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Chapter 26

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Kritische Begutachtung

Ich sah mir die Museumsmitarbeiterin genauer an. Ich hatte keine Vorstellung, was genau ihre Position war. Sie wirkte streng, geschäftsmäßig und als ob sie keinen Unsinn duldete. Ihrer überheblichen Art zufolge vermutete ich, dass sie ein hohes Tier war. Direktorin oder so.

Ich trug eines meiner typischen karierten Hemden und eine Jeans, die schon wesentlich bessere Tage gesehen hatte. Dadurch wirkte ich im Vergleich zu ihrem Auftreten im förmlichen Kostüm geradezu heruntergekommen. Obwohl sie beinahe einen Kopf kleiner war als ich, brachte sie das Kunststück zuwege, auf mich herabzusehen.

„Herzlich willkommen, Frau Wolter“, begrüßte ich sie, „schön, dass Sie es so kurzfristig einrichten konnten, bei mir vorbeizuschauen.“ Sie erwiderte mein Lächeln nicht. Auch den angebotenen Kaffee lehnte sie ab.

Ich versuchte noch ein wenig, mit Smalltalk das Eis zu brechen, stellte aber zügig fest, dass ich damit keinen Erfolg haben würde. Daher entschied ich, geradewegs zur Sache zu kommen. Mit einer Handbewegung lud ich sie ein, mir in die Werkstatt zu folgen, und ging voraus.

Kaum hatte ich die Tür zu meinem Reich geöffnet, umfing mich der vertraute Duft frisch geschnittenen Holzes, von Leim und trocknender Farbe. Sobald ich über die Schwelle getreten war, beruhigte ich mich zusehends. Hier befand ich mich auf gewohntem Terrain und würde mich von der Besucherin nicht irre machen lassen. Mit neu gewonnenem Selbstvertrauen drehte ich mich zu ihr um. Meine ausholende Geste präsentierte die Werkstatt und das gesuchte Objekt im hinteren Teil des Raumes.

„Hier ist es.“ Ich machte keine weiteren Umschweife und trat neben den großen verhüllten Gegenstand, der etwas seitlich aus dem Zentrum des Raums verrückt war. Mit einem Ruck zog ich das weite, alte Leintuch von dem Pranger, das ich als Staubschutz über ihn gebreitet hatte.

Mit Genugtuung registrierte ich, dass sich die Augen das Gasts beim Anblick meines Werks weiteten und ihre demonstrativ zur Schau getragene Langeweile in etwas verwandelte, das ich nicht nur als bloßes Interesse, sondern schon als Enthusiasmus interpretierte. „Was meinen Sie dazu?“

„Lassen Sie es mich genauer ansehen.“

Eifrig überbrückte sie die Entfernung. Wie beiläufig schob sie mich dabei zur Seite, um näher an das Werkstück herantreten zu können. Ich ignorierte diesen erneuten Beweis der Geringschätzung mir gegenüber. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie mich bewusst abwerten oder provozieren wollte. Eher schien es mir, als ob sie nicht gewohnt war, mit Menschen als Gleichgestellten umzugehen. Möglicherweise fehlte ihr auch einfach nur jede Empathie. Wenn sie im Archiv des Museums oder in der Forschung tätig war und tagein, tagaus nur mit alten Dingen zu tun hatte, dann könnte ich mir dies ganz gut vorstellen.

Positiv betrachtet war es vielleicht einfach auch nur die Begeisterung für die Sache, die sie alles andere vergessen oder zumindest unwichtig erscheinen ließ. Was ihre Begeisterung anging, konnte ich mich nicht beklagen, denn sie strich bewundernd mit den Händen über das glattpolierte Holz und die mattierten Beschläge. Offensichtlich gefiel ihr, was sie sah und fühlte. Zufrieden lehnte ich mich zurück an die Werkbank und wartete darauf, was sie sagen würde.

Derweil beobachtete ich sie genauer. Sie war beileibe nicht unattraktiv. Wenn sie sich anders, ein wenig femininer und lockerer kleiden und frisieren würde, könnte sie ein echter Hingucker sein. So wie sie auftrat, verkörperte sie allerdings das Klischee der weltabgewandten Geisteswissenschaftlerin oder vielleicht das der strikten Chefin.

Minutenlang untersuchte sie mein Meisterwerk, ehe sie sich davon losreißen konnte und mir erklärte: „Das ist ja ein ganz nettes Modell eines Prangers. Es scheint mir allerdings eher eine freie Interpretation des Themas zu sein. Von historischer Akkuratesse keine Spur. In einem Museum hat so etwas jedenfalls nichts zu suchen.“

Ich konnte bei dieser abschätzigen Bewertung meiner Arbeit das Aufkeimen von Ärger nicht ganz unterdrücken. Sie erkannte die Anzeichen allerdings nicht und fuhr fort.

„Sie sagten, es handelt sich um ein Requisit für ein Theaterstück?“

Ich nickte bestätigend, gespannt darauf, was sie aus dieser Information herausinterpretieren würde.

„Nun, man merkt, dass sie offensichtlich kein professioneller Requisitenbauer sind. Sonst hätten sie mehr Aufmerksamkeit auf die visuelle Präsentation gelegt, damit es auf der Bühne Wirkung erzielt und Aufmerksamkeit weckt.“

Ich war pikiert. Meine Replik klang daher schnippischer, als sie gemeint war. „Ich kann ihnen versichern, dass dieser Pranger ganz genau den Bedürfnissen entspricht, für die er entworfen wurde.“

„Nun, was immer das gewesen sein mag …“ Sie ließ die Bemerkung einfach im Raum stehen.

Für mich überraschend rüttelte sie danach kraftvoll an dem Holzrahmen, in den ich den Pranger eingebaut hatte. Er rührte sich keinen Zentimeter. „Na, immerhin scheint er stabil zu sein. Ich gehe davon aus, während der Performance sollte wirklich ein Mensch in dem Pranger eingeschlossen werden?“

„Ja, sie haben es erfasst!“ Und sie hatte keine Idee, wie sehr sie mit ihrer Annahme Recht hatte. Ich würde allerdings bei der Geschichte blieben, dass ein Theaterstück Anlass und Zweck des Projekts war. Alles andere ging diese Frau nichts an.

„Ich frage mich …“ Sätze nicht zu Ende zu sprechen, schien eine Marotte von ihr zu sein. Sie trat auf die Rückseite des Prangers, auf welcher der Delinquent stehen würde und beugte ihren Oberkörper nach vorne, als ob sie Maß nehmen wolle. Dann drehte sie noch immer gebückt den Kopf in meine Richtung. Es war das erste Mal seit unserer Begrüßung, dass sie mich direkt ansah.

„Ich würde es gerne einmal selbst ausprobieren.“ Es war offenbar keine Frage, sondern eine Feststellung. Ich war nicht mehr bereit, diese Behandlung von oben herab hinzunehmen, doch sie ließ mich gar nicht zu Wort kommen.

„Die Exemplare in unserem Haus und in anderen Museen, die ich besucht habe, sind reine Schauobjekte, nicht dafür gemacht, wirklich einen Menschen aufzunehmen. Es wäre aber bestimmt eine interessante und lehrreiche Erfahrung, selbst am Pranger zu stehen. Dann könnte ich den Besuchern bei Führungen aus erster Hand erzählen, wie es sich anfühlt. Helfen sie mir.“

Sie versuchte, den oberen, aufklappbaren Teil des Gestells anzuheben, was ihr aber nicht gelang, da sie den Riegel noch nicht entdeckt hatte. Beflissen kam ich ihr zu Hilfe und zeigte ihr, wie sie Hals und Hände in die dafür vorgesehenen Aussparungen legen sollte. Dann klappte ich die Konstruktion zu und ließ das Schloss einrasten.

Sie schnappte kurz nach Luft, als sie feststellte, dass sie eingeschlossen war, doch ihre Augen leuchteten vor Vergnügen. Derweil nahm ich die Ketten auf, die Sarah und ich nach den ersten Versuchen ergänzt hatten, um die Gefangene noch weiter zu fixieren. Als sich die eisernen Fesseln um ihre Hand- und Fußgelenke schlossen, war sie endgültig festgehalten und mir ausgeliefert.

„Na, wie fühlt es sich an?“, fragte ich mit einem diabolischen Lächeln.

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