
Seine Ziele sind ähnlich, aber seine Methoden...
Ria gab den anderen in den nächsten Minuten einen kurzen Abriss über das, was Viktor ihr erzählt hatte: Ikarus hatte die Villa damals verlassen, um den Kampf gegen die Unterdrückung der Zarathustras mit anderen Mitteln zu führen, als Lorena es zugelassen hätte. Für ihn war alles recht, was dem Machtapparat des Staates schadete, und wenn er dabei Angst und Schrecken verbreitete, dann war das auch in Ordnung - seiner Ansicht nach waren er und die anderen Zarathustras nämlich normalen Menschen überlegen, und früher oder später würden die das auch einsehen und den Widerstand gegen ihn und seinesgleichen auch aufgeben, wenn sie nur immer wieder bewiesen, dass es gegen sie kein Ankommen gab.
"Moment", unterbrach Alex sie an der Stelle. "Willst du behaupten, Ikarus macht genau, was der Staat über uns an Lügen verbreiten? Terroranschläge gegen die Regierung mit dem Ziel, den Rest der Menschheit zu unterwerfen?"
"Anscheinend ist er der Meinung, wenn die das eh schon behaupten, kann er's nicht schlimmer machen, indem er's wirklich tut", meinte Ria. "Ist ja auch eigentlich nicht ganz falsch - nur, dass er damit die Lage noch weiter eskaliert."
Steffen nickte. "Und er macht sich damit natürlich keine Freunde unter den Zivilisten. Aber wenn's ihm gar nicht darum geht, Freunde zu machen..."
Tom wirkte nachdenklich. "Weißt du, was Ikarus als nächstes vorhat?"
"Das gleiche wie ihr", nickte Ria, "diese Weltraumstation, wo sie das Zeug für ihre Experimente lagern. Beziehungsweise, Papa hat das vor. Aber er klang immer so, als wäre dieser Ikarus da auf einer Linie mit ihm."
"Dann brauchen sie wirklich die Daten aus meinem Rechner", stellte Pandora klar. "Gut. Damit haben wir eine Spur. Ich mach mich sofort dran, das zu tracken. Sobald ich was rauskriege, melde ich mich bei euch."
Sie wandte sich zum Gehen, aber da meldete sich Tom zu Wort. "Warte kurz", wisperte er. "Vorher hab ich noch eine Frage an dich. Eine Sache in Rias Story macht nämlich keinen Sinn."
Pandora sah zu ihn. "Warum hast du dann eine Frage an mich und nicht an Ria?"
"Weil Ria sie mir wahrscheinlich nicht beantworten kann", sagte Tom leise. "Wusstest du, dass Ikarus uns verlassen wollte, als du damals den Streit mit ihm hattest?"
"Das-" Pandora schien die Frage nicht zu verstehen. "Welche Rolle spielt das?"
Langsam versuchte sich Tom aufzusetzen, und Alex trat zu ihm und stützte ihn. "Weil du nie was davon erwähnt hast", fuhr er fort. "Du hast nur erzählt, dass ihr euch gestritten habt, weil er dir ein Kind machen wollte, und du wolltest das nicht."
Pandora nickte. "Ja. Und weiter?"
"Kann es sein", sagte Tom, "dass du uns damals nicht alles erzählt hast, was mit Ikarus passiert ist? So wie du uns nicht erzählt hast, dass Anna seine Schwester ist?"
"Nochmal, welche Rolle spielt das?" Pandora wurde sichtlich wütend. "Wir haben uns gestritten, ich hab ihm die Eier platzen lassen, er ist wutentbrannt abgezogen. Ich ging davon aus, wir sehen und hören nie wieder was von ihm."
Alex sah sie ernst an. "Also, offenbar war das ne Fehleinschätzung von dir", meinte er, "weil wir ja doch gerade ziemlich viel von ihm hören. Vielleicht macht's Sinn, wenn du einmal komplett auspackst, was damals war. Nur, damit wir noch keine anderen Überraschungen erleben."
Pandora sah ihn müde an. "Ich hab aber keine Lust, noch länger über den Arsch zu reden! Ist schon schlimm genug, dass er uns jetzt wieder Scherereien-"
"Scheiße, Pandora, hör auf mit dem Mist!" Steffens plötzlicher Ausbruch war an Schärfe kaum mehr zu überbieten. "Ich weiß, du liebst deine kleinen Geheimnisse, aber genau die haben uns jetzt in diese Situation gebracht! Wir haben dir immer vertraut, in allen Dingen. Jetzt ist es an der Zeit, dass du uns mal vertraust! Rück endlich mit der Wahrheit raus! Wobei - ich kann sie mir schon halbwegs vorstellen, nach allem, was ich jetzt weiß: Ikarus wollte dich mitnehmen, als er uns verlassen hast, und du wolltest nicht mit, darum kam es zu dem Streit zwischen euch. Hab ich recht?"
"Das ist nicht der verdammte Punkt!" gab Pandora zurück, nicht minder scharf als er. "Der Punkt ist, er wollte mir ein Kind machen. Eins, von dem er meinte, es würde perfekt werden, ein Zarathustra mit stärkeren Kräften als seine und meine zusammen. Er wollte mich als seine verdammte Zuchtstute, nachdem er herausgefunden hatte, wer ich war - und so was mach ich nicht! Alles andere ist unwich-"
Der Handrücken traf sie vollkommen ansatzlos und klatschend ins Gesicht, so unvermittelt, dass sie zurückstolperte und vielleicht gefallen wäre, hätte sie sich nicht an der Wand abgefangen. Fassungslos sah sie zu Steffen. "Du hast mich geschlagen!"
Der starrte sie wutentbrannt an. "Und wenn du nicht endlich sagst, was Sache ist, werf ich dich eigenhändig aus dem Fenster!" Er zeigte mit dem Finger zu Tom, wie er ausgemergelt im Bett saß. "Sieh dir Atlas an! Sieh ihn dir an, verdammt noch mal! Das da hast du zu verantworten mit deiner Scheiß-Geheimhaltung! Kapierst du es nicht langsam, dass wir dir nie wieder vertrauen können, wenn du nicht endlich mit der ganzen Wahrheit rausrückst?"
"Du-" Auch in Pandoras Augen funkelte es zornig, und sie hielt sich die schnell rot werdende Wange. Alex dachte schon, im nächsten Moment würde sie auf Steffen losgehen, und dann würden sie zwei medizinische Pflegefälle hier haben, angesichts von ihren Kräften. Aber dann blickte sie plötzlich zur Seite. "Ach, Fuck!" fluchte sie.
"Also?" Steffen blickte sie unverwandt an. "Was ist jetzt?"
Pandora atmete einmal tief durch, dann wandte sie ihm wieder den Kopf zu - ihr Zorn schien verraucht und von etwas anderem ersetzt worden zu sein. "Okay", sagte sie. "Ich erklär's euch. Aber es wird euch nichts bringen, wenn ihr das alles wisst."
In Steffens Gesicht zeigte sich keine Regung. "Es reicht, wenn wir dir wieder vertrauen können."
"Ja, wenn." Sie seufzte. "Vielleicht wollt ihr es aber auch nicht mehr, wenn ihr erst mal wisst, was-"
"Jetzt mach endlich!" stieß Alex ungeduldig hervor. "Es wird nicht besser, wenn du uns auf die Folter spannst."
Pandora warf ihm einen genervten Blick zu. "Ich mach ja schon! Also." Sie atmete tief durch. "Ikarus..."
"Ja?"
"...ist mein Vater."
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