Kommen sie jetzt wenigstens alle heil raus?
Es wird ein etwas heikler Rückzug
Als er endlich fertig mit seinem Abspritzen war und nun auch wieder auf seine Normalgröße zusammenschrumpfte, sah Jessie kurz zu ihm und Diana und dann wieder zu ihrem "Chor", und sie beendete ihr Lied nach einer letzten Wiederholung von "dass die Welt in Frieden lebt". Während die Soldaten aus ihrer Trance zu erwachen schien, verneigte sie sich kurz in ihre Richtung. "Besten Dank euch allen", rief sie mit leicht belegter Stimme, der im Moment ihre Anspannung anzuhören war, "ihr wart ein tolles Publikum! Leider gibt es keine Zugabe mehr - es sei denn, einer von euch kommt auf die Idee, uns jetzt beim Gehen aufhalten zu wollen. Will jemand? Nein? Dann eine gute Nacht euch allen!"
Sie winkte und ging zurück zum Auto, wo Alex und Diana bereits eingestiegen waren und Malia die Sporttasche mit ihren Spraydosen hinten in den Kofferraum warf. "Alle abfahrbereit da drin?"
"Beeil dich lieber", gab Alex zurück. "Ich glaube, wir sind etwas spät dran, und die könnten jede Sekunde wieder Kontrolle über ihre Kommunikation haben. Wenn die Verstärkung bekommen-"
"Okay, okay, ich mach ja schon!" Jessie warf ihm einen leicht genervten Blick zu, öffnete die Fahrertür und stieg ein, während Malia auf der Rückbank zwischen ihren nackten Gefährten Platz nahm. "Selbst wenn wir nur eine Minute statt zwei haben, sind wir damit locker-"
In diesem Moment waren zwei Schüsse zu hören, und einer davon schlug hörbar ins Heck des Autos ein. Diana gab einen erschrockenen Schrei von sich, während Jessie eiligst den Motor startete und mit quietschenden Reifen abfuhr. Im Rückspiegel konnte sie sehen, wie zwischen den Wachen ein recht normal gekleideter Mann stand - er hatte wohl erst in den letzten Sekunden das Gebäude verlassen - und mit einer Pistole auf sie zielte. Ehe er aber einen dritten Schuss abgeben konnte, traf ihn plötzlich etwas an der Stirn, und im nächsten Moment war sein Gesicht voll grüner Farbe, ehe er zurückstolperte: Tom hatte diesmal schneller reagiert.
Jessie steuerte den Wagen vom Gelände herunter und um die nächste Ecke, und einige Sekunden später wurde dann die Beifahrertür von Tom aufgerissen, der ins Auto sprang und sein Gewehr zu den drei anderen auf dem Rücksitz warf. "Los, los, los!" fuhr er Jessie an, die wieder aufs Gas trat, während er noch die Tür schloss.
"Bei dir alles okay?" erkundigte sich Alex. "Du warst vorhin-"
"Ich weiß, sorry", gab Tom zurück, "ich hab bei dem Scharfschützen gepennt. Ich hatte die Hausdächer in der Umgebung im Blick. Dass einer aus dem dritten Stock schießt, hab ich zu spät gemerkt. Ich kuck mir eure Verletzungen gleich an, sobald wir von der Straße runter sind."
Diana schüttelte den Kopf. "E-Es geht schon. Alles geheilt bei mir. Roadie?"
Alex bewegte probehalber die Schultern. "Ich fühl auch keine Schmerzen. Ich glaube, der Schuss ging gegen mein Schulterblatt und hat im ersten Moment wirklich eklig weh getan..." Er sah zu Diana. "Obwohl du meintest, das wär nicht so schlimm."
"D-Diesmal war es auch anders", sagte Diana leise, "die K-Kugeln waren... größer, glaube ich."
"Nein, eher Hohlspitzmunition", meldete sich Tom zu Wort. "Verformt sich mehr als normale Kugeln, wenn sie in den Körper eindringt. Dafür wenig Wirkung gegen gerüstete Ziele. Allerdings-" Er presste die Lippen zusammen. "Der eine von ihren eigenen Leuten, den sie niedergeschossen haben, dem hat das wohl nur wenig geholfen, dass er ne Panzerung hatte."
Jessie sah aus den Augenwinkeln zu ihm. "Der Schuss ging in den Hals", sagte sie bedrückt, "ich hab das Blut noch spritzen sehen. Ich musste mich echt zusammenreißen, um weiter zu singen."
Beruhigend berührte Tom sie am Arm. "Hast aber deinen Job gut gemacht", sagte er, "wirklich gut die Fanatikerin gespielt, die nichts aus der Ruhe bringen kann. Glaube nicht, dass jemand das für ne reine Ablenkung gehalten hat. Und es wird für die Regierung echt schwer werden, das propagandistisch gegen uns auszuschlachten. Wir haben niemandem auch nur ein Haar gekrümmt!"
"Ja, das fand ich auch klasse", nickte Malia. "Ihr seid echt cool geblieben, obwohl die euch geradezu durchsiebt haben! Hat fast Spaß gemacht heute Abend!"
"Na, ich kann mir was Lustigeres vorstellen", brummte Alex. "Nächstes Mal fängst du dir wieder die Kugeln ein, okay?"
Einige Minuten später fuhren sie in die Tiefgarage, wo sie ihre ursprünglichen Autos abgestellt hatten, und obwohl Diana und Alex beide darauf beharrten, nicht verletzt zu sein, untersuchte sie Tom trotzdem kurz. Während er noch mit ihnen beschäftigt war, kam der zweite Wagen an, in dem sich ihre restlichen Teammitglieder befanden. "Alles okay mit euch?" erkundigte sich Steffen beim Aussteigen. "Das sieht nach ganz schön viel Blut aus."
"Scheint aber alles gut verheilt zu sein", sagte Tom. "Bei euch alles glatt gegangen?"
"Na ja, glatt..." Steffen kratzte sich am Kopf. "Es gab einen etwas heiklen Moment, aber eigentlich-"
Pandora unterbrach ihn grinsend. "Von wegen etwas heikel", lachte sie. "Unser großer Held hier ist auf dem Weg zum Serverraum von einem der IT-Leute gesehen worden - die machen dort offenbar auch Nachtschichten. Allerdings hat man ihn für einen Computertechniker gehalten, trotz oder wegen des schwarzen Overalls. Und vielleicht ein bisschen auch, weil er so indisch aussieht."
Etwas verärgert sah Steffen zu ihr. "Und weil ich spontan improvisiert habe. Bitte das nicht verschweigen. Sonst wärst du auch aufgeflogen."
"Ich wär alleine aber gar nicht erst gesehen worden", konterte Pandora. "Egal jetzt, jedenfalls haben wir alles hingekriegt, und ich konnte noch jede Menge Daten von denen klauen. Zuhause mal schauen, was wir da so finden. Aber erst mal raus hier aus der heißen Zone. Sind wir abfahrbereit?"
"Sobald unsere beiden Riesen wieder angezogen sind, ja", gab Tom zurück. "Haben wir Überraschungen zu erwarten?"
Pandora öffnete ihren Laptop. "Die Netze sind immer noch unten", sagte sie nach einem kurzen Blick, "deren Techies schlafen wohl schon. Kann aber nicht mehr lange dauern. Besser, wir trödeln nicht rum. Ist unser Unterschlupf bereit?"
Steffen nickte und öffnete die Tür des Autos, mit dem er gekommen war. "Hat eben bestätigt, dass die Luft rein ist. Machen wir uns ab. In einer halben Stunde können wir alle schlafen."
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