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Verschüttete Milch
Der Morgen fühlte sich an wie das Erwachen nach einer schweren Betäubung. Das dumpfe Gewicht zwischen meinen Beinen, das kalte Harz an meiner Haut und das leise Surren der Apple Watch am Handgelenk holten mich mit gnadenloser Klarheit in die Realität zurück. Jeder Gedanke an Gegenwehr war erstickt. Was blieb, war das verzweifelte Bedürfnis, {reader:Loonas} Erwartungen nicht noch einmal zu enttäuschen.
In der Küche stand der Duft von frischem Espresso. Loona saß bereits im seidenen Morgenmantel am Tresen, tippte auf ihrem iPad und blickte kurz auf, als ich den Raum betrat. Ihr Blick war warm, fast stolz.
„Guten Morgen, John“, sagte sie sanft. Sie griff nach meinem Handgelenk, überflog die Schlaf- und Pulswerte auf dem Display und nickte zufrieden. „Sehr brav. Du siehst ausgeruht aus. Dein Shake steht bereit.“
Ich setzte mich schräg gegenüber auf den Hocker und trank gehorsam. Es war eine trügerisch friedliche Atmosphäre – bis die schwere Schwingtür zur hinteren Abstellkammer aufging.
Arisa trat heraus. Mit ihrem schlichten Rock und der geübten Routine wirkte sie wie immer unbeeindruckt von allem. Als sie jedoch nach dem langen Bodenwischer griff, um ihn aus der Nische zu ziehen, verhakte sich der Stiel an der Kante eines Regalfachs. Ein Ruck ging durch das Holz, der Wischer kippte nach vorne und traf mit dumpfem Klacken die gläserne Milchkaraffe auf der Kücheninsel.
Mit einem lauten Scheppern zerschellte das Glas, und eine weiße Lache ergoss sich über die polierte Steinplatte und klatschte in schweren Spritzern auf das dunkle Parkett.
„Ach, verflixt“, entfuhr es Arisa. Sie griff sofort nach der Rolle Küchenpapier. „Entschuldigung, Loona, das wollte ich nicht. Ich mach das gleich weg—"
„Lassen Sie nur, Arisa“, unterbrach Loona sie mit einer sanften, beiläufigen Handbewegung und einem gewinnenden Lächeln. „Sie haben drüben im Trakt doch noch alle Hände voll zu tun. Machen Sie sich keine Umstände. John übernimmt das gern für Sie, nicht wahr, Kleiner? Er hilft am Morgen sowieso gern ein bisschen mit.“
Bevor ich reagieren konnte, traf mich {reader:Loonas} Blick. Es war kein offener Befehl, keine sichtbare Härte – nur dieses vollkommen selbstverständliche, warme Schmunzeln, das mir keinen Millimeter Spielraum ließ.
„Nimm einfach die Stofftücher aus dem Unterschrank, John“, fügte sie beiläufig hinzu, wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu und nippte an ihrem Espresso.
Ein glühender Schamstoß schoss mir ins Gesicht. Arisa war die Putzkraft meines Vaters – dieselbe Frau, die mich erst neulich mit praller Hose und Taschentuch-Sprüchen im Flur ertappt hatte. Und nun sollte ich vor ihren Augen auf die Knie gehen, als wäre es meine größte Freude.
Doch das gestrige Gespräch brannte sich wie ein Brandzeichen in mein Gedächtnis. Ich gebe dir einen Ausweg. Aber dann war es das eben auch.
Ich schluckte trocken, stand wortlos auf und holte zwei saugfähige Putztücher aus dem Schrank. Arisa blieb am Rand stehen, lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Zeile und beobachtete mich stumm. Sie sagte kein einziges Wort. Aber in ihren Augen lag dieses viel zu wache, amüsierte Funkeln, während ein lautloses, wissendes Lächeln ihre Mundwinkel umspielte.
Der Harzkäfig scheuerte schneidend an meinen Schenkeln, als ich mich vor der Kücheninsel absenkte. Direkt vor Arisas Rocksaum glitt ich auf die Knie. Um an die Spritzer heranzukommen, musste ich mich tief vorbeugen, fast mit dem Gesicht auf den Boden, und die klebrige Milch mit kreisenden Bewegungen vom Parkett wischen.
Arisa sah von oben herab zu, völlig entspannt, sichtlich amüsiert über das Bild des gedemütigten Sohnes des Hauses zu ihren Füßen. Nach ein paar Sekunden schüttelte sie nur leicht grinsend den Kopf, griff nach ihrem Eimer und schlenderte lautlos den Flur hinunter in den anderen Trakt.
Ich kniete immer noch da, das Herz raste, während ich die letzten Reste der Sauerei aufnahm.
Über mir erklang das leise Rascheln von Seide. Loona stand auf, trat direkt an mich heran und blieb stehen, sodass ihr nackter Fuß nur wenige Zentimeter vor meiner Hand auf dem Boden ruhte. Mit der Spitze ihres Zehs berührte sie sanft meine Finger, strich dann mit der Hand kurz und besitzergreifend über meinen Nacken.
„Sehr ordentlich“, hauchte sie leise und lächelte mich warm an. „Steh auf, zieh dich an. Du willst doch nicht zu spät kommen.“
Ich erhob mich mühsam, die Knie schmerzten vom harten Boden, und warf die feuchten Tücher in die Wäsche. Als ich meine Tasche griff, zupfte Loona beiläufig meinen Kragen zurecht.
„Ach übrigens“, flüsterte sie mit einem schelmischen Funkeln in den Augen und drückte mir einen kurzen, kühlen Kuss auf die Wange. „Emma wartet in der ersten großen Pause auf dich. Lass sie nicht warten.“
Mit brennender Scham im Magen und dem unnachgiebigen Druck des Käfigs im Schritt verließ ich die Wohnung, um in der Schule das nächste Glied meiner Kette zu spüren.
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