Chapter 8
by
Reyhani
What's next?
Herrin und Knecht
Die Aussicht war atemberaubend. Weit schweifte Annikas Blick über die Nachbaralmen hinunter zum Wald, hinter dem das Dorf versteckt sein musste. Die Luft war so klar, dass die gegenüberliegende Bergkette zum Greifen nah erschien. Darüber wölbe sich der strahlend blaue Himmel.
Sie saß im Schatten des Stadels und gönnte sich eine Pause. Von der anderen Seite drangen die monotonen Schläge von Karls Axt auf dem Hackklotz zu ihr herüber. Gleich würde sie wieder mit anpacken. Das gab ihr das Gefühl gebraucht zu werden und Teil der Hofgemeinschaft zu sein. Doch im Moment musste sie einmal durchschnaufen. Als Touristin konnte sich das wohl gönnen.
Der Urlaub war ein voller Erfolg. Sie hatte noch nie einen solchen Appetit gehabt und so gut geschlafen. Wenn sie mit der Sonne aufstand, fühlte sich ausgeruht und energiegeladen. Sie freute sich auf die vielseitigen Aufgaben und Eindrücke des Tages und die Gespräche mit ihrer Gastfamilie. In ihrem Herzen summte es und ihre Haut kribbelte am ganzen Körper. Sie war froh, wenn Susanne sie in den Arm nahm und sie dadurch erdete.
Nur die Spannung in ihrer Mitte stieg ständig, seit sie hier war. Die Sonne auf ihren Knospen, Susannes Hand auf ihrem Po, die nächtlichen Geräusche in der Schlafkammer, die Blicke der Männer, wenn sie sich am Brunnen bückte ... Lebensenergie und Lust schienen hier eins zu sein. Gerne hätte sie sich selbst geerdet, aber sie war hier eigentlich nie allein, um den Blitzableiter in ihrem Schoß zu aktivieren.
Dass sie sich in einer solchen Situation Karl anvertrauen konnte, lernte Annika erst später. Noch war sie abgeschreckt von ihrem ersten Zusammentreffen mit dem Knecht. Sie befürchtete, dass er sie während ihres Aufenthalts auf der Alm ständig bedrängen würde. Aber das bestätigte sich nicht. Je länger sie Karl kannte, desto sympathischer wurde er ihr. Er sah sie weiterhin mit begehrlichen Augen an, aber sein Hauptaugenmerk galt ausgerechnet Susanne.
„Karl ist ein Schatz“, schwärmte die Bäuerin, als Annika versuchte, mehr über den Knecht herauszufinden. „Er kommt nun schon fast zehn Jahre mit uns auf die Alm. Wir wüßten gar nicht, wie wir die Arbeit ohne ihn bewältigen sollten. Er ist zuverlässig, ehrlich und einfach lieb. Ich hoffe, er wird nie heiraten. Wenn er mir untreu würde, wäre ich sehr enttäuscht von ihm.“
Das hatte Susanne natürlich nicht ganz ernst gemeint und entsprechend gelacht. Aber es war etwas Wahres dran: Herrin und Knecht hatten ein ganz besonderes Verhältnis. Karl war nicht nur stets bereit, ihren Anweisungen zu folgen und sie aufs Genaueste auszuführen, sondern er bot seine Dienste von sich aus an, wenn er einen Weg gefunden zu haben glaubte, ihr das Leben zu erleichtern.
Darüber hinaus machte er ihr Komplimente in derselben direkten Art, wie sie auch Annika erlebt hatte. Er lobte Susannes schöne Haare oder ihre schweren Brüste. Wie alle Menschen hier nahm er sie in den Arm oder streichelte sie am Rücken oder Po. Außergewöhnlich waren kleine Geschenke, die er ihr hin und wieder machte. Blumen oder Steine, die er bei der Arbeit gefunden hatte, oder kleine Figuren, die er in seiner Freizeit schnitzte.
Karl bewunderte Susanne. Vielleicht liebte er sie auch, dachte Annika, ohne dass sie eine genaue Vorstellung hatte, was das hier eigentlich bedeutete. Dabei ließ er es nie an Respekt mangeln. Wie eine Gämse tänzelte Karl mühelos auf dem schmalen Grat zwischen Susanne als Herrin und als Frau entlang.
Das Erstaunlichste war für Annika, dass dieses komplizierte Verhältnis keinerlei Auswirkungen auf Karls Umgang mit Bauer Benedikt hatte. Die beiden arbeiteten den ganzen Tag zusammen, verstanden sich blind und wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Wie die Bäuerin wusste auch Benedikt, dass der Hof ohne diesen Knecht nicht so gut funktionieren würde.
„Ein Glück, dass wir Karl haben“, sprach der Bauer eines Abends zu seiner Frau, als alle zusammen vor dem Haus saßen. „Er legt sich diesen Sommer wieder einmal mächtig in Zeug. Glaubst du nicht auch, Sannerl, er hat eine Belohnung verdient?!“
„Natürlich, verdient hat er sie immer, bekommen tut er sie viel zu selten“, antwortete die Bäuerin gutmütig. Dann wandte sie sich an den Knecht: „Was wäre denn eine angemessene Belohnung für dich, Karl?“
„Ich brauche keine Belohnung. Dir zu dienen reicht mir, wenn es dir beliebt“, murmelte Karl bescheiden.
Für Annika hörte es sich wie ein einstudierter Dialog an, ein kleines Theaterstück, das die drei so oder ähnlich schon öfter aufgeführt hatten. Außer Annika wussten alle schon, was die Auflösung sein würde, die Susanne gleich darauf aussprach:
„Dann dien mir zu meinem Belieben.“
Damit stand Susanne auf, hielt Karl die Hand hin, die der Knecht ergriff, und beide verschwanden ins Haus. Benedikt blieb sitzen und rauchte schweigend weiter. Annika fragte sich wieder einmal verwirrt, wie es weitergehen würde.
What's next?
Das Dorf
Ein Ort versteckt in den Bergen
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