Ich, die Tür
Eine etwas andere Verbindungstür
Man nennt mich eine Verbindungstür, obwohl in mein Eichenholz das Wort "Geheimtür" eingeschnitzt ist. Ich bin eine doppelte Doppeltür, vier Türblätter, die sich in der Mitte treffen wie alte Bekannte, die sich nach langer Trennung wieder in die Arme fallen.
Mein Haus, dieses labyrinthische Wesen aus Stein und Mörtel, hat viele Leben gelebt. Ich erinnere mich an den ersten Mörtel, der um meine Zargen gestrichen wurde, als ich noch ein junges, frisches Ding war - geschnitzt aus dem Holz einer tausendjährigen Eiche, die im Sturm fiel. Das war im Jahre 1423, als Mönche in braunen Kutten durch die Flure schlichen und lateinische Gesänge durch die Hallen hallten. Ein Kloster war ich damals, eine Stätte der Besinnung und des Gebets. Die Mönche hatten keine Ahnung, was mein Meister ihnen mit mir für ein Ei gelegt hat.
Im 16. Jahrhundert, als das Kloster säkularisiert und in einen Gutshof verwandelt wurde, änderte sich meine Umgebung. Bauern und Knechte polterten durch die Flure, und mein Eichenholz roch nach Schweiß und Pferdemist.
Im 18. Jahrhundert schließlich wurde das Anwesen zum Landschloss umgebaut. Man schnitzte sogar die irreführende Inschrift "Geheimtür" in mich, als ob dies meine wahre Bestimmung erklären würde. Aber ich war nie wirklich ein Geheimnis - ich war ein Katalysator.
In all den Jahrhunderten habe ich gelernt, dass Menschen zwei Gesichter haben: das, das sie der Welt zeigen, und das, das sie versteckt halten. Ich bin die Brücke zwischen diesen Gesichtern. Viele sind durch mich gegangen und haben für einen flüchtigen Moment die verborgene Wahrheit eines anderen Menschen gespürt. Doch sobald sie in ihr eigenes Zimmer zurückkehrten, verblasste die Erinnerung wie Nebel, den die Morgensonne vertreibt. Ein Gefühl bleibt zurück, eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas, das sie nicht benennen können.
Heute, im Jahr 2026, bin ich Teil eines Hotels. Über mir hängt ein Kronleuchter, der einst im Ballsaal des Landschlosses prangte, und durch meine Ritzen dringt der Duft von frisch gebrühtem Kaffee.
Manchmal, wenn die Nacht über dem alten Gemäuer liegt, höre ich das Flüstern der Jahrhunderte. Die Echos von Begehren und Sehnsucht haben sich in meinem Holz festgesetzt, und ich trage sie mit mir, so wie ein alter Baum die Ringe seines Wachstums. Ich bin das Gedächtnis dieses Hauses, das in jeder Faser seines Holzes die Lust und die Leidenschaft derer bewahrt hat, die durch mich schritten.
Und so harre ich aus, eine stumme Zeugin der menschlichen Natur, eingebaut in die verwinkelten Gänge dieses alten Hauses, dessen Zugänge nicht einmal vom gleichen Flur aus zu erreichen sind.
Denn wer durch mich hindurchtritt, wird zu einem Resonanzkörper für die sexuellen Begehrlichkeiten der Menschen im Nachbarzimmer. Die Gefühle fluten jeden wie ein elektrischer Schlag, intensiver als jeder andere Sinneseindruck, den diese Welt zu bieten hat.
Und noch etwas: Nur wenn beide Seiten mich aufschließen, kann man hindurchtreten. Es ist meine eigene kleine Rebellion, die ich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt habe. Ich lasse keinen durch, der nicht auch von der anderen Seite willkommen geheißen wird. Das ist eine Geste der Gegenseitigkeit, die ich von den Menschen gelernt habe - oder vielleicht war es umgekehrt. Vielleicht haben die Menschen von mir gelernt, dass die tiefsten Geheimnisse nur denen offenbart werden, die auch bereit sind, ihre eigenen zu teilen. So wie hier.
0 comments
No comments yet
The story has no discussion yet. Leave a note here when a branch gives you something to say.
No chapter comments yet
No one has commented on this branch yet. Add the first note above.