What's next?
Freie Wahl
Das leise Klicken der Haustür, als Emma die Wohnung verließ, wirkte wie ein Riss in einer unter Druck stehenden Talsperre. Vanessa war bereits vor einer Stunde in ihren eigenen Trakt verschwunden, um zu schlafen. Die Penthouse-Wohnung lag in absoluter Stille, nur das leise Summen des Kühlschranks war zu hören.
Loona schlenderte barfuß in ihr Schlafzimmer, das Smartphone in der Hand, die Haare bereits für die Nacht gelöst. Sie wirkte vollkommen entspannt, fast schläfrig zufrieden.
In mir hingegen kochte es. Die Demütigung, vor Emma – dem Mädchen, das ich monatelang aus der Ferne angehimmelt hatte – auf den Knien gelegen zu haben, brannte wie Säure in meiner Brust. Jeder Stolz, den ich mir mühsam eingeredet hatte, war in diesem Moment zermalmt worden.
Ich folgte ihr, ohne anzuklopfen. Meine Hände waren zu Fäusten geballt, die Fingerknöchel weiß.
„Warum tust du das, Loona?“, stieß ich hervor. Meine Stimme zitterte vor Wut, viel lauter, als ich es beabsichtigt hatte.
Loona hielt inne. Sie drehte sich langsam um, legte das Telefon auf den Nachttisch und sah mich an. Kein Erschrecken, keine Hektik in ihren Zügen. Nur eine hochgezogene Augenbraue, die signalisierte, dass sie mein Auftreten zur Kenntnis nahm wie ein lästiges Insekt.
„Tür zu, John“, sagte sie mit ruhiger, fast flüsternder Stimme. „Mum schläft.“
Ich schlug die Tür hinter mir ins Schloss, trat einen Schritt näher an sie heran und spürte, wie das Blut in meinen Schläfen pochte. „Warum Emma? Warum lieferst du mich an diese arrogante Zicke aus?! Es reicht dir wohl nicht mehr, mich hier drin einzusperren, mir jeden Bissen vorzuschreiben und mich an deinem Handy wie einen billigen Dienstboten zu halten? Jetzt soll ich mich auch noch in der Schule vor ihr zum Deppen machen?!“
Die Worte platzten aus mir heraus, ungefiltert, getrieben von purer Verzweiflung. Für einen winzigen Augenblick glaubte ich, Gegenwehr geleistet zu haben. Ich glaubte, eine Grenze gezogen zu haben.
Loona stand einfach nur da. Ihr Blick war weder wütend noch empört. Sie musterte mich mit einer Kälte, die mir das erhitzte Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Bist du fertig?“, fragte sie leise.
Ich wich unwillkürlich einen halben Schritt zurück. Mein Atem ging stoßweise. „Loona, bitte… das mit Emma geht zu weit. Sie wird mich zerstören, wenn sie mich in der Hand hat.“
Sie trat langsam auf mich zu. Jeder ihrer Schritte war bedächtig. Vor mir blieb sie stehen, so nah, dass ich ihren Atem auf meiner Haut spürte. Doch statt der spielerischen Wärme der letzten Tage lag in ihren Augen nur noch die unnachgiebige Schärfe einer Halterin, die ihr Tier maßregelt.
Sie hob die Hand, griff nicht sanft, sondern mit eisernem Griff an mein Kinn und zwang meinen Kopf nach oben. Ihre Fingernägel bohrten sich spürbar in meine Haut.
„Du hast offenbar immer noch nicht begriffen, wie unsere Realität aussieht, John“, sagte sie mit messerscharfer Präzision, ohne die Stimme auch nur um eine Nuance zu heben. „Du hast keine Stimme. Du hast keine Bedingungen. Und du hast ganz sicher keine Grenzen, die du mir setzen könntest.“
Ihr Griff verstärkte sich, bis mir der Kiefer schmerzte. Ich konnte den Blick nicht von ihren dunklen Pupillen abwenden.
„Glaubst du im Ernst, Gehorsam ist etwas, das an der Wohnungstür endet?“, fuhr sie fort, und ein spöttisches, fast bemitleidendes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Hier drin brav zu spuren, wenn niemand zusieht, ist einfach. Das ist ein Spiel. Wahre Unterordnung beginnt genau da, wo es dir wehtut. Genau da, wo dein erbärmlicher kleiner Stolz gebrochen wird.“
Sie ließ mein Kinn los, strich mit dem Daumen über meine Wange – eine Geste, die mehr Drohung als Zärtlichkeit war – und wanderte mit der Hand hinab über meine Brust, bis ihre Finger fest um den Bund meiner Jogginghose griffen. Mit einem ruckartigen Zug riss sie den Stoff nach vorne und griff ohne Vorwarnung fest um den Harzkäfig zwischen meinen Beinen.
Ein scharfer Schmerz schoss mir in die Leiste. Ich keuchte auf, die Knie gaben leicht nach.
„Emma ist kein Zufall, Kleiner“, raunte sie, während ihr Druck auf das feste Plastikgehäuse zunahm und jede Bewegung zur Qual machte. „Emma ist eine Lektion. Sie ist das hübsche Mädchen, nach dem du dir monatelang die Zunge verbrannt hast, während sie dich nicht mit dem Arsch angesehen hat. Und jetzt? Jetzt wird sie dich herumkommandieren. Weil ich es ihr erlaube. Und weil du tust, was ich sage.“
Sie beugte sich näher heran, ihre Lippen streiften fast mein Ohr. „Du wirst morgen früh in die Schule gehen. Du wirst jeden einzelnen Wunsch von ihr erfüllen. Du wirst ihre Sachen tragen, ihre Rechnungen zahlen und ihre Arbeiten tippen. Und wenn du das nicht tust, zeige ich Emma ganz genau, welche Videos und Bilder auf meinem Handy liegen. Glaubst du, sie behält das für sich? Glaubst du, dein kleiner Rest Leben an dieser Schule ist noch einen Cent wert, wenn der ganze Jahrgang weiß, wer dich an der kurzen Leine hält?“
Ihr Atem traf meine Wange, doch plötzlich lockerte sich ihr Griff ein winziges Stück. Sie trat einen halben Schritt zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich mit einem durchdringenden, fast gelangweilten Blick an.
„Aber weißt du was, John? Ich zwinge dich zu gar nichts.“
Ich blinzelte verwirrt, der Schmerz pochte noch heiß in meiner Leiste. „Was…?“
„Ich gebe dir einen Ausweg“, sagte sie kühl, und die absolute Gelassenheit in ihrer Stimme schnürte mir die Kehle enger zu als jede Drohung. „Wenn du das nicht willst, hören wir auf. Genau jetzt. Auf der Stelle. Ich hole den Schlüssel, nehme dir dieses Ding ab und lösche alles von meinem Handy. Mum erfährt kein Wort. Emma erfährt kein Wort.“
Sie musterte mich unbarmherzig, während ihre Worte wie Gift in meine Gedanken sickerten.
„Aber dann war es das eben auch. Völlig. Keine Spiele mehr. Keine Fürsorge. Keine Berührungen, kein Kochen, kein Flüstern. Kein Geheimnis zwischen uns, keine Blicke im Flur. Ich werde dich nicht mehr ansehen, nicht mehr beachten und kein einziges Wort mehr mit dir wechseln, das über ein WG-artiges Guten Morgen hinausgeht. Du wirst wieder der unscheinbare, langweilige Stiefbruder sein, der im Hintergrund verstaubt. Willst du das?“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Die Kälte in ihrer Stimme traf mich härter als der Griff um den Käfig. Zurück in die Bedeutungslosigkeit? Zurück in das graue, einsame Dasein, in dem ich für sie unsichtbar war? Die Sucht nach ihrer Nähe, nach ihrer absoluten Aufmerksamkeit – selbst wenn sie aus Schmerz, Demütigung und Fremdbestimmung bestand – hatte sich längst tief in mein Fleisch gefressen. Ich konnte nicht mehr ohne. Der Gedanke, dass sie mich aufgab, war unerträglicher als jede Erniedrigung durch Emma.
Ich stand da, unfähig mich zu bewegen. Die Tränen schossen mir nun nicht mehr nur aus Wut in die Augen, sondern aus bitterer, nackter Erkenntnis.
„Also, John?“, hauchte sie leise und neigte den Kopf zur Seite. „Soll ich den Schlüssel holen?“
„Nein…“, brachte ich mit zitternder, gebrochener Stimme hervor.
„Nein, was?“
Ich senkte den Kopf, mein ganzer Körper bebte vor Ohnmacht. „Nein… bitte nicht. Nicht aufhören, Loona.“
„Und was ist mit Emma?“
„Ich… ich werde tun, was sie will. Ich mache alles, was du verlangst.“
Loona lächelte. Es war nicht mehr der eiskalte Blick von eben, sondern jenes warme, fast liebevolle Leuchten, nach dem ich so erbärmlich gierte. Sie trat wieder an mich heran, hob mein Kinn an und strich mir sanft eine Träne von der Wange.
„Braver Junge“, flüsterte sie und drückte mir einen kurzen, zärtlichen Kuss auf die Stirn. „Siehst du? Tief in dir drin willst du es doch genau so. Ich beschütze dich, John. Aber nur, wenn du mir ganz gehörst.“
Sie wandte sich ab, stieg gelassen in ihr Bett und zog die Seidendecke über ihre Beine.
„Und jetzt mach das Licht aus und geh schlafen. Morgen wird ein langer Tag für dich.“
Ich stand noch Sekunden wie gelähmt im Halbdunkel des Zimmers, die Hand auf dem festen Gehäuse zwischen meinen Schenkeln. Dann löschte ich stumm das Licht, schloss die Tür von außen und ging wie betäubt in mein Zimmer. Sie hatte mich nicht nur erpresst – sie hatte mir bewiesen, dass ich mein eigenes Gefängnis längst freiwillig gewählt hatte.
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