Chapter 6
by
Mudley
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Kapitel 6: Die Zwillinge – Ein unzertrennliches Paar
Die Zwillinge Annika und Svenja Larsen hatten sich vom ersten Moment an geschworen, dass niemand sie trennen würde. Sie waren nicht nur äußerlich identisch – langes, glattes blondes Haar, das wie Seide bis zur Taille fiel, eisblaue Augen, hohe Wangenknochen, schlanke, aber weiblich geschwungene Figuren mit festen, mittelgroßen Brüsten, schmaler Taille und langen, trainierten Beinen vom Schwimmsport –, sondern auch innerlich wie eine Person. Sie beendeten oft die Sätze der anderen, spürten instinktiv, wenn der Schwester etwas fehlte, und hatten ein stilles System aus Blicken und kleinen Gesten entwickelt, um sich zu verständigen.
Ihr Zimmer lag im zweiten Stock, am Ende des Flurs, mit zwei Betten nebeneinander, einem gemeinsamen Schreibtisch und einem großen Fenster zum Park hinaus. Sie hatten ihre Koffer kaum ausgepackt, als sie sich auf Annikas Bett setzten, die Beine untergeschlagen, und leise sprachen.
„Hast du gesehen, wie Richter uns angestarrt hat?“, flüsterte Svenja. Ihre Stimme war etwas tiefer als die von Annika, das einzige akustische Merkmal, das sie unterschied.
Annika nickte. „Und Meier. Der hat uns angelächelt, als wollte er sagen: ‚Die beiden nehme ich mir zusammen vor.‘“ Sie schauderte. „Wir dürfen nie allein sein. Nie.“
„Wir gehen immer zusammen zur Toilette, zusammen duschen, zusammen in den Unterricht. Wenn einer ruft, gehen wir beide oder keine“, sagte Svenja entschieden.
„Und wenn sie uns trennen wollen?“, fragte Annika leise.
Svenja nahm die Hand ihrer Schwester. „Dann schreien wir. So laut wir können. Und wir wehren uns. Zusammen sind wir stärker.“
Am Abend nach dem Abendessen – ein schweigsames Mahl in der großen Speisehalle, bei dem die Lehrer an einem erhöhten Tisch saßen und die Mädchen beobachteten – läutete die Glocke zur Freizeit bis 21 Uhr. Die meisten Schülerinnen zogen sich in ihre Zimmer zurück oder gingen in die Bibliothek.
Annika und Svenja entschieden sich für einen Spaziergang über das Gelände, um die Fluchtwege zu erkunden. Sie trugen ihre Uniformen noch, aber darüber warme Pullover, da es kühl geworden war. Hand in Hand gingen sie den Kiesweg entlang, vorbei am See, bis zu der hohen Mauer, die das Internat umgab.
„Zu hoch zum Klettern“, murmelte Annika.
„Und Stacheldraht oben“, ergänzte Svenja. „Aber vielleicht gibt’s ein Tor für Lieferungen.“
Sie drehten um und gingen Richtung Sportplatz. Plötzlich hörten sie Schritte hinter sich. Beide drehten sich gleichzeitig um.
Es war Thomas Richter, der Sportlehrer. Er trug eine enge Jogginghose und ein Sweatshirt, das seine muskulöse Brust betonte. Sein kurz rasierter blonder Kopf glänzte im Mondlicht.
„Na, meine hübschen Zwillinge“, sagte er mit seiner lauten, befehlsgewohnten Stimme. „So spät noch unterwegs? Sportplatz ist um diese Zeit eigentlich geschlossen.“
Annika und Svenja traten instinktiv enger zusammen.
„Wir wollten nur frische Luft schnappen, Herr Richter“, sagte Svenja ruhig.
„Und wir gehen jetzt zurück ins Haus“, fügte Annika hinzu.
Richter lächelte breit und kam näher. „Kein Grund zur Eile. Ich wollte euch sowieso zur individuellen Leistungsdiagnose einbestellen. Schwimmen ist eure Stärke, habe ich gehört. Da würde ich euch gern... persönlich testen.“
Die Zwillinge wechselten einen schnellen Blick. Nein. Jetzt nicht.
„Morgen im Unterricht, Herr Richter“, sagte Annika fest. „Jetzt ist Freizeit.“
Richter lachte leise. „Freizeit endet, wenn ich es sage.“ Er streckte die Hand aus und griff nach Svenjas Arm. „Komm mit, Svenja. Deine Schwester kann warten.“
Svenja riss sich sofort los. „Fassen Sie mich nicht an!“
Annika stellte sich schützend vor ihre Schwester. „Wir gehen zusammen oder gar nicht.“
Richters Augen verengten sich. „Ihr macht es euch unnötig schwer. Ich kann auch beide mitnehmen. Der Kerker hat genug Platz.“
Die Zwillinge erstarrten. Sie wussten, was das bedeutete. Sophie hatte den ganzen Abend kaum gesprochen, war blass und zitternd gewesen.
Richter trat einen Schritt vor. „Letzte Chance. Eine von euch. Freiwillig.“
Annika und Svenja griffen gleichzeitig nach den Händen der anderen und drehten sich um. Sie rannten los, so schnell sie konnten, zurück Richtung Hauptgebäude. Richter fluchte leise und setzte ihnen nach – seine langen Beine holten rasch auf.
Doch die Zwillinge kannten den Weg besser als gedacht. Sie bogen scharf ab, durch ein Rosenbeet, über einen kleinen Pfad, den sie am Nachmittag entdeckt hatten, und erreichten den Seiteneingang des Hauptgebäudes, bevor Richter sie einholen konnte.
Keuchend stürmten sie hinein, die Treppen hoch, direkt in ihr Zimmer. Sie schlugen die Tür zu, drehten den Schlüssel um – ein altes Schloss, das sie am Nachmittag geölt hatten – und schoben den Schreibtisch davor.
Draußen hörten sie Richter die Treppe hochkommen, schwer atmend.
Er klopfte hart an die Tür. „Macht auf. Sofort.“
„Nein!“, riefen beide gleichzeitig.
„Ihr macht es nur schlimmer“, knurrte er. „Morgen im Sportunterricht werdet ihr bezahlen.“
Dann entfernten sich seine Schritte.
Annika und Svenja sanken auf den Boden, lehnten sich aneinander.
„Das war knapp“, flüsterte Svenja.
„Zu knapp“, sagte Annika. „Morgen wird er uns nicht entkommen lassen.“
Sie schwiegen eine Weile, dann begann Svenja leise zu ****. Annika nahm sie in die Arme.
„Wir halten durch“, sagte sie. „Egal was kommt. Wir halten durch. Zusammen.“
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