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Chapter 9 by Reyhani Reyhani

Wie geht es weiter?

Entdeckt

Rot. Das war knapp. Ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren, sonst nimmt das ein böses Ende. Am besten erst einmal rechts ran zum Runterkommen. Aber wie soll ich mich konzentrieren nach dieser Entdeckung. Sie ist es gewesen. Eindeutig. Es ist Johanna gewesen.

Die junge Frau in dem roten Outfit, die aus dem Laden gestöckelt ist. Sexy wie die restlichen Klamotten im Schaufenster nur mit Inhalt. Sie hat den Typen auf der Straße eine Handvoll Flyer gegeben. Begrapscht haben sie sie. Peinlich. Sie ist cool und selbstbewusst geblieben, hat irgendwas gesagt und ist wieder im Laden verschwunden.

Die Szene ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Klar, das Mädchen war ein Hingucker: große Brüste, ein ordentlicher Hintern und das alles verpackt in diesem roten, glänzenden Geschenkpapier. Und getragen hat sie ihr Outfit wie eine zweite Haut, ein Teil von ihr. War das die Besitzerin, die für die neue Kollektion Werbung gemacht hat? Dafür war die Frau ein bisschen zu ****, sah eher aus wie ein Model, auch wenn sie nicht grade Modelmaße hatte. Im Fetischbereich funktioniert das wahrscheinlich anders.

Aber da war noch was. Irgendwas hat meine Aufmerksamkeit erregt und nicht mehr losgelassen. Ich bin nicht drauf gekommen. War zu abgelenkt von dem über ihre Rundungen gespannten Gummi. Erst als ich schon fast aus der Stadt raus war, ist der Groschen gefallen: Das war Johanna!

Man muss sie schon ziemlich gut kennen, um darauf zu kommen. Und ich kenne sie gut … nein, eigentlich überhaupt nicht. Ich sehe sie oft. Sie sitzt in meinem Leistungskurs und auch noch im Grundkurs. Meine beste Schülerin. Ich mag sie. Aber sie ist sehr zurückhaltend, verträumt. Ich beobachte sie mehr, als dass ich wirklich mit ihr kommuniziere. Vielleicht habe ich sie deshalb erkannt.

Es hat irgendwie klick gemacht. So sähe Johanna aus, so würde sie auftreten, wenn sie mal ein bisschen aus sich rausgehen würde. Mein Gott, jetzt höre ich mich schon an wie ihre sogenannten Freundinnen. Klara, Jessica … so richtig gehört sie wohl nirgendwo dazu.

Die meinen damit aber bloß, dass Johanna ihre weiten Pullis mal gegen ein kurzes Top tauschen soll. Ein ordentlicher Absturz mit Wodka-Red Bull würde wahrscheinlich auch als Aus-sich-Rausgehen qualifizieren. Dass ein Fetischtraum in Rot dabei herauskommt, können sie sich nicht vorstellen. Nicht bei Johanna der Streberin. Nicht dass ich vorher auf die Idee gekommen wäre, aber als ich es gesehen, verstanden habe, hat es gepasst.

Doch die Frage bleibt: Wie ist sie bloß auf so was gekommen? Da muss doch mehr dahinterstecken, als der Wunsch, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Hat die neue Frisur nicht gereicht? Oder war es eine Mutprobe? Eine Erpressung? Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wenn es ganz anders ist, als es aussieht? Wer geht schon freiwillig so auf die Straße, provoziert eine Gruppe angetrunkener Jungs und lässt sich angrapschen? Da sind sogar Geldscheine in ihrem Höschen und Oberteil gelandet, wenn ich es aus dem Auto richtig gesehen habe.

Prostitution? Aber danach sah der Laden eigentlich nicht aus. Irgendetwas stimmt trotzdem nicht. Das ist nicht Johanna. Wie lange das wohl schon so geht? Mir fällt der Test vom Donnerstag ein. Johannas Ergebnis war gut aber eben nicht exzellent wie sonst. Einen schlechten Tag hat jeder mal, aber ich hatte den Eindruck, dass sie die Fragen gar nicht richtig gelesen hat. So als wäre sie mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen.

Mache ich mir zu viele Sorgen? Bestimmt war es nur eine doofe Wette unter Schülerinnen. Und was soll schon passieren? Das Outfit steht ihr, keine Frage. Und dass sie auf den hohen Absätzen laufen kann, Hut ab. Ich werde sie das nächste mal im Kurs garantiert mit anderen Augen ansehen. Aber was, wenn sie in etwas hineingeraten ist, das sie nicht kontrollieren kann?

Während meine Gedanken sich noch im Kreis drehen, weiß ich es eigentlich schon: Ich muss etwas unternehmen. Die Frage ist nur, was? Ich komme in der Einfahrt zu Stehen, stelle den Motor ab und bleibe unentschlossen sitzen. Ich seufze. So wird es das ganze Wochenende weitergehen. Ich habe so viele verschiedene Strategien gegeneinander abzuwägen.

Was soll ich tun?

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