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Chapter 21 by Mercadus Mercadus

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Heckenschnitt

Michelle hat eine Idee. So eine Art von Idee, wie man sie bekommt, wenn man sich nützlich fühlen will, obwohl man längst durchschaut hat, dass es um etwas anderes geht. Die Rose. Die überbordende, wild gewachsene Kletterrose, die wie ein stiller Voyeur schon fast durch das Fenster in Thomas’ Arbeitszimmer späht. Also: Rosenschere.

Natürlich hat Thomas keine. Thomas hat Apple-Produkte. Designermöbel. Keine Gartenschere, keinen Gartensack, nicht mal eine Gießkanne, die nicht wie ein Kunstobjekt aussieht. Aber Rolf. Rolf hat sowas. Natürlich hat Rolf sowas.

Sie klingelt. Er freut sich zu schnell.

„Die Rose. Sie wuchert. Thomas soll’s nicht sehen. Ich wollte sie ein bisschen stutzen. Darf ich das überhaupt ?“

Er nickt. Führt sie durch den Garten. Hinten, beim Schuppen, riecht es nach Eisen, nassem Holz, der feuchten Unterseite von Dingen, die zu lange nicht bewegt wurden. Der Schuppen selbst ist ein Sarg aus Brettern und rostiger Erinnerung. Drinnen dämmert es. Eine einzelne Glühbirne hängt nackt von der Decke, glimmt orange wie ein altes Auge.

Die Tür quietscht, als Rolf sie öffnet, und sofort ist da dieser dumpfe, klebrige Geruch – Öl, Metall, Männerschweiß aus den 80ern. Alles, was sich sammelt, wenn man Jahrzehnte lang nichts wegräumt, nur stapelt.

„Moment … irgendwo hier war sie.“

Er bückt sich, wühlt zwischen Dosen, Seilen, einem alten Fahrradrahmen. Michelle steht einen Schritt drin, dann streift etwas ihr Gesicht. Eine hauchdünne Spinnwebe, fast unsichtbar. Sie zuckt zusammen. Hebt die Hand, reibt an ihrer Wange. Noch eine an ihrem Oberarm. Dann ein Kribbeln zwischen den Schulterblättern.

„Verdammt … überall Netze.“

Spinnweben überall. Wie feine Netze, kaum sichtbar. Bis sie auf der Haut landen. In den Haaren. An den Armen. Am Schlüsselbein. Michelle zuckt, schlägt ab, streicht über sich wie eine Katze mit Zwangsstörung.

Rolf ist sofort bei ihr. „Warte, lass mich …“

Ihre Urangst: in einem Spinnennetz ohnmächtig zu hängen und gefangen zu sein. ROLF

wie das Opfer der Spinne beobachtet und kontrolliert zu werden. NOCHMAL ROLF

und sie hängt, hängt im Netz von Rolf, beobachtet und wenn er könnte ausgesaugt

Seine Finger berühren sie. Erst entschuldigend, dann zu ruhig. Zu langsam. Er streicht etwas von ihrer Schulter, wischt über den Ansatz ihres Rückens, ein bisschen zu tief. An der Hüfte bleibt er einen Moment zu lang. Die Berührungen sind warm, fest, ungelenk, aber etwas daran ist falsch. Zu bedacht. Wie die Spinne, die genau weiß, wie weit sie gehen kann, bevor der dünne Faden reißt.

Spinnenhand auf ihren Shorts und dann eine von unten gegen die sanften runden Mädchenhügel, das Top zu kurz abgeschnitten, der ausgefranste Rand steht etwas ab, eine Markise ein Dachvorsprung darunter ihr kleiner Busen und seine Fingerspitzen recken sich, unverschämt. für Sekunden denkt sie, er tippt auf ihrer Brustwarze diesen harten Klingelknopf rosabraunfrech und dann doch wieder nicht.

„Ist weg,“ sagt er, aber seine Hand ist noch da. fährt mit seinem Spinnenarm nach unten über den Stoff, der sich zwischen ihre Beine presst, an der Innenseite ihres Oberschenkels auf und ab. Erschrocken öffnet sie ihre Knie und lässt die Spinne hinein. Mutprobe Dieser dicke Spinnenfinger

Michelle steht still. Spielt mit. Vielleicht ein Reflex, vielleicht Neugier. Vielleicht etwas anderes.

Wie damals bei Kristina im Apfelgarten, Sommer, beide neun. Die Wette: Wer sich traut, die Hose runterzuziehen, während der Nachbarsjunge im Baum saß und vorgab, Vögel zu beobachten. Michelle verlor. Oder gewann. Je nachdem, wie man es sieht.

Rolf greift an ihr vorbei, findet die Schere. Sie rostet leicht, aber schneidet bestimmt. „Du hast eine schöne Haut“, murmelt er. Es ist keine Lüge, aber auch kein Kompliment.

Sie lächelt. Halb. Hebt die Schere. „Ich schneid dann mal. Danke, Rolf.“

Er bleibt stehen, zu nah, als würde er darauf warten, dass sie ihn noch um etwas bittet. Vielleicht darum, ihr den GartenSACK zu halten. Vielleicht um mehr. Seine acht langen Spinnenarme die es ihr so richtig besorgen würden.

Aber sie geht. Durch die Hecke, zwischen den Dornen, zurück zu Thomas’ Wohnung. Sie denkt nicht mehr an Rosen. Nur noch an Fäden, Spinnen, und wer hier eigentlich wen einwickelt.

Michelle stürmt in die Wohnung, tritt hektisch die Schuhe ab, zieht sich die Kleider vom Leib wie feuchte, lebendige Schatten, die ihr nachhängen. Schlägt um sich als hätte sie noch Spinnweben an der Stirn. Badezimmer ist das Licht zu grell, also lässt sie es aus. Nur das matte Blau der Dämmerung fällt durch das kleine Fenster, streift ihre Haut.

Sie steigt unter die Dusche, dreht das Wasser voll auf. Zu heiß. Genau richtig.

Die Spinnweben sind längst verschwunden, aber sie fühlt sie noch – an ihren Schultern, zwischen den Brüsten, in den Haaren. Als hätten sich nicht nur Fäden, sondern ganze Gedanken an ihr festgesogen. Erinnerungen wie winzige Beine auf der Haut.

Sie lehnt sich mit der Stirn gegen die kühle Fliese, das Wasser rauscht, hüllt sie ein wie Nebel. Einatmen. Ausatmen. Dann – dieses Vakuum in der Körpermitte, das nicht weichen will. Kein Rolf, kein Thomas.

Nur sie. Ihre Hand. Ihr Becken, das sich gegen die Wärme presst. Keine Namen, nur Reibung und ein Flimmern in der Wirbelsäule.

In ihrem Kopf: nichts als ein Flirren, Bilder ohne Kontext, Stimmen ohne Bedeutung. Keine Schuld. Keine Kontrolle. Nur Hitze. Und dann – ein stilles, kurzes Aufbäumen. So schnell wie ein Vogel, der auffliegt.

Sie lässt sich an der Wand herabrutschen. Tropfnass. Leer. Gereinigt?

Michelle sitzt noch immer auf dem kalten Boden der Dusche. Das Wasser tropft wie Taktgeber auf die Fliesen. Ihre Knie angezogen, die Stirn auf den Armen, und da beginnt es – dieser Zug nach innen, ins wilde Gelände ihres Kopfes.

Ein schiefes Baumhaus. Sie und Kristina, beide acht oder neun. Es roch nach Moos und feuchtem Holz. Ein geheim gehütetes Versteck. Unten rief jemand – vielleicht Kristinas Vater. Oder der Gärtner. Ein Schatten, ein Blick durchs Laub. Michelle weiß noch, wie sie sich still machte, regungslos, als wäre Gesehenwerden das Ziel. Der erste elektrische Schauer zwischen den Beinen.

Dann: ein Sommer mit vierzehn. Nachmittage mit Bravo-Heften und Spiegeln, schiefe Pornoseiten im Internet, wo Frauen schrien, aber irgendwie auch lachten. Sie wollte das nicht – und doch wieder doch. Ein Mädchen aus der Parallelklasse küsste sie einmal in der Umkleide, weil es "Mutprobe" hieß. Michelle hatte gewonnen. Und verlor den Geschmack nie mehr ganz.

Jetzt flackern neue Bilder. Ihre Hand – nicht zärtlich, sondern gierig. Sie stellt sich fremde Männer vor. Gesichter wie leergefegte Straßen. Nur Körper. Hunger. Thomas im Türrahmen. Tom am Fenster. Hände, Münder, Stimmen – ihr Körper ein Schrein, dem geopfert wird.

Und mittendrin immer wieder: sie selbst, splitternackt im Lichtkegel eines Fremden, der nie das Gesicht zeigt. Vielleicht der Nachbar. Vielleicht ein Schatten aus der Erinnerung.

Sie lacht plötzlich. Wild, kurz, erschrocken. Und wieder still.

Am Fenster steht Rolf

Diese Gedanken kommen, wenn niemand hinsieht. Sie kriechen aus der Haut, wenn die Tür abgeschlossen ist. Und sie liebt sie. Auch wenn sie sie hasst.

Am Fenster immer noch Rolf

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