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Chapter 6

Wen bittet Scheibner ins sein Büro?

Julia

Julia bzw. Jules hatte als Outfit für das Interview einen taillierten Blazer über einem schlichten Crop-Top gewählt, so dass man darunter ihre wohldefinierten Bauchmuskeln bewundern konnte. Dazu trug sie eine maßgeschneiderte Jogging-Hose und weiße Designer-Sneaker. Ihr Look war lässig und spiegelte ihren sportlichen Lebensstil wider. Scheibner war von ihrer Erscheinung ehrlich beeindruckt. Eine silberne Halskette und minimales Make-up rundeten das Bild perfekt ab und verliehen ihr eine feminin-elegante Ausstrahlung.

Jules ging forsch auf ihren Gastgeber zu und streckte ihm selbstbewusst die Hand zur Begrüßung entgegen. Dabei schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln und stellte sich mit ihrem vollen Namen vor. Scheibner war durch ihr direktes Auftreten tatsächlich ein bisschen überrumpelt.

"Nennen Sie mich doch einfach Jules", schloss sie ihre Begrüßung ab und setzte sich, ohne auf eine Einladung dafür zu warten.

"Ähm, ja, ah. Ich bin Frank. Bleiben wir doch einfach bei den Vornamen und beim Du."

Er blätterte betont aufmerksam in den vor ihm liegenden Unterlagen, um Zeit zu gewinnen und sich zu sammeln. Als er sich soweit gefasst hatte, sah er wieder auf, setzte sein gewinnendstes Lächeln auf und meinte: "Du willst also in unser Studentinnen-Haus einziehen. Was meinst du denn, warum ich gerade dich dort aufnehmen sollte?"

Als habe sie auf die Frage geantwortet, zählte sie ihre sportlichen Leistungen auf, um Frank zu beeindrucken und sich als diszipliniert, zielstrebig und ordentlich zu charakterisieren. Insgesamt stellte sie sich als Mieterin dar, die keine Probleme verursachen würde, und ergänzte: „Weißt du, Frank, ich bin jemand, der alles im Leben wie ein Training angeht – ich halte die Dinge sauber und organisiert, bleibe konzentriert bei der Sache und gebe nicht auf, auch wenn es schwierig wird. Außerdem bin ich nach dem täglichen Training normalerweise zu erschöpft, um wilde Partys zu schmeißen“, schloss sie Ausführungen mit einem Augenzwinkern.

Frank hatte sich während ihres Vortrags immer weiter nach hinten in seinen Sessel gelehnt. Nun sah er sie nachdenklich an. Jules bemerkte natürlich, dass er sie nicht so positiv beurteilte, wie sie erwartet hatte. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Hinter ihrer Stirn bildeten sich tausend Fragen, äußerlich aber blieb sie ruhig und strahlte weiterhin Zuversicht aus. Sie ging dieses Vorstellungsgespräch wie einen Wettkampf an. Zu verlieren oder gar nur zweite zu werden, war für sie keine Option.

„Du bist eine richtige Powerfrau, Jules“, lobte er sie, “klug, ehrgeizig und du hast eine Energie, die einen von den Beinen fegen kann.“

Jules strahlte über das Kompliment und beugte sich vor, damit ihr Blazer auseinanderklaffte und er einen besseren Einblick in ihr Top bekam. Sie war sich nicht zu schade, mit ihm zu flirten, wenn das ihre Siegchancen erhöhte.

„Danke, Frank. Ich denke einfach, dass meine Disziplin und Einsatzbereitschaft mich zu einer sehr zuverlässigen Mieterin machen. Mit mir wirst du keine Probleme kriegen, nie. Außerdem halte ich mir zugute, dass ich durch meinen Sport Teamgeist erworben habe. Damit will ich sagen, dass ich sehr gut mit anderen auskomme und das Gemeinschaftsgefühl unter den Mieterinnen fördern könnte, so dass alle ihren fairen Beitrag für die Hausgemeinschaft leisten."

Franks Lippen zuckten, seine Augen verengten sich zu dünnen Schlitzen. Er tippte mit einem Stift auf seinen Schreibtisch und blies übertrieben laut Luft aus den Backen.

„Genau das könnte ein Problem werden. Du hast einen strengen Tagesablauf, bist sehr diszipliniert – Training, Lernen, klare Ziele. Das ist alles sehr bewundernswert. Aber, nun ja“, er lacht leise und wedelte vage mit dem Stift herum, "das Haus, in das du einziehen würdest, ist nicht gerade die disziplinierteste Umgebung und mit deinen strengen Grundsätzen könntest du dort ziemlich anecken.“

Jules legte den Kopf schief und ihr Gesichtsausdruck verriet ihre Verwirrung. "Was meinst du damit?“

„Die anderen Mieterinnen, ich sag's offen, lassen gerne mal die Sau raus. Es gibt Partys – oft und ... mit großer Begeisterung. Jemand, der mit den Hühnern ins Bett geht und ebenso früh wieder aufsteht, macht sich dort keine Freundinnen.“ Er beugte sich vertraulich nach vorne und blinzelte ihr vielsagend zu. „Und ich muss zugeben, dass ich nicht derjenige bin, der Partys unterbindet. Eher im Gegenteil. Wenn ich in der Nähe bin, mache ich gerne mit.“

Jules lehnte sich zurück und verarbeitete seine Worte. Sie erkannte ihren Fehler. Aber aufgeben kam für jemand wie sie nicht in Frage. Ihr Wettbewerbsgeist war entfacht. "Okay", dachte sie, "Herausforderung angenommen. Du willst Partys? Dann bekommst du Partys."

Sie lächelt wieder, diesmal verbissener. „Ich verstehe, was du meinst, Frank. Und ja, mein Trainingsplan ist zwar intensiv, aber ich bin keine Einsiedlerin. Ich weiß sehr wohl, wie man Spaß hat.“ Sie senkte verschwörerisch die Stimme. „Du solltest mich mal erleben, wenn es einen Wettkampfsieg zu feiern gilt. Und außerdem wette ich, dass ich mit meiner Fitness mehr dieser Partys durchstehen könnte als jede andere.“

Frank hob fasziniert eine Augenbraue. „Oh? Du denkst, du könntest auch mit mir mithalten?“

„Probier's aus!“, reizte sie ihn spielerisch, „Aber im Ernst, ich werde niemanden dafür verurteilen, dass er sich amüsiert. Ich habe schon an vielen Feiern nach Wettbewerben teilgenommen. Ich weiß, wie man Arbeit und Vergnügen in Einklang bringt.“

Frank war noch nicht überzeugt. „Es geht hier nicht darum, ein paar Partys zu feiern. In diesem Haus herrscht ein bestimmter Lebensstil. Alle sind im Einklang, teilen diese unbeschwerte, gesellige Stimmung, sind offen, kennen so gut wie keine Tabus. Bist du sicher, dass du da reinpassen würdest?“

Jules hielt inne. Sie spürte, dass sie sich ändern müsste, wenn sie in das Haus ziehen wollte. Sie atmete tief durch. Wollte sie das wirklich? Nach kurzer Überlegung kam sie zum Ergebnis, dass sie ehrlich sein musste, zu sich selbst und zu ihrem Gegenüber. Warum sollte sie sich an das Haus anpassen? Anders herum wäre es genauso gut oder vielleicht noch besser.

„Ich gebe zu, dass ich nicht die typische Hausbewohnerin wäre. Aber ich denke, das ist auch gut so. Ich könnte eine andere Energie ins Haus bringen – etwas Positives und Beständiges. Ich bin eine geborene Motivatorin und habe schon oft Freunden und Teamkollegen geholfen, Herausforderungen zu meistern und Tiefs zu überwinden. Wer weiß? Vielleicht schätzen es die anderen Frauen, wenn sie jemand aufrüttelt und sie nach einer durchzechten Nacht für einen erfrischenden Lauf bei Sonnenaufgang aus dem Bett holt.“

Frank lachte über diese Idee und schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie dir dafür dankbar sein würden.“

„Vielleicht nicht sofort“, witzelt sie, „aber ich habe ein Händchen dafür, Leute für eine Sache zu begeistern. Glaub mir, Frank, ich bin nicht so verknöchert und spaßfeindlich, wie es auf den ersten Blick aussieht. Gib mir die Chance und ich werde beweisen, dass ich Erfolg haben kann – und damit das Haus vielleicht sogar für dich interessanter mache.“

Frank rieb sich über das Kinn, sichtlich hin- und hergerissen. „Du hast mir Einiges zum Nachdenken gegeben, Jules. Lass mich erst mit allen Bewerberinnen sprechen, ehe ich mich entscheide. Ich werde mich auf jeden Fall bei dir melden.“

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