Wie erlebt Sonja den Gang nach aussen?
Nicht nur ich leide unter Blicken
Das Klicken der Wohnungstür hinter uns hallt viel zu laut in meinen Ohren. Lukas hält die Leine in der Hand. Die dünne, schwarze Leine, die direkt an meinem Halsband befestigt ist.
Für einen kurzen Moment ist es fast nicht auszuhalten.
Hier. In meinem eigenen Wohnumfeld. Wo mich die Nachbarn kennen, wo ich jeden Morgen freundlich grüße, wo die alte Frau aus dem dritten Stock immer fragt, wie es mir geht. Wenn mich jetzt jemand so sieht – als Sklavin an der Leine, in diesem nuttigen Outfit am Sonntagvormittag – ich würde im Boden versinken.
Lukas scheint meine Panik zu spüren. Immer wenn Schritte oder Stimmen näherkommen, lässt er die Leine schnell in seiner Jackentasche verschwinden und legt stattdessen eine Hand in meinen Rücken, als wäre ich einfach nur seine schick gekleidete Freundin. Trotzdem. Das Outfit allein ist schon peinlich genug. Der enge kurze Rock, die hohen Heels, die schwarzen Strümpfe, die helle Bluse, unter der mein Straps-Set deutlich zu erahnen ist. Ich starre stur auf den Boden, kann niemandem in die Augen schauen. Meine Wangen brennen wie Feuer.
Wir schaffen es ungesehen aus dem Haus.
Im Bus wird es etwas entspannter. Ich setze mich hin, die Beine eng zusammengepresst. Im Sitzen fallen die High Heels und Strümpfe weniger auf. Trotzdem spüre ich die Blicke. Manche Männer starren unverhohlen, eine ältere Frau runzelt missbilligend die Stirn. Es ist unangenehm, aber erträglich – hier kennt mich zum Glück fast niemand.
Am Bahnhof wird es wieder schlimmer.
Sonntagmorgen. Die meisten Leute sind entweder in Freizeitkleidung unterwegs oder mit der Familie. Und dann komme ich – overdressed, underdressed, aufreizend, mit Halsband und einem Mann an meiner Seite, der die Leine unauffällig, aber spürbar führt. Die Blicke kleben an mir. Ich höre leises Getuschel. Ein paar junge Typen grinsen dreckig. Am Abend, zur Ausgehzeit, würde mein Aufzug vielleicht halbwegs durchgehen. Aber an einem sonnigen Sonntagvormittag? Ich falle auf wie ein bunter Hund.
Natürlich wird auch Lukas angestarrt. Als mein Begleiter. Als der Mann, der mich so ausführt. Ich werfe ihm verstohlene Seitenblicke zu. Ich sehe, wie er die Zähne zusammenbeißt. Wie seine Kiefermuskeln arbeiten. Es fällt ihm nicht leicht. Ganz und gar nicht. Das hier ist für ihn eine extreme Herausforderung – viel größer noch als für mich.
Und genau das berührt mich so tief.
Er macht das für mich. Obwohl er innerlich wahrscheinlich gerade tausend Tode stirbt, zieht er es durch. Tapfer. Entschlossen. Mit dieser stillen, liebevollen Sturheit, die ich so sehr an ihm liebe.
Eine riesige Welle der Dankbarkeit überschwemmt mich. In diesem Moment spüre ich, dass ich bereit bin, für ihn meine eigenen Grenzen noch weiter zu überschreiten. Weiter, als ich es je geplant hatte. Wenn er das hier schafft, will ich ihm geben, was immer er heute von mir verlangt. Ohne Zögern.
Ich rücke etwas näher an ihn heran, berühre ganz leicht seinen Arm und flüstere so leise, dass nur er es hören kann:
„Danke, Meister…“
Lukas schaut kurz zu mir herunter. In seinen Augen liegt eine Mischung aus Nervosität, Stolz und wachsender Erregung. Er nickt nur knapp, strafft die Leine ein winziges bisschen und führt mich weiter durch den Bahnhof.
Mein Puls rast. Meine Beine zittern bei jedem Schritt auf den hohen Absätzen. Und trotzdem fühle ich mich lebendiger als seit Langem.
Was immer heute noch passiert – ich gehöre ihm.
Vollkommen.
Wohin geht die Reise?
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